Unter den Blinden. Gert Hofmann: Der Blindensturz

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Rezension von Lutz Hagestedt


Unter den Blinden

Gert Hofmann: DER BLINDENSTURZ. Luchterhand.

Im vergangenen Jahr beschrieb Erica Pedretti die Empfindungen eines Modells, das im Angesicht des Todes gezeichnet wird. Diese Studie eines künstlerischen Prozesses baute Empfindungen auf, die immer mehr die auratische Qualität von Grausamkeit annahmen. Mit diesem Text „Der Maler und sein Modell“ gewann Erica Pedretti den Ingeborg-Bachmann-Preis 1984 (s. MBM 36).

Gert Hofmann hat für seine neue Erzählung ein ganz ähnliches Motiv gewählt. Er schildert die Entstehung von Pieter Bruegels Gemälde „Der Blindensturz“ aus dem Jahre 1569 aus der „Sicht“ der Blinden, aus einer kollektiven Wir-Perspektive, die Bruegels ästhetisches Objekt zum Subjekt macht. Die Blinden, aus deren Perspektive alles „gesehen“ wird, haben nur eine gemeinsame Individualität: ihr Gebrechen.

In einer Mischung aus Komik und Entsetzen stellt Hofmann jenen Tag des Jahres 1569 dar, an dem die Blinden den menschlichen Schrei während des Fallens und Stürzens üben. Denn der alte, gichtbrüchige Bruegel, schon an der Schwelle zum Tode, möchte eine überzeugende Darstellung des Entsetzens auf die Leinwand bannen. Der Niederländer, dem nach den Metzeleien von Lüttich auf der Leinwand kein Lächeln mehr gelingen will, versucht, das menschliche Leiden, den schrecklichen Augenblick festzuhalten.

Aber Gert Hofmanns Wir-Perspektive aus der „Sicht“ der Blinden impliziert von vornherein einen sarkastischen Zug, der die Erzählung ungemein lesenswert und spannungsreich macht.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Münchner Buch-Magazin. Zeitschrift für Kunst, Kultur und Komputer. H. 49. Oktober 1985. S. 32