Weltschöpfung durch Sprache - Paul Wühr: Grüß Gott. Rede.
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Rezension von Lutz Hagestedt
Weltschöpfung durch Sprache
Paul Wühr – seine Entwicklung als Lyriker
Paul Wühr: Grüß Gott. Rede. Gedichte. Carl Hanser Verlag. München. 1990. 200 Seiten.
„Grüßen wir uns und reden/wir miteinander in dieser Nacht/bis ganz Schluß und denken/uns ganz aus und wenn du/Hände an deinen Armen hast/dann umarme mich jetzt ob du/Augen hast ist gar nicht so schlimm“.
Paul Wührs Gedichte vermitteln diese Spannung in besonderem Maße. Sie bleiben rätselhaft und bieten, ähnlich den Partituren, Raum für verschiedenerlei Rhythmen und Interpretationen, die nebeneinander bestehen können, ohne sich gegenseitig auszuschließen, und die dann Teilmomente einer umfassenderen, alle anderen Deutungen integrierenden Interpretation werden können. Paul Wührs Lyrik ist darauf angelegt, daß sich potentiell jedes einzelne Gedicht in den Kontext aller anderen Gedichte eingliedern (lassen) kann und sich womöglich erst vor dem Hintergrund aller Texte erschließt.
Analog dazu hätte man früher vielleicht von (Teil-)Zyklen gesprochen, die in den großen Zyklus, den Gedichtband, münden. Paul Wühr würde wohl eher von Gruppen oder Phasen sprechen. Alle Gedichte ergänzen und interpretieren die je anderen, jedes Gedicht nimmt mit seinen Worten, seinen Motiven, seinen Figuren und Tropen, seinen grammatischen Strukturen, aber auch seinen Brüchen und Leerstellen Bezug auf die vor und nach ihm stehenden, häufig ähnlichen Texte.
Dies ist bei den „Grüß Gott-Gedichten (Erstausgabe 1976) noch nicht so deutlich spürbar wie bei der „Rede“ (Erstausgabe 1979) und schließlich bei der „Sage“ (1988). Wenn man Paul Wührs schrittweise Entwicklung als Lyriker in den vergangenen 25 Jahren ungefähr vermessen wollte, so müßte man folgendes festhalten:
Der erste Gedichtband, „So spricht unsereiner“ (1973), ist noch ganz stark von den Originalton-Hörspielen der siebziger Jahre dominiert. In „Grüß Gott“ haben wir eine Dominanz der dargestellten Sprechsituation, in „Rede“ eine Dominanz der dargestellten Welt und in „Sage“ Ellipsen und Nullpositionen in beiden Bereichen. Anders gesagt: In „Grüß Gott“ wird sehr viel über das „Wie“ der lyrischen Rede gesprochen, die Sprechhaltung ist nicht einheitlich, die Themen sind vielfältig. In „Rede“ haben wir eine sehr viel einheitlichere Sprechhaltung, die einzelnen Gedichte sehen sich zum Verwechseln ähnlich und verwenden (fast alle) dasselbe Wortmaterial, aus minimalem Materialaufwand wird durch virtuose Kombinatorik semantischer Reichtum gewonnen. In „Sage“ schließlich haben wir beides, sowohl formal und inhaltlich völlig heterogene, mehrfach gegliederte Texte, als auch Kleinzyklen, die sich – wie in der „Rede“ – äußerlich und inhaltlich gleichen. Bei zunehmend weniger Darstellung von Realität wird zunehmend mehr Bedeutung aufgebaut.
Die wertende Literaturkritik hat es mit dieser Art, Lyrikbände zu „komponieren“, jedenfalls sehr einfach: entweder ist alles gelungen oder nichts.
„Der schöne Mai ist wieder da/wie sich zum Schlafen legen mit/großen Augen/der schöne Mai der liebliche/ich bin noch dort in dieser/Zeit/mein Bruder schläft schon/die Nächte sehr gemessen schreien/an der Not“. Sehr eindrucksvoll wird hier die Idylle thematisiert und dann sofort ins Unheimliche gewendet, entfernt an Goethes „Ein gleiches“ („Über allen Wipfeln ist Ruh“) oder Baudelaires „Abenddämmerung“ („Der reizende Abend ist hier, der Freund des Verbrechers“) erinnernd. In der „Rede“ spielt der Mai als Frühlings-, Pfingst- und Revolutionsmonat eine große Rolle, er wird mit dem Hör- und Sprechwunder zu Pfingsten (Apostelgeschichte), revolutionärer Aufbruchstimmung und Fruchtbarkeit verknüpft. Immer geht es um Körpersprache und Sexualität, Sexualität und Revolution, Revolution und Freude, Freude und Trauer, Trauer und Tod, Tod und Geburt, Geburt und Sprache, Sprache und Körpersprache. Paul Wühr betreibt Weltschöpfung per Sprache, durch Umstrukturieren des Vorhandenen, zum Beispiel durch Erweiterung der Funktionen der Funktionswörter (der Partikel, Präpositionen und Pronomen), durch die ungewohnte Grammatikalität seiner Sätze, durch Neutralisierung von Modus und Tempus der Sprechakte, durch Ersetzungsoperationen, durch bewegliche, mehrfach beziehbare Wörter, Verse, Versgruppen, Satzglieder und vieles andere mehr. Die Vieldeutigkeit der Wörter wird genutzt, um Realität als immer schon versprachlichte Realität vorzuführen. Realität, so wird hier postuliert, ist überhaupt nur als sprachliche Realität verfügbar, und die „gebrochenen“ Texte bilden die Schwierigkeit ab, über Realität adäquat sprechen zu können.
Diese Gedichte faszinieren uns, bevor wir beginnen, sie zu verstehen. Sie sind den Erfahrungen unserer Kultur und der Komplexität unserer Realitätserfahrung angemessen. Diese Lyrik betreibt keine willkürliche Esoterik, sondern läßt das Bemühen erkennen, poetische Rede zu verdichten und sie bis an die Grenzen des Verstehbaren zu führen, sie ist dafür mit den wichtigsten Lyrikpreisen unserer Tage, dem Petrarca-Preis 1990 und dem Ernst-Meister-Preis 1990 ausgezeichnet worden.
erschienen in: WIESBADENER KURIER vom 5./6. JANUAR 1991.
