Urlaubsgeschichten - Die Affenfrau im Ruhestand

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Rezension von Lutz Hagestedt


Fürs Reisegepäck Urlaubsgeschichten


Die Natur kennt keine Ferien: ein Ratgeber für umweltschonendes Freizeitverhalten. Dazu ein sinnlicher Lesespaß von Bestsellerautor T. C. Boyle.


Die Affenfrau im Ruhestand


Alkohol desinfiziert, sagen scherzhaft die Trinker. Im Mittelpunkt von T.C. Boyles Erzählungen steht ein Alkoholiker, dessen Sucht schon bald alle sozialen Bindungen zerstört. Auf seiner Gitarre spielt er einsam und betrunken das sehnsuchtsvolle Lied vom Whiskeyfluß. Doch der Fluß – seit jeher ein Bild des Lebens – steht als Whiskeyfluß zeichenhaft für die verpfuschte Existenz. In diesem aseptischen Milieu sind nicht einmal Mikroorganismen lebensfähig.

T.C. Boyle ist bei uns vor allem durch seine Romane „Wassermusik“, „World's End“ und „Grün ist die Hoffnung“ bekannt geworden. Sie gehören zum Besten und Witzigsten, was Amerikas Belletristik zu bieten hat.

Boyles Geschichten erzählen vom Nouvelle-cuisine-Restaurant, wo man mit Hoffen und Bangen auf die gefürchtete Kolumnistin der örtlichen Zeitung wartet. Oder von der Vertreterin für Alarmanlagen, deren Geschäft mit der Angst als Zitterpartie beginnt. In einer dritten Erzählung hat Beatrice Umbo, eine Autorität auf dem Gebiet wildlebender Schimpansen, ein Haus im US-Staat Connecticut bezogen und ihr aktives Forscherleben im afrikanischen Busch beendet. Es fällt ihr schwer, sich an den Ruhestand zu gewöhnen. So beschließt sie, einen älteren Schimpansen bei sich aufzunehmen und an der staatlichen Universität Vorträge zu halten. Zu den Menschen in ihrer Nachbarschaft hält sie kaum Kontakt. Doch Howard Kantner, ein Fan ihrer Bücher und begeisterter Hobbypilot, lädt sie zu einem Sightseeing-Flug ein. Mit von der Partie ist Konrad, der 40jährige Schimpanse. Er ist ein Opfer der Experimente der späten 60er Jahre, als man Affen zu Menschen erziehen wollte. Konrad also ist echt schizo. Sein Duft im engen Cockpit ist geradezu umwerfend. Kommunikationsschwierigkeiten zwischen Mensch und Tier führen dann zum – recht ungleichen – Kampf der Primaten.


Tom Corahessan Boyle: Wenn der Fluß voll Whiskey wär. Erzählungen. Deutsch von Werner Richter. Carl Hanser Verlag, München 1991. 263 Seiten, 36 Mark.


© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: natur. Das Umweltmagazin, Juli 1991