Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann? Aleister Crowley: Gilles de Rais. The Banned Lecture
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Rezension von Lutz Hagestedt
Wer hat Angst vorm Schwarzen Mann?
Der verteufelt schöne Vortrag eines Satanisten
ALEISTER CROWLEY: Gilles de Rais. The Banned Lecture. Zweisprachige Ausgabe mit einem Interview aus dem Jahre 1930. Aus dem Englischen von Michael und Susanne Farin und Roland Hepp. edition belleville, München 1988. 46 Seiten.
„Ich werde annehmen, daß Sie alles über Gilles de Rais wissen; und unter dieser Voraussetzung wäre es in meinen Augen geradezu unverschämt, Ihnen – was auch immer – über ihn erzählen zu wollen. Wir können also den Vortrag als beendet betrachten und, nach den üblichen Dankesworten, sofort zur Diskussion übergehen.“
Aleister Crowleys Vortrag über Gilles de Rais (1404-1440), den Magier, Alchimisten, Kindermörder und Gefährten von Jeanne d’Arc wurde niemals gehalten. Der Grund lag jedoch nicht darin, daß Aleister Crowley bei seinen potentiellen Zuhörern bereits alles Wissenswerte voraussetzen konnte, wie seine Worte es nahelegen, sondern der Grund lag in der Person des Vortragenden selbst. Der berühmt-berüchtigte Satanist, Schwarzmagier, Hexenmeister und also Scharlatan, Ganove und Hochstapler Aleister Crowley (1875-1947) galt den Oxforder Universitätsgeistlichen als Unperson, deren Vortrag vor der Oxford University Poetry Society unter allen Umständen verhindert werden mußte. Disziplinarmaßnahmen wurden angedroht, sollte der Vortrag dennoch stattfinden, und Pater Ronald Knox versuchte Crowleys Ausladung damit zu begründen, daß Oxford seinen guten Ruf wiederherstellen wolle. Dieser Ruf hatte unter einigen Studenten gelitten, die der „Hohen Kunst der Magick“ verfallen waren, und Crowley war beschuldigt worden, den Tod eines dieser Studenten durch schwarzmagische Rituale mit verursacht zu haben.
Als ruchbar geworden war, daß Crowley seine Vorlesung nicht halten durfte, gab ein Londoner Verlag sie heraus, und Oxford-Studenten verkauften sie für sechs Pence an die Mitglieder ihrer Universität. „The Banned Lecture“ über Gilles de Rais arrivierte rasch zum Kultbuch der Schwarzen Szene – bald schon wurde der Text als Rarität gehandelt, und je seltener und unzugänglicher er war (heute existiert nur noch ein einziges Exemplar in der British Library), desto geheimnisumwitterter und skandalöser, desto abscheulicher und verruchter mußte er den nachgeborenen Magikern, Astrologen und – selbstverständlich – den aufgeklärten Gegnern dieser Geheimwissenschaften erscheinen.
„The Banned Lecture“ ist jetzt erstmals wieder – und erstmals in deutscher Sprache – zugänglich. Die englisch-deutsche Ausgabe des Belleville-Verlags bewirkt eine große Ernüchterung. Denn was lange Jahre mit der Aura des Bösen und Verworfenen umgeben war, was als gefährliche und – drei Kreuze! – unzugängliche Inkarnation eines neuen Heidentums gegeißelt wurde, entpuppt sich als zwar bizarrer, aber letztlich doch recht harmloser Versuch, eine Definition von „Wissen“ zu geben. Zugleich überrascht Crowleys Vorlesung als höchst amüsantes und luzide verfaßtes Stück Literatur der Gattung „Realsatire“, man könnte auch – wäre der Begriff noch frei – „Konkrete Poesie“ dafür sagen. Ein Interview mit dem Großmagier, dessen Bildnis auf dem Sergeant-Pepper's-Album der Beatles verewigt wurde, verstärkt diesen Eindruck noch.
Ganz unverblümt, voller Ironie und mit Sinn für Situationskomik und rhetorische Raffinessen teilt uns der Vortragende mit, daß er über den Gegenstand seines Vortrags eigentlich gar nichts weiß, jedenfalls nichts, was über die empirischen Lebensdaten Gilles de Rais’ hinausginge. Ohne einen erkenntnistheoretischen Skeptizismus zur Schau tragen zu wollen, bekennt Crowley, daß er vom sogenannten „Wissen“ im allgemeinen, bezüglich Gilles de Rais im besonderen, überhaupt gar nichts hält. Hier seien bloß Theorien, nichts als Meinungen und Gerüchte im Umlauf.
Die präziseste und grauenhafteste Anklage gegen ihn sei gewesen, daß er „im Laufe von alchemistischen und magischen Experimenten 800 Kinder geopfert“ habe. Crowley macht eine Wahrscheinlichkeitsrechnung auf, um die, wie er glaubt, absurden Vorwürfe gegen Gilles de Rais zu entkräften. Gilles de Rais sei zwar, wie jeder gute Katholik, der Schwarzen Magie verfallen, dennoch sei es in jenen „pechschwarzen Zeiten“ auch ihm nicht möglich gewesen, so viele Kinder verschwinden zu lassen, ohne daß die Bevölkerung aufbegehrt hätte: „Machte denn das Verschwinden der, sagen wir, ersten vierhundert Kinder andere Eltern nicht aufmerksam?“
Crowley hat sich hier des Kunstgriffs der hemmungslosen Übertreibung (die Encyclopedia Britannica spricht von „mehr als 140 Kindern“) bedient, um die Vorwürfe gegen Gilles de Rais um so leichter ad absurdum führen zu können. Ein zweiter Aspekt seines Argumentationsganges scheint uns überzeugender und „wissenssoziologisch“ auch besser abgesichert zu sein: Crowley glaubt nämlich, Gilles de Rais sei deshalb in Ungnade gefallen und vor ein Glaubensgericht gestellt worden, weil er einen unbedingten Willen zum Wissen besessen habe. Damit sei er der Kirche suspekt geworden, die jenen Wissensdrang verketzert und die Unwissenheit systematisch gefördert habe. Denkt man an den ebenfalls mit Wissensdrang korrelierten Fauststoff, der in katholischen Landen jahrhundertelang verboten war, dann gewinnt Crowleys Argumentation sehr viel Überzeugungskraft.
Natürlich muß man Aleister Crowleys Vortrag gegen den Strich und als Versuch zur eigenen Apologetik lesen: Auch Crowley fühlte sich von jenem unbedingten Wissensdrang der mittelalterlichen Magier getrieben, auch er wurde des Ritualmords beschuldigt, auch seine Hauptgegner kamen – wie die Oxforder Universitätsgeistlichen – aus dem Bereich des institutionalisierten Glaubens.
Ziel seines Vortrags ist es, deren Vorwürfe als klerikale Hysterie lächerlich zu machen. In der Pose des Spaßmachers vom Dienst spielt Crowley die Affaire systematisch herunter und leugnet die magischen Formen des Wissenserwerbs.
Die Thematik erfreut sich höchster Aktualität: Auf deutschen Friedhöfen werden wieder Schwarze Messen gefeiert, das Kulturmagazin „Titel, Thesen, Temperamente“ (ARD) hat kürzlich den Aktionskünstler Hermann Nitsch in die Nähe von Satanskult und Vergewaltigung gerückt, und in London muß Salman Rushdie, der Verfasser der „Satanischen Verse“, noch immer um sein Leben fürchten. Eine neue Welle des Irrationalen schwappt über die Welt.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom Mittwoch, 12. April 1989
