Von der Geilheit der Kamele - Leonardo da Vinci: Der Nußbaum im Campanile. Bestiarium, Fabeln, Schöne Schwanke, Prophezeiungen
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Rezension von Lutz Hagestedt
Von der Geilheit der Kamele
Fabeln von Leonardo da Vinci
LEONARDO DA VINCI: Der Nußbaum im Campanile. Bestiarium, Fabeln, Schöne Schwanke, Prophezeiungen. Herausgegeben von Isolde Rieger. Verlag Klaus G. Renner, München 1989. 155 Seiten.
Leonardo da Vinci gilt als das Universalgenie schlechthin. Kaum bekannt ist jedoch, daß der Maler, Bildhauer, Architekt, Techniker, Anatom, Zeichner und Naturforscher auch Fabeln und Märchen, Schöne Schwanke, Prophezeiungen und ein Bestiarium geschrieben hat. Das Bestiarium etwa erzählt von der Heiterkeit des Hahnes, der bei jeder scherzhaften Kleinigkeit zu krähen beginnt, oder von der Traurigkeit des Raben, dessen größter Schmerz es ist, daß seine Vogelkinder mit weißen Federn aus dem Ei schlüpfen. Leonardo hat, ähnlich wie der selige Tiervater Brehm, den Krabben und Austern, Storchen und Zikaden, Mäusen und Elefanten menschliche Regungen unterstellt und häufig eine didaktische Absicht damit verknüpft:
„Das Kamel ist das geilste aller Tiere, das es gibt, und würde tausend Meilen einem Kamelweibchen hinterherlaufen. Auch wenn es ständig mit Mutter und Schwester zusammenlebte, nie würde es sie berühren; so gut weiß es sich zu mäßigen.“
Nun gilt bei uns das Kamel als besonders dummer Mensch, der eher durchs Nadelöhr ginge, als daß er sich mäßigte, und es sei hervorgehoben, daß Leonardo unseren Pessimismus bezüglich der Natur des Menschen offenbar geteilt hat. Das Bild von der Undankbarkeit und Ungerechtigkeit der Welt durchzieht fast alle Texte. Der Kampf ums Leben wird in seiner ganzen Härte dargestellt und nur gemildert durch die „fabel“-hafte Einkleidung der Geschichten und durch gelegentliche – seltene – träumerische Visionen von einer besseren Welt.
Leonardos Prophezeiungen sind fünfhundert Jahre alt und immer noch aktuell. Zum Beispiel die Prophezeiung, daß man Pflanzen ohne Blätter sehen wird, daß die Menschen ihre eigenen Nahrungsvorräte wegwerfen und daß ihre Handlungen für ihren – der Menschen – eigenen Tod verantwortlich sein werden. All das ist bereits wahr oder zumindest noch absehbar geworden, die Welt gerät aus den Fugen, wußte schon Leonardo.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 222 vom 27. September 1989
