Zwiesprache mit der anderen Seite - Klaus Voswinckels poetischer Roman "Stein und Meer"

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Rezension von Lutz Hagestedt


Zwiesprache mit der anderen Seite

Klaus Voswinckels poetischer Roman „Stein und Meer“

KLAUS VOSWINCKEL: Stein und Meer. Roman. Verlag Sauerländer, Aarau, Frankfurt am Main, Salzburg 1989. 179 Seiten.

In sieben Sätzen die Erschaffung der Welt – so beginnt Klaus Voswinckels vierter Roman. Er führt aus der großen in die kleine Welt, nach Barbarano, in ein trostloses Dorf in Apulien. Eine staubige Dorfstraße, eine Kirche, ein Café, ein Postamt – sehr viel mehr hat Barbarano nicht zu bieten. Und genau dort, wo die Betonung liegt, fehlt dem Ortsschild ein Buchstabe: „Barbar-no“.

„Barbaren“ – so nannten die Griechen alle Ausländer, alle Fremden, die des Griechischen nicht mächtig waren, und betrachteten sie als Menschen zweiter Klasse. Einfache Menschen leben in dem fraglichen Dorf, aber keine Barbaren, und sie haben auch nichts gegen die Fremden, wenn auch einige von ihnen das Gefühl der Mißachtung kennengelernt haben: „In der Schweiz, wißt ihr, habe ich nachts manchmal nach Luft gerungen vor Einsamkeit, man hat uns wie ein Stück Dreck behandelt, das wollte ich nur einmal sagen.“ Umberto, ein ehemaliger Fremdarbeiter, der Dorfnarr Peppino, die alte Loredana, ein Weinbauer, ein Bäcker und einige andere Figuren bilden die unauffällige Dorfgemeinschaft. Sie sprechen „Griko“, Griechisch-Apulisch, ein Dialekt, der entstanden ist, als die Griechen ihre Kolonien in Unteritalien gründeten und auch hier die Zweiklassengesellschaft einführten.

In dem kleinen apulischen Dorf treffen eines Tages drei Fremde ein, Jannis, ein 19jähriger Abiturient, Herbst, ein 50jähriger Bibliothekar, und Ingwer, ein 70jähriger Archäologe. Stein, ein gemeinsamer Freund, hat sie nach Barbarano gerufen, weil er hier einen Tempel aus mykenischer Zeit entdeckt haben will.

Jannis, Herbst und Ingwer betreten eine Realität, die mit herkömmlichen Vorstellungen nicht kompatibel ist. Die alte Trennung der Welt in zwei Klassen – homo contra naturam – scheint hier aufgehoben zu sein. Die dargestellte Welt tendiert dazu, die Altersstufen und mehr noch die Seinsstufen einzuebnen. Addio, der wandelnde anthropomorphe Olivenbaum, der – dreißigjährig – das missing link im Katalog der Altersstufen darstellt, ist nur ein Beispiel für den ungewöhnlichen Status der Dinge in Voswinckels Roman. „Es gibt nichts Metaphysischeres als die Dinge“, lautet ein Schlüsselsatz und verweist auf die Eigenschaft der Literatur, alles, was ist, zum Thema zu haben, und auf ihr Vorrecht, die fundamentalen Bedingungen alles Seienden neu definieren zu dürfen. „Was darf die Literatur? Alles“, könnte man in Anlehnung an Tucholsky sagen. „Identität“ wird in „Stein und Meer“ zur Disposition gestellt, wird zur Variablen, als Herbst sich in einen Kreuzdornbusch verwandelt, und auch Ingwers Name enthält schon eine vegetative Komponente. Was in Metaphern wie „Handwurzel“, „Verästelungen“ der Blutbahn, „vegetatives“ Nervensystem et cetera schon vorbereitet ist, wird in einigen Metamorphosen faktisch vollzogen. Ovid, Grimmelshausen, die Romantiker – alte Bilder von Pflanzenmenschen/Menschenpflanzen stellen sich ein, die Alraune und Galgenmännlein werden aktualisiert, die Gemeinsamkeit alles Seienden wird ins Zentrum gerückt. So kann es auch nicht wundernehmen, wenn sich für Jannis, Herbst und Ingwer Identitätsprobleme ergeben: Als sie sich zum erstenmal begegnen, bleiben sie wie angewurzelt stehen, so ähnlich sind sie sich: Sie haben alle das gleiche Muttermal auf der Stirn, das gleiche abstehende Ohr, die gleichen roten Haare und blauen Augen. Als sie erkennen, wie sehr sie sich gleichen, versuchen sie, sich gegenseitig die Attribute wegzunehmen. Alle drei verlieben sich in Mira, die resolute Magna Mater und Bella Donna des Ortes, die zärtliche Geliebte und „das Glück“ der Fremden. Ein jeder ist eifersüchtig auf sein Alter ego, denn ein jeder existiert nur an der Oberfläche, während sich in der Tiefe die Figuren zu einer verdichten.

Die Suche nach dem Briefeschreiber Stein, der seine Freunde in diesen trostlosen Ort gelockt hat und unauffindbar im verborgenen bleibt, muß angesichts der Identitätsprobleme zeitweise ins Hintertreffen geraten. Nur Steins Briefe an Ingwer sind immer präsent. Sie tragen eine theoretische, eine Meta-Ebene in den Roman hinein und entwickeln einen geschichtskritischen Kulturfahrplan, der mit der griechischen Kolonisation in Unteritalien (im 8. vorchristlichen Jahrhundert) beginnt; von der etwa gleichzeitigen Geburt der Philosophie („Vorsokratiker“) ziehen sie Parallelen bis in die Moderne: Die „Fratzenfolge“ der Kolonisationen habe immer nur Angst und Schrecken gebracht, und sie bringe heute nur Fernsehen und Tourismus. Stein sehnt sich in seinen Briefen nach den Anfängen des abendländischen Denkens, als „alles noch offen war und nichts zu herrschen begonnen hatte“, zurück. Symbol dieser Offenheit ist für ihn der mykenische Tempel, dessen Ovalform im Tempelbezirk des Apollon Thermios (in Ätolien im westlichen Griechenland) nachzuweisen ist und dessen Säulen mit den Himmel zu tragen hatten. Zu einem solchen Tempel am Ortsrand von Barbarano wollte Stein, der Unauffindbare, seine Freunde führen. Doch allein, ohne die Anteilnahme der Dinge, würden sie den Tempel vergeblich suchen, denn es ist ja so, „daß wir die Dinge dauernd stumpfsehen, totsehen, zu Ende sehen“. Nur weil Jannis, Herbst und Ingwer allmählich lernen, auf die richtigen Fingerzeige der Natur zu achten und auf die Botschaft der Dinge zu hören, nur weil sie die „Fingerabdrücke des Regens“ ernst zu nehmen beginnen, werden sie fündig. Sie vollziehen auf der Darstellungsebene, was auf der Meta-Ebene gefordert wird, sie überschreiten die allzu engen Personengrenzen, praktizieren das klassenlose Denken und verwerfen den Realismus als Passepartout zur Erkenntnis der Wirklichkeit. Nur ihre Suche nach Stein bleibt erfolglos. Stein, was ist mit Stein? È solo un sasso – er ist nur mehr ein Stein.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 37 vom 14. Februar 1990.
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