Vom Münchener RUF zur GRUPPE 47

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Im Jahre 1947 war alles Bestreben der jungen Generation „um eine geistige und politische Neuordnung [d]er zerrütteten Nachkriegswelt [im Grunde – S. B.] schon verloren […], die Wende war schon eingetreten [...]: mit dem Verbot der Zeitschrift DER RUF“. (Heinz Friedrich: Das Jahr 47. (S. 15–21.) In: Richter (Hg.) 1964, 17.)

Die Zeitschrift, herausgegeben von Hans Werner Richter und Alfred Andersch, hatte in Deutschland eine gewisse Reputation erlangt:


Mitten in der härtesten Besatzungsdiktatur und unmittelbar nach der bedingungslosen Kapitulation Deutschlands, erhoben hier junge Deutsche ihre Stimme [...]; forderten Gerechtigkeit und Wahrheit [...]; verlangten mit Nachdruck nicht nur Gedanken-, sondern auch Bewegungsfreiheit. (Ebd. 17.)


Dass vor allem diese Bedürfnisse schon bald stärker eingeschränkt sein würden als zuvor, sahen die jungen Schriftsteller und Publizisten voraus und „wiesen warnend auf die zukünftige Ost-West-Entwicklung hin“ sowie „auf die Teilung Deutschlands“. (Ebd.) Infolge der Entlassung der Herausgeber im April 1947 – eine Begebenheit, die in der deutschen Nachkriegspublizistik eine bedeutende Zäsur darstellt – verloren nun aber die „entschlossensten Schreiber ihr Sprachrohr, ihre Stimme verlor an Kraft“. (Ebd. 18.) Daher musste eine neue Plattform für die jungen Schriftsteller und Publizisten gesucht und gefunden werden, die dazu dienen konnte, alle Gedanken und Ideen, alle innere Bewegung zu einer äußeren Bewegung werden zu lassen. So versuchte Hans Werner Richter zunächst „mit der Wochenzeitung DIE EPOCHE“ (ebd.) zu verhandeln. Die Zusammenarbeit scheiterte allerdings „an der Ignoranz der damaligen Lizenzträger“. (Ebd.)

Einige Wochen später sollte jedoch auf „einer denkwürdigen Autorentagung des Stahlberg-Verlages“ – abgehalten „vom 25. bis zum 29. Juli 1947 auf dem Gut der Gräfin Degenfeld in Altenbeuern“ – ein Plan ganz anderer Art ins Leben gerufen werden, „der die Geburtsstunde der GRUPPE 47 vorbereitete“. (Ebd.)

Der „von Inge Stahlberg 1946 gegründet[e]“ Verlag hatte „eine broschierte Buchreihe“ mit dem Titel „Ruf der Jugend“ konstituiert, in welcher „Arbeiten junger Autoren“ (ebd.) der Öffentlichkeit vorgestellt wurden. Diese fanden sich nun im Juli auf der Autorentagung ein, zu welcher auch einige Mitarbeiter des verbotenen RUF geladen worden waren. Als „geistige[r] ‚Schirmherr‘ der Tagung“ fungierte Rudolf Alexander Schröder (zu dessen Ehren der „Rudolf-Alexander-Schröder-Preis“, der spätere „Bremer Literaturpreis“ 1953 ins Leben gerufen wurde). Schröder leitete die Tagung ein „durch ein wohlabgewogenes, verständnisvolles und zugleich sanft ermahnendes Referat zum Thema ‚Vom Beruf des Dichters in der Zeit‘ [...], dessen unrevolutionäre Weisheit“ manchen Teilnehmer lediglich „zu heimlichem Widerspruch herausforderte“. Dafür sollte allerdings eines der nachfolgenden Referate mit dem Titel ‚Meine Gedanken zur geistigen Lage der jungen Generation‘ von Heinz Friedrich umso mehr für offene und „grimmige Diskussionen“ (ebd.) sorgen.


27. Juli 1947
MEINE GEDANKEN ZUR GEISTIGEN LAGE DER JUNGEN GENERATION. Es ist nicht ganz leicht für mich, über dieses Thema zu sprechen, obgleich es mir sehr am Herzen liegt und ich mich ständig damit auseinandersetze. Und zwar ist es mir deshalb nicht ganz leicht, weil ich selbst ein junger Mensch bin, mitten drin stehe in all den Problemen, die es anzuschneiden und zu betrachten gilt, und mich stets mit intuitiver, subjektiver Leidenschaftlichkeit für diesen ganzen Themenkomplex einzusetzen pflege. Es ist möglich, daß bei solcher Betrachtungsweise manche nüchterne Klärung unterbleibt, manche Formulierung über das Ziel hinausschießt, manche Verteidigung zu ausschließlich und mancher Angriff zu unerbittlich vorgetragen wird. Doch ich hoffe, daß solche Betrachtungsweise, für die man sich mit der ganzen Persönlichkeit einsetzt, Anteilnahme erwecken und nicht ohne Widerhall bleiben wird.

Die Frage nach der geistigen Situation der deutschen Jugend ist nach dem Zusammenbruch des Hitler-Regimes oft und meistens mehr rhetorisch als herzlich gestellt worden. Man faßte mit dem Begriff Jugend so ungefähr die Jahrgänge 1925/26–1934/35 zusammen. Die Parteien, die Behörden, die konfessionellen Institutionen waren sich darüber einig, daß in der Frage der Jugend etwas getan werden müsse. Neue Organisationen aller Arten wurden ins Leben gerufen, ja es wurde sogar eine Amtsstelle der Stadt- bzw. Kreis-Jugendausschüsse inklusive des heiligen Bürokratismus geschaffen. Trotz dieser vielseitigen Bemühungen, denen sich auch die amerikanische Militärregierung nicht entzog, sind die zu verzeichnenden Erfolge innerhalb der Jugenderziehung gering. Mir will scheinen, daß dieses Problem von einem ganz anderen Gesichtswinkel aus angefaßt werden muß. Man vergißt bei all diesen Bemühungen einen Menschenkreis, den wir mit Begriff „Junge Generation“ bezeichnen, und der etwa die Menschen im Alter von 20–40 Jahren umfaßt. Um diese Menschen bekümmert sich kaum jemand, und gerade sie haben einmal den jetzigen Jugendlichen den Boden zu bereiten, auf dem sie wirken müssen. An dieser Generation möchten sich die Jungen eine Orientierung verschaffen und sozusagen eine feste Währung erkennen. Das Problem der Jugendlichen löst sich organisch, wenn der Menschenkreis der jungen Generation festen Boden gefunden hat. Man verwechselt nur zu leicht die Begriffe „Junge Generation“ und „Jugend“. Das hat jüngst auch die „Internationale Jugendkundgebung“ in München bewiesen, bei der auf den geistigen Anruf der Ausländer Jungendliche sich äußerten und natürlich in ihrer Aussage vollkommen unwesentlich waren. Der Eindruck war sehr peinlich. Dasselbe wiederholte sich bei den Diskussionen in den Bergen und bei der Kundgebung in Frankfurt. Man glaubte, wenn man 16-, 17- oder 18jährige herausstelle, gewinne man ein Bild vom jungen Deutschland. Man glaubte, wenn man mit diesen jungen Menschen diskutiere, beeindrucke man ihre geistige Haltung. Man glaubte, wenn man sie und ihre Aussage werte, erhalte man einen Überblick über die geistige Situation der deutschen Jugend.

Dieser Standpunkt ist unzweifelhaft irrig und kann sich darüber hinaus gefährlich auswirken. Die Situation der jungen Generation wird immer außer acht gelassen – d.h. die Situation, die für die Zukunft am bedeutsamsten ist! Denn die jungen Menschen – ob Mann oder Frau – zwischen 20 und 40 Jahren bestimmen das Bild unserer Tage; sie, die zum Teil noch im Prozeß der Reife begriffen sind, prägen die geistige Haltung unserer Zeit. Denn in diesem Kreis von Menschen steckt noch die Kraft der Jugend, gepaart mit einem großen Ernst und dem unbedingten Gefühl der Verantwortung. Und gerade in unseren Tagen gewinnt die Aussage dieser Generation noch dadurch besondere Bedeutung, daß sie nicht aus dem wohlbehüteten Dasein heraus geformt wurde, sondern aus der unmittelbaren Erkenntnis des Todes heraus.

Heute hinken die Angehörigen dieser Generation auf Krücken durch die Straßen, sie lungern, verkommen und heimatlos, auf den Bahnhöfen und schwarzen Märkten der großen Städte herum, sie sind Bergarbeiter und Zugschaffner, und zum großen Teil sitzen sie noch hinter Stacheldraht in den Gefangenenlagern.

Das ist die Generation, nach der sich die Jugendlichen, die jetzt heranwachsen, eigentlich richten sollten. Sie könnte ihnen am meisten geben, sie könnte ihnen mehr Erkenntnis, mehr Wissen, mehr Lebenserfahrung mit auf den Weg geben als Pastoren und knöcherne alte Lehrer zusammengenommen! Denn es ist an sich doch selbstverständlich, ja ich möchte fast sagen: eine logische Folge, daß wir, die junge Generation, jetzt erst einmal die Basis schaffen müssen, auf der die, die nach uns kommen, weiterbauen können. Denn daß nunmehr, nach diesem letzten furchtbaren Krieg alles zerschlagen ist, was bisher einen Halt zu geben vermochte, ist sicher jedem von uns klar. Selbst die dauerhaften, ewigen Werte der Vergangenheit müssen in dieser Zeit erneut oder neu erworben werden. So setzte sich bis heute kaum jemand für uns ein. Einzig an den Universitäten beginnt – durch die Initiative der Studenten – die junge Generation sich selbst zu regen und erzwingt buchstäblich Konzessionen, die man ihnen nur ungern gibt. In München trat eine Zeitschrift der jungen Generation auf den Plan – ‚DER RUF‘ –, die sich mutig und durchaus positiv und, wie es schien, auch mit außerordentlichem Erfolg, für uns Junge einsetzte. Leider verkehrt sich ihre Absicht jetzt unter neuer Flagge ins Gegenteil... Die junge Generation hat den Anbruch eines neuen geistigen Zeitalters – jenes Zeitalters, das sich durch das Blut, das auf den Guillotinen in Frankreich floß, ankündigte, auf den Schlachtfeldern der ganzen Welt erlebt und erlitten. Und zwar handelt es sicht jetzt nicht mehr um die junge Generation in Deutschland, sondern um die in der Ganzen Welt!

Diese Menschen haben in Dreck, Regen und Feuer draußen gelegen, das Gewehr umkrallt – und sie haben die Zähne zusammengebissen, weil sie den Sinn der Welt nicht mehr verstanden. Sie haben in Nahkämpfen auf andere Menschen eingeschlagen, die sie nicht kannten und nicht haßten und nicht liebten, auf fremde Menschen, die ihnen nie etwas getan! Sie haben dem Tod Auge in Auge gegenübergestanden – und sie haben gebebt – vielleicht auch geflucht – er oder ich! Und sie haben geschossen! Geschossen! Und es wurde rotes, warmes, rotes Blut vergossen... Und nachts waren die Sterne am weiten Himmel, und manchmal schlug sogar irgendwo eine Nachtigall – und Leuchtkugeln stiegen in die Luft und M.G.’s ratterten, daß es in die Nacht schallte... Und manche haben alles verloren – Heimat, Haus, Hof, Eltern, Weib, Kind –, manche darben in Gefangenschaft, andere sind amputiert, wieder andere haben keine Arbeit, manche haben sich bei einem Bauern verdingt. Sie sind wieder nach Hause gekommen. Aber sie wissen, daß das Leben nicht nur aus Saufen und Fressen besteht, sie wissen, daß irgendwo Gott ist, der uns bewegt. Sie alle haben dem Tod ins Gesicht gesehen – und wer einmal dem Tod ins Gesicht gesehen hat, der weiß, wie wenig die Welt an sich wert ist – – und wie lieb man das Leben haben kann.

Es ist doch wohl nun so: Unser Dasein ist allen Flitters entkleidet. Wir machen uns nichts mehr vor. Wir stehen sozusagen nackt vor dem Ewigen da, klein und bescheiden. Wir fordern nicht die Güter der Welt, wir verachten den Tand, mit dem man sich früher das Leben behaglich machen wollte – wir wollen überhaupt kein bequemes Leben. Nun – wir wollen das Leben von allen Schlacken reinigen, wir möchten wieder die Quellen freilegen, die unser Dasein in Wahrheit speisen.

Und vor allem: wir haben wieder gelernt, zum Leben, wie es auch sei, Ja zu sagen. Die vielfältigen Formen unseres Daseins vermögen uns wieder zu beglücken, wir erkennen wieder den Wert eines Tages und einer Stunde und nutzen ihn. Und wir sind hellhörig geworden allem Falschen und Unechten gegenüber. Schöpferisch ausgewertet bedingen diese Erkenntnisse eine neue Form der geistigen Aussage... Die Bedeutung aber, die dieser geistige Vorgang unserer Tage auf das – grob gesagt – politische Leben (jede geistige Bewegung wird ihre politischen Auswirkungen haben) haben wird, wäre wohl die, daß das sozialistische Jahrhundert, das einmal ohne Zweifel hereinbrechen wird, nicht vom Materialismus her seine Prägung erfährt sondern vom Geistigen her. Wir werden – nach dieser ungeheuren Umschichtung der letzten Jahrhunderte – wieder zu einer gläubigen Gemeinschaft kommen müssen und auch kommen. Die junge Generation steht unmittelbar vor dem Anbruch dieser Zeit – und sie trägt, dank ihres Erlebnisses und der schöpferischen, geistigen Erkenntnis, die sie daraus zieht, die Bausteine dazu in der Hand...

Nach zwei Weltkriegen mit all ihren Folgeerscheinungen und ihren Zerrüttungen ist es notwendig, das Verhältnis von Mensch zu Mensch auf einer neuen Basis neu zu formen. Die Aufklärung und in ihrem Gefolge die Technik haben die Welt entgeistigt und damit entgottet. Das religiöse Gefühl schwindet mehr und mehr – die Maschine tritt mehr und mehr in den Vordergrund und nimmt die Stelle Gottes ein. Das Christentum, seiner wunderbaren Wirkungen beraubt, da es mit skeptischen Menschen zu keiner Höhe gelangen kann, wirkt sich mehr und mehr als Decadence aus. Ihm fehlen die Persönlichkeiten, die seine Ideen tragen, ihm Strahlkraft verleihen. Der Materialismus hat seine große Chance. Und es hat den Anschein, daß er sich dieser Chance durchaus bewußt ist. Materialismus jedoch bedeutet Untergang der Menschheit. Der Mensch, der nicht mehr glaubt, taumelt ins Nichts – er wird eines Tages zwischen den Rädern seines selbstgefügten Maschinengottes zermalmt werden.

Ich möchte hier keinem billigen Sozialismus das Wort geben. Der Kampfruf: Proletarier aller Länder vereinigt euch! Hat längst seine verderblichen Wirkungen unter Beweis gestellt. Es ist nicht damit getan, die Masse aufzuwiegeln. Die Masse ist in der Hand des Führers wie des Verführers ein willenloses Machtwerkzeug. Zwölf Jahre Nationalsozialismus haben das deutlich genug gezeigt. Die Masse ist Gefahr. Sie ist unbeweglich, und wo sie durch rebellische Reden gereizt wird, wird sie zur furchtbaren Bestie. Der Materialismus ist daher der ärgste Feind. Und nicht nur der Materialismus – nein – auch jegliche geistige Aussage, die durch Nihilismus, durch blutleere Abstraktion und durch Auflösung der Werte oder auch durch Nur-Ausdruck auf die Masse einzuwirken sucht. In diesen Tagen besuchte ich in München im Haus der Kunst die Ausstellung von Meisterwerken der bayrischen Staatsgemäldesammlungen. Ich stand erschüttert vor diesen Bildern, vor Altdorfer, Burgkmair, Cranach, Hieronymus Bosch, Michael Pacher, Rogier van der Weyden, David oder Douw. Ich spürte den Abgrund, der zwischen dieser und unserer Welt klafft, beklemmend nahe. Ja, es verschlug mir geradezu den Atem – mir fiel es wie Schuppen von den Augen: Diese Welt ist für uns verloren, vielleicht unwiederbringlich verloren! Aber dies war die Welt!

Von irgendwoher wehten Klangfetzen eine Jazzmusik in die stillen Räume. – Hie Altdorfer – hie Jazz! Welch eine Entwicklung! Wir müssen in den Menschen wieder den Boden bereiten, wir müssen sie erlebnisfähig machen, sie aufrütteln, packen – und zwar mit den Mitteln der schöpferischen Gestaltung, die uns unsere Zeit in die Hand gibt –, mit dem Erlebnis unserer Zeit! Dieses Mittel aber ist das positive geistige Prinzip, das Wissen um die ständige fruchtbare Erneuerung allen Lebens. Panta rhei nannte es der griechische Philosoph Heraklit. Alles fließt.

In dieser Erkenntnis wird sich zugleich das religiöse Gefühl organisch miterneuern, ohne konfessionalen Sozialismus und ohne CDU. Es ist selbstverständlich, daß sich dies Forderung nur jeweils in den Spitzen der menschlichen Gesellschaft kristallisieren kann und wird – aber diese Spitzen garantieren, daß dieses geistige Prinzip so weit und umfassend wie möglich realisiert wird. Das wollte ich unter dem geistigen Sozialismus verstanden haben: eine neue gläubige Gemeinschaft. Die junge Kunst wird sich in diesem Erkenntnisvorgang, in diesem Erlebnis organisch mitentwickeln. Die junge Generation steht also somit vor der Entscheidung. Sie muß sich entscheiden: negativ oder positiv. Ja oder nein. Ich denke, wir haben Beweise, daß die Entscheidung ein JA ist! (Friedrich 1987, 50–56.)


Dieser Vortrag enthielt so viel „Sprengstoff“, dass sich „die Gemüter daran heftig erhitzten“ und sich „zwei Lager“ (Friedrich 1964, 18) bildeten. Die eine Partei begehrte vehement auf gegen das „in dem Referat ausgesprochene Engagement für die Gegenwart“ (ebd. 19) und nahm Abstand von den Überlegungen Friedrichs. Die andere Partei, bestehend aus den Autoren, „die dem einstigen RUF nahestanden“, vertrat indessen die Meinung des Referenten und empörte sich „über die Unaufgeschlossenheit und Weltfremdheit der Diskussionsgegner“. (Ebd.) Man wünschte sich den RUF zurück – die Plattform, von der aus Gegenstimmen zu jener Form des „Ästhetizismus“, der den ehemaligen Publizisten des RUF „ein Greuel war“ (ebd.), hätten erhoben werden können.

Da jedoch DER RUF – der zwar nach wie vor existierte, nun aber in einer an die amerikanischen Richtlinien angepassten Form erschien – nicht mehr in Frage kam, schlug Hans Werner Richter vor, eine neue Zeitschrift zu gründen. Er dachte dabei an eine literarische Zeitschrift, in welcher junge Autoren ihre Arbeiten vorlegen und diskutieren könnten – ebenso wie es sich soeben auf der Tagung ergeben hatte, deren grundlegendes Konzept Richter aus diesem Grunde auch „gar nicht so dumm“ (ebd.) gefunden hatte. Er war der Ansicht, dass man dergleichen „öfter machen [sollte]. Manuskripte vorlesen, diskutieren – da kommt was dabei heraus. Nur die richtigen Leute müssen zusammenkommen – das hier [die Autorentagung des Stahlberg-Verlages – S. B.] ist zu gemischt“. (Ebd.) Also wurde ein erstes Autorentreffen geplant, welches zugleich „zur ersten Tagung der GRUPPE 47“ (ebd.) werden sollte – wobei der Name allerdings erst nach diesem ersten Treffen von Hans Georg Brenner gegeben worden war. Die Zusammenkunft fand im September 1947 gemäß dem Vorschlag Ilse Scheider-Lengyels in ihrem Haus am Bannwaldsee bei Hohenschwangau im Allgäu statt. Der kleine Teilnehmerkreis setzte sich vornehmlich aus ehemaligen Mitarbeitern des verbotenen RUF zusammen:


Wolfgang Bächler, Maria und Heinz Friedrich, Dr. [Walter Maria] Guggenheimer, Isolde und Walter Kolbenhoff, Nicolaus Sombart, Toni und Hans Werner Richter, Wolfdietrich Schnurre, Freia von Wühlisch, Walter Hilsbecher, Friedrich Minnsen [recte Minssen], Franz Wischnewsky, Heinz Ulrich [...]. (Ebd.)


Das Treffen sollte in erster Linie dazu dienen, über die neue, literarische Zeitschrift zu diskutieren, welche von Richter konzipiert worden war. Bei der Gelegenheit wollte man auch „ein paar neue Arbeiten vorlesen, die vielleicht für den Abdruck infrage kämen“. (Ebd.)

Bereits zum nächsten Treffen, das vom 7. bis 9. November 1947 im Haus „Waldfrieden“ von Hanns und Odette Arens in Herrlingen bei Ulm abgehalten wurde, konnte Hans Werner Richter eine Probenummer der neuen Zeitschrift vorlegen, die man unter dem Titel DER SKORPION zu publizieren beabsichtigte und deren Mitarbeiter fast ausnahmslos vom RUF kamen. (Vgl. hierzu: Ebd. 21) Allerdings ist der SKORPION nie erschienen – anfänglich „gab es Lizenzschwierigkeiten“ und später brach aufgrund der Währungsreform eine „schlechte Zeit an für Blätter dieser Art“. (Ebd.)

Die GRUPPE 47 aber, deren Teilnehmerkreis sich beim zweiten Treffen im Haus „Waldfrieden“ schon „eindrucksvoll erweitert“ hatte, blieb, „einmal etabliert“ (ebd.), vorerst bestehen.


Quellen:

Almanach der Gruppe 47. 1947–1962. Hg. von Hans Werner Richter in Zusammenarbeit mit Walter Mannzen. Hamburg: Rowohlt 1964. Friedrich, Heinz: Aufräumarbeiten. Berichte, Kommentare, Reden, Gedichte und Glossen aus vierzig Jahren. Hg. von Lutz-W. Wolff. München: Deutscher Taschenbuch Verlag 1987. (dtv 10637.)


Links:

Der Ruf

Seminar - "Die Gruppe 47 und ihre InGroups der Autoren, Verleger und Kritiker" - Prof. Lutz Hagestedt


(Zusammengestellt von Claudia Fritze. Diese Auswahl ist von Studierenden im Rahmen eines Seminars zur GRUPPE 47 getroffen worden. Überarbeitet von Susanne Bauer.)