Wir, die wir in den Niederungen leben - Porträt der rumäniendeutschen Schriftstellerin Herta Müller

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Beitrag von Lutz Hagestedt


Wir, die wir in den Niederungen leben

Porträt der rumäniendeutschen Schriftstellerin Herta Müller

Im vergangenen Jahr hat Herta Müller den renommierten Ingolstädter Marieluise-Fleißer-Preis erhalten, Lutz Hagestedt porträtiert die rumäniendeutsche Schriftstellerin, die im März 1987 aus dem Banat ausreisen durfte und heute in West-Berlin lebt.

Herta Müller wurde 1953 im rumänischen Nitzkydorf im Kreis Temesch geboren, die dörfliche Realität des weitgehend deutschsprachigen Ortes hat sie in ihrem ersten Buch Niederungen dargestellt, bislang übrigens das einzige Buch der Autorin, das auch in Rumänien erscheinen durfte (Bukarest 1982, Berlin 1984). 1972 bis 1976 studierte Herta Müller Germanistik und Romanistik in Temesvar, jener Stadt, in der Ceausescus Sturz begann und in der die Securitate im Dezember letzten Jahres ihr fürchterliches Blutbad anrichtete. Die Niederungen, Herta Müllers erstes und zugleich sehr erfolgreiches Buch (ausgezeichnet mit dem „aspekte“-Literaturpreis), schildert die trostlose Wirklichkeit der Rumäniendeutschen im Banat aus der Perspektive eines halbwüchsigen Mädchens. Ihre lakonisch knappe, aber doch gern in Bildern schwelgende Sprache, die tatsächlich etwas von Marieluise Fleißer haben mag, erinnert vor allem an Ingeborg Bachmann und – gelegentlich – an den Literarischen Expressionismus: „Die Gärten sind stechend grün. Die Zäune schwimmen feuchten Schatten nach. Die Fensterscheiben gleiten nackt und glänzend von einem Haus ins andere. (...) Die Felder liegen auf dem Bauch. Oben in den Wolken stehen die Felder köpf. Die Wurzeln der Sonnenblumen schnüren die Wolken ein.“ Herta Müller nennt vor allem den frühen Thomas Bernhard (Das Kalkwerk, Die Verstörung) als Bezugsgröße, an der sie sich orientiert habe: „Ich konnte zwei, drei Stellen lesen und mußte aufhören, weil ich die Sprache so überwältigend fand, daß ich sie nicht ertragen konte.“ Was bei ihr so kraftvoll ursprünglich und „empfunden/erlebt“ wirkt, ist in erster Linie über literarische Vorbilder kultiviert worden, etwa dadurch, daß sie „halbe Bücher abgeschrieben“ hat, einfach weil sie die Notwendigkeit spürte, „Sprache mit den Fingerspitzen nachzuvollziehen“.

Herta Müllers kraftvoller Bilderkosmos ist wohl das überraschendste Phänomen ihrer Prosa, überraschend angesichts der reduzierten deutschen Muttersprache, die sie erlernt hat und von der sie sagt: „Wie hohlwangig du in mir schlägst. Und wenn ich reden will, legst du dich tot auf meine Zunge. Und wenn ich schweigen will, dann tust du so, als gäbe der Asphalt sich her für schießende, waldgrüne Maisfelder im Kopf.“

Das halbwüchsige Mädchen, die Ich-Erzählerin der Niederungen, lebt in einer archaischen, aus unserer Sicht bizarren und fast schon exotischen Welt, in der das Deutschtum zur Deutschtümelei verkommen ist, wo man die veralterten Bräuche und Lebensformen bewahrt und mit allen Mitteln verteidigt, auch und gerade gegen Kritik aus den eigenen Reihen. Herta Müller hat in ihren Texten eine von Alkoholismus und Inzest, brutalen Umgangsformen und Erziehungsmethoden, Armut und Schmutz dominierte Realität dargestellt. Nicht von ungefähr haben die Banater Schwaben, sich darin wiedererkennend, „mit Beschimpfungen, Bedrohungen, anonymen Briefen“ darauf reagiert. In rechtslastigen Publikationsorganen wie „Der Donauschwabe“ und „Beiträge zur deutschen Kultur“ haben sie ihrer Verärgerung auch öffentlich Luft gemacht. Die Verleihung des Marieluise-Fleißer-Preises war ihnen erneut Anlaß, Herta Müller anzugreifen und zugleich die literarische Qualität ihrer Bücher in Abrede zu stellen.

Ihrem Erfolg als Schriftstellerin hat das keinen Abbruch getan, Herta Müller gehört zu den sehr hoch gehandelten jungen Autorinnen des deutschsprachigen Raumes, und auch ihr zweites Buch, Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt (Berlin 1986), hat sehr viel zustimmende Kritik erfahren. Der seltsame Titel, eigentlich ein rumänisches Sprichwort, überträgt die Unbeholfenheit des flügellahmen Wildvogels auf das menschliche Ungeschick. Herta Müllers Erzählung thematisiert am Beispiel der Hauptfigur Müller Windisch die schwierige Ausreise aus dem Banat und die Übersiedlung in den Westen, den Schritt aus einer toten Welt in eine Welt mit Zukunft. Der Tod, wörtlich und metaphorisch, ist in der alten Heimat überall präsent und erstickt alle Kultur und jede Initiative, er schafft eine beklemmende Atmosphäre der Bedrohung und zwingt diejenigen, die leben wollen, das Land zu verlassen und alle Brücken hinter sich abzubrechen. Zeichen des endgültigen Abschieds sind die verlassenen und zubetonierten Gräber, im Banat ein mittlerweile häufig anzutreffendes Bild. Hab und Gut sind zuvor schon dem korrupten rumänischen Bürgermeister und anderen Paladinen der Macht ausgeliefert worden, um in den Besitz der begehrten Ausreisepapiere zu gelangen. Die Donauschwaben und Siebenbürger Sachsen, unter Ceausescu der Exportschlager schlechthin, haben den erpresserischen Menschenhandel mit der eigenen Volksgruppe wieder und wieder erfahren müssen. Ota Filip, der Exil-Tscheche und Chamisso-Preisträger, der in Ingolstadt die Preisrede auf Herta Müller hielt, hat diese rechtlosen Minderheiten als „Nachzügler der tragischen deutschen Geschichte“ bezeichnet.

Herta Müller mußte den Schritt in den Westen, den sie anhand eines anderen dargestellt hatte, schließlich selber vollziehen, sie ist zusammen mit ihrem Mann, dem Lyriker Richard Wagner, nach Berlin gegangen. Ihr erstes Buch in der neuen Heimat, Barfüßiger Februar (Berlin 1987), war die Rede, der zornige Rückblick auf den Ceausescu-Staat sei mißlungen und biete der Poesie keinen Platz, die Texte seien „äußerst abstrakt“, vom „plastischen, sinnlichen Bilderkosmos“ der Herta Müller könne keine Rede mehr sein. Es dürfte allerdings sehr fraglich sein, ob sich dieser angebliche qualitative Einbruch im Werk Herta Müllers wirklich an den Texten nachweisen läßt; ich glaube vielmehr, daß die Literaturkritik, indem sie solche Einwände formulierte, einem selbstgestrickten „Mythos“ aufgesessen ist, der nicht daran glauben kann, daß auch „entwurzelte“ Autoren gute Bücher schreiben könnten. „Ist die Lebenswirklichkeit eines Autors gestört“, so ungefähr lautet dieser Mythos, „so ist es auch seine Literatur“, und Herta Müller zählt zu eben jenen Autorinnen, bei denen gern ein direkter Zusammenhang – quasi ein Abbildungsverhältnis – von Leben und Werk unterstellt wird, obwohl doch – jedenfalls was die formale und ästhetische Realisation ihrer Sujets anbelangt – ihre relative Unabhängigkeit von der gesprochenen und erlebten Wirklichkeit im Banat oder im Berliner Exil evident sein dürfte.

Thematisch ist sie sich jedenfalls treugeblieben, der Tod, freilich in Gestalt von Kriegserinnerung und SS-Vergangenheit, dominiert auch das dritte Buch, das durch seine formale Vielfalt auffällt; längere Erzähltexte können neben „Sekundenprosa“ stehen, also neben lyrisch anmutenden, kaum eine halbe Seite füllenden Kostproben ihres Könnens.

Erst anläßlich ihres neuesten Buches, Reisende auf einem Bein (Berlin 1989, als Vorabdruck in der Frankfurter Allgemeinen), hat auch die Kritik wieder eingelenkt: Herta Müller habe „inzwischen eine neue Existenz in Westberlin begonnen und damit auch wieder zum Erzählen gefunden“. Die Hauptfigur, eine junge Frau namens Irene, hat ihre alte Heimat verlassen, doch ihre Erwartungen an die neue Heimat erfüllen sich nicht. Die Beziehung zu Franz, noch im alten Land geknüpft, hält der neuen Situation nicht stand. Auch bei Stefan und Thomas – der eine als Ersatzmann vorgeschickt, der andere homosexuell – findet Irene kein Glück. Sie bleiben Statisten in ihrem Leben.

Bemerkenswert ist die Menge der Auszeichnungen, die Herta Müller für ihr schmales Werk bereits entgegennehmen konnte. Neben dem bereits erwähnten Marieluise-Fleißer-Preis und dem „aspekte“-Literaturpreis erhielt sie den Debütpreis des rumänischen Schriftstellerverbandes, die Fördergabe des Bremer Literaturpreises und den Darmstädter Ricarda-Huch-Preis, und sie stand auf Platz 1 der SWF-Bestenliste. Neben der nicht zu leugnenden literarischen Qualität ihrer Bücher mag auch ihr expemplarischer Beitrag zur Problematik deutschsprachiger Übersiedler dazu beigetragen haben, daß sie diese Beachtung erfahren hat. Mit Herta Müller haben wir jedenfalls einen literarischen Fixstern importiert.

© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: Bayerland. Nr. 3, harz 1990. S. 35f

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