Wege übers Land. Ralf Thenior in Landsdorf oder: Der Autor kommt zum Seminar, das Seminar kommt zum Autor
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Wege übers Land
Ralf Thenior in Landsdorf oder: Der Autor kommt zum Seminar, das Seminar kommt zum Autor
von Ricky Laatz
Eigentlich sind knapp 60 km keine weite Strecke. An diesem Nachmittag aber führten sie ein Stückchen weiter, in eine arkadische Zeitrechnung zurück. Ursache hierfür war der Schriftsteller Ralf Thenior, der einlud zu einer Lesung auf das Gut Landsdorf. Und zu danken war das in ganz besonderer Weise der Familie Angela und Gerd Schäfer. Die nämlich nicht nur ihre Lebensart mit in die mecklenburgischen Lande gebracht hatte, sondern auch ihr Haus geöffnet hält, auf dass es erfüllt werden kann mit neuem Leben.
Aber der Reihe nach. Das Abenteuer, das am Donnerstag Nachmittag des 12. Juni 2008 auch zu einem logistischen wurde, hat seinen Ursprung im Aufenthalt des Autors Ralf Thenior, der erster Gast des privat finanzierten „Sinecure“-Stipendiums in Landsdorf bei Tribsees ist. Lutz Hagestedt, Inhaber des Lehrstuhls für Neuere und neueste deutsche Literatur, kuratierte die Auswahl und hielt schließlich auch die Laudatio auf den Dichter. Die Idee eines Begleitseminars ergab sich dann fast von selbst. In dessen Rahmen gehört auch eine Poetikvorlesung, ebenso wie die öffentliche Lesung in einer Rostocker Buchhandlung.
Thenior ist zwar ein Mann von Prinzipien. So führte er aus, dass er bei dieser wie bei anderen Lesungen nichts aus der aktuellen Produktion, namentlich der lyrischen präsentiere. Da in der Regel gute Texte eine Weile liegen müssten, „abhängen“ sozusagen, damit ihr Wirklichkeitsgehalt über die Zeit auch der Wahrheitsprüfung standhält. Zeit gehört dazu. So sehr, dass für manchen Autorentypus Texte unabschließbar werden, auf Lebensdauer immer wieder neue Fassungen und Überarbeitungen erfahren. Und dennoch: Irgendwie hatte dieser Ort seinen besonderen Reiz entfaltet. Ganz unbemerkt und anscheinend ohne absichtliche Dramaturgie fanden sich die knapp 40 Gäste dieses Nachmittages schließlich auf der Freitreppe wieder. Zum Garten hin. Wo unter dem Eindruck dendrologischer Mechanismen, einer Sichtachse ins Weite hinein und der gleichsam aristokratischen wie geistig geräumigen Atmosphäre Ralf Thenior einer lauschenden Runde im Freien las. Joseph von Westphalen hat es gewusst:
„Was ich als Autor versichern kann ist, daß Sinecure, egal ob als Original oder als Reprint, besonders gut an einen Ort wie Landsdorf paßt, denn hier finden sich genau die arkadischen Baumbestände, die Terrassen und Kieswege, von denen im Gedicht die Rede ist.“ (Nachwort des „Sinecure“-Entsorgungsbandes)
Das muntere Grüppchen aus Studenten und freien Besuchern dieser Lesung nahm teil an einer spannenden Diskussion im ehemaligen „Ballroom“ des Gutshauses, die verschiedene Aspekte an den Tag brachte. So ging es, nachdem Thenior einzelne bereits publizierte Gedichte gelesen und Lutz Hagestedt ein Thesenpapier zur Lyrikentwicklung vorangestellt hatte, in einen erfreulich regen Austausch. Themen wurden heraufgeholt (wie Entfremdungstheorien, Literatur & Gesellschaft, „Kumpel, greif’ zur Feder“), die sich weniger an den Zeittendenzen der Lyrik im allgemeinen entzündeten, als vielmehr an der Aufschlüsselung des Bedeutungsgehaltes von Texten durch den Autor selbst. Die Theoreme der Literaturwissenschaft können offenbar diesem Festhalten am autobiografischen Pakt nichts anhaben, über die Zeiten hinweg. Antwort des Lyrikers: „Dies ist der einzige Irrweg, dem Ihr gefolgt seid.“ Die eine Wahrheit zu diesem Gedicht gibt es nicht. Texte sollten offen genug sein, um verschiedene auch subjektiv gefärbte Bedeutungszuweisungen möglich zu machen. Außerdem zu beachten: die rhythmisch-musikalische Struktur, die sich mitteilt beim Gebrauch. Vielleicht ist das, ist die Offenheit auch gar nicht schlecht. Vielleicht ist gerade sie der Grund, warum das Lesen nicht abreißen wird.
Vom eigenen Tonfall eines geübten Vorlesers dürfen alle Interessierten sich am 19. Juni überzeugen. Um 20:00 lädt die „andere buchhandlung“ am Doberaner Platz zur Lesung mit Ralf Thenior: „Herbstmobil - Hundefleisch und Tigerbeer“.
