Zerrspiegelungen der Welt. Jürg Federspiel: Die Liebe ist eine Himmelsmacht
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Rezension von Lutz Hagestedt
Zerrspiegelungen der Welt
Jürg Federspiels unterhaltsame Fabeln
JÜRG FEDERSPIEL: Die Liebe ist eine Himmelsmacht. Zwölf Fabeln. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 91 Seiten.
Die Welt wäre langweilig ohne die vielen kurzen Meldungen, die wir täglich in der Zeitung lesen können. Sie enthalten das Leben in konzentrierter Form und stellen nicht selten den Rohstoff für fabelhafte Geschichten bereit. Kleine Meldungen, zur Kunstform erhoben; werfen Streiflichter auf unerhörte Ereignisse und lassen die Welt als absurdes Theater erscheinen. Kein Journalist und kein Dichter könnte so verdrehte und paradoxe Phantasiestücke entwerfen, wie sie die Realität täglich offenbart. Er kann nur eines tun: Er kann ihren Dreh- und Angelpunkt noch weiter drehen und an ihren Schluß einen moralischen Lehrsatz oder eine allgemeingültige Sentenz setzen.
Zeitungsmeldungen, die über das ungewöhnliche Ereignis, den Ausnahmezustand, die menschliche und künstlerische Sonderleistung berichten, haben Jürg Federspiel wohl zu den vorliegenden zwölf Fabeln angeregt. Der Schweizer Schriftsteller und Journalist, Jahrgang 1931, hat einmal gesagt, die Welt an sich sei harmlos und es komme nur darauf an, was man aus ihr macht. Federspiel hält ihr den Zerrspiegel des Absurden vor, und alles wirkt seltsam entstellt, deformiert und verdreht. Einmal ist die Welt der Spielball einer „Thersites-Partei“, die dem Menschlich-Häßlichen zur Macht verhelfen will, ein anderes Mal erscheint sie als ein Protektorat der Außerirdischen, die von den Menschen die Liebeskunst erlernen wollen, ein drittes Mal ist sie ein kosmisches Experimentierfeld, für das Grimms Märchen im Computer-Labor milliardenfach variiert werden.
Fast alle Fabeln – man könnte sie auch Erzählungen nennen – beginnen mit einem tiefen Einschnitt: Ein Steuerbeamter wird pensioniert, ein Mann vor Gericht gestellt, ein häßliches Kind geboren, ein Psychiater gerät an eine Masochistin, ein besessener Photograph geht eine Wette ein, in der Werkstatt eines armen Schuhmachers erscheint eine gute Fee.
Das Kontinuum Langeweile wird durchbrochen, die Aktionsströme der Herzmuskelfasern werden heftiger, die elektrische Spannung auf den Nerven steigt. Fast scheint es so, als sei Langeweile ein unauffälliger Auslöser der Ereignisse: Gott macht ein Nickerchen und kehrt seiner Schöpfung den Rücken zu, was auf der Erde zunächst zur Langeweile und dann zu Gewalttaten führt. Der pensionierte Steuerbeamte hängt seine bürgerliche Existenz an den Nagel und verlässt seine langweilige Lebensgefährtin, an deren Seite eine halbe Stunde zur Ewigkeit gerinnt. Der Psychiater schläft immer wieder am Kopfende der Behandlungscouch ein, auf der seine Patienten an Langeweile sterben.
Der schönste Text steht mitten im Buch. Der sanftmütige Jan Landon – er hält eine Kuh, die an Altersschwäche stirbt, und ein Schwein, das wegen zu.hohen Cholesterinspiegels einem Herzinfarkt erliegt – wird zweimal das Opfer einer Verleumdung. Ausgerechnet ein Pfarrer hat sich verplaudert und ihm erzählt, wie wenig langweilig es, im Städtchen getrieben wird, und räumt deshalb den Mitwisser aus den Weg.
Federspiels Fabeln sind geeignet, die Langeweile zu vertreiben; sie sind unterhaltsam und leicht zu lesen, und am Ende steht – wie sich das für diese literarische Gattung gehört – eine religiöse, moralische und praktische Belehrung. Die religiöse: „Schenke einem Beamten des Herrn nie zuviel Schnaps ein.“ Die moralische: „Bei einer Orgie hat eiserne Disziplin zu.herrschen.“ Und die praktische: „Man kann nie wissen.“
Tatsächlich weichen Federspiels letzte Sätze etwas ab von der Norm, sie wollen nicht so recht als Handhabe zur charakterlichen Besserung dienen. Ja, sie wollen sich kaum aus den jeweiligen Handlungsabläufen ableiten lassen. Sie entziehen sich den Gesetzen der Logik, sie sind absurd wie die Ereignisse selber. Sie haben im Grunde keine pädagogische oder sozialkritische Absicht und zeigen Federspiels Einwände und ironische Distanzierung gegen die altkluge, belehrende und moralisierende Manier der Fabel an. Am Schluß darf eine Frage, die sich während der Lektüre stellt, nicht unterschlagen werden: Müßte der Journalist, der seine Geschichten so erfrischend naiv und unverbraucht erzählen kann, sich nicht auch sprachlich anstrengen, um auch auf dieser Ebene der Langeweile entgegen zuarbeiten? Müßten sich seine Kabinettstückchen nicht aufschwingen aus der sprachlich glatten und kultivierten Journalistenprosa? Natürlich darf man von Jürg Federspiel keine „moderne“ Formulierungs-Artistik fordern, kein ausgeklügeltes Experiment um des Experiments willen, keine Originalitätssucht, die darüber die Originalität verfehlen müßte. Fordern müßte man aber von ihm, daß er den allzu leicht eingängigen, unterhaltsamen, gradlinigen Stil der Reportage hinter sich läßt. Die Literatur wäre nämlich langweilig ohne die vielen sprachlichen Besonderheiten, die den Journalisten zum Dichter machen.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 159 vom 13./14.07.1985, S. 142
