Was Theater leisten kann

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Was Theater leisten kann. - Mit dem Theaterstammtisch bei Cristine Hofers Inszenierung von Die fetten Jahre sind vorbei (http://www.volkstheater-rostock.de/repertoire/index.phtml?showsingle-999&Sparte=6)

Von Stephan Lesker

Ein regnerischer Freitagabend mitten im November. Etwa 50 Studenten haben sich im Theater im Stadthafen eingefunden um zu sehen, ob die fetten Jahre denn nun wirklich vorbei sind. Die frische und moderne Inszenierung lässt ersteinmal vermuten, dass man sich inmitten jener besagten Jahre befindet. Die Darsteller spielen mit dem Sicherheitsdenken der Gesellschaft ("Haben Sie Ihren Herd ausgestellt? - Wir können auch noch warten, wenn sie nochmal kurz nachsehen wollen.") und platzen zu Beginn scheinbar versehentlich in das Spiel ihrer Kollegen ("Ach spielt ihr schon?"). Reaktionen des Publikums bleiben natürlich nicht aus. Das Resultat ist feinstes Improvisationstheater. Als die Improvisationspassgen ihr Ende gefunden haben, entfaltet sich die eigentliche Handlung. Jule hat Schulden. Ihre Freunde Jan und Peter brechen unter dem Decknamen "Die Erziehungsberechtigten" in Villen reicher Leute ein, richten dort ein heilloses Durcheinander an, stehlen aber nichts. Nun hat Jule eine Idee. Der Grund für ihre Schulden ist ein gewisser Hardenberg, dem sie in einem von ihr verschuldeten Unfall die Nobelkarosse zu Schrott gefahren hat. Um sich an ihm zu rächen, schlägt sie vor, auch in seine Villa einzubrechen. Dabei werden sie von Hardenberg überrascht. Was nun folgt ist eine aberwitzige Entführungsgeschichte. Wie es allerdings weitergeht, sei hier nicht verraten.

Das Stück besticht durch Witz, Gesellschaftskritik und vier gut aufeinander eingespielte Akteure. Es gibt sogar mehrere live gespielte Musikeinlagen, die vom Publikom begeistert aufgenommen werden.

Das anschließende Gespräch mit den vier Darstellern Laura Bleimund, Jakob Kraze, Michael Ruchter und Jörg Schulze offenbarte dann jedoch, dass das Volkstheater sich momentan nicht in den fetten Jahren befindet, was jedoch nicht heißt, dass die fetten Jahre vorbei sind. Sie können ja auch noch kommen. Momentan mangelt es jedoch an Zuschauern.

Dabei zeigt dieses Stück, was das Theater alles leisten kann. Es schafft neue Blickwinkel, es setzt sich mit gesellschaftlichen Missständen auseinander, Theater ist ein interaktives Erlebnis und nicht zuletzt macht es einfach Spaß und schafft eine Möglichkeit mit Menschen ins Gespräch zu kommen. So ist das Gespräch mit den Schauspielern eine seltene Gelegenheit, die man nutzen sollte. Faszinierend dabei ist, in welche Richtung sich der Dialog wendet. Wird es um die Dramaturgie des Stückes gehen, um Politik, um Kultur oder gar um etwas ganz anderes? Letztendlich sind es die Zuschauer, die Deutungsangebote machen und somit die Richtung des Gesprächs angeben, denn Theater lädt zu Deutungen ein. Jeder ist eingeladen und jeder hat sein ganz individuelles Deutungsangebot. Theater kann so vieles sein und es kann jedem etwas bedeuten. Was dies allerdings ist, lässt sich am besten bei einem Theaterbesuch herausfinden.

Um nun also die Frage, was Theater denn nun leisten kann zu beantworten, sei hier in leicht abgewandelter Form Robert Gernhardt zitiert: Was Theater leisten kann? - Alles!

'Persönliche Werkzeuge