Unter Berufung auf Cusanus und Kepler. Wolfgang Hermann Körner: Der Eremit
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Rezension von Lutz Hagestedt
Unter Berufung auf Cusanus und Kepler
Wolfgang Hermann Körner, ein „sittliches Weltall“ entwerfend
WOLFGANG HERMANN KÖRNER: Der Eremit. Erzählung. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main. 145 Seiten.
„Flaig, lese ich: Hat keinen Trieb zur Arbeit, onaniert viel, sonst nichts.“ Nach dem Tod seiner Mutter verkauft er die Wohnung und bezieht eine düstere Mansarde, die er in zehn Jahren kein einziges Mal verläßt. Der Eremit liegt, von einer Decke umhüllt, auf der Matratze und träumt „die leeren Träume des Alleinseins“. Seine Masturbations-Phantasien werden nur selten unterbrochen, etwa wenn der glatzköpfige Zwerg das Essen bringt. Dann liegt er wieder allein, zählt die Sekunden, kratzt sich stundenlang die Kopfhaut oder lauscht auf die Geräusche, die aus einer Wohnung zu ihm heraufdringen. Aus diesen Resteindrücken seines Hier und Jetzt, diesen Versatzstücken der Realität, aus Erinnerungsfetzen und Traumbildern baut er sich seine eigene bizarre Wirklichkeit auf. Aufenthalte in Ägypten und Singapur und ein Brief von Salomon dienen ihm als Hintergrundkulisse.
Flaig ist der Totalverweigerer schlechthin. Er hat fast alle Kontakte zur Außenwelt abgebrochen und fast alle sozialen Bindungen aufgekündigt „Seit Jahren hat er nicht mehr gesprochen: Die Welt ist im Kopf, ein leise rieselndes Geschwätz bis zum Tod.“ Er führt ein Leben, das in letzter Konsequenz nur zum Selbstmord führen kann.
Auf den ersten Seiten seiner neuen Erzählung spielt Wolfgang Hermann Körner auf den Philosophen Cusanus an, dessen erkenntnistheoretisches Hauptwerk „Idiota“ heißt. „Idiotes“ bezeichnet ursprünglich die Privatleute, die Eigenbrötler, die nur um ihren beschränkten Lebensraum besorgt sind und sich nicht um Politik oder die soziale Gemeinschaft bekümmern. Der Hinweis auf Cusanus müßte jedoch genau auf das Gegenteil zielen, auf den Menschen quasi als universales Bindeglied in der Welt Gottes. Gibt es also in Körners Buch ein Gegenkonzept, das Flaigs totalen Eskapismus als in diesem Sinne „idiotisch“ disqualifiziert?
Ein Gegenentwurf zu Flaigs Assozialität ist Salomon. Salomon schreibt Flaig einen sehr poetischen Brief, ein buntes, abwechslungsreiches Zeugnis eigener Erfahrungen und Erinnerungen, anspruchsvoll in der Zielsetzung und vorbildlich in der Moral. Seine Sorgen gelten der „aktivste(n) vulkanische(n) Welt im gesamten Sonnensystem“, die ihren eigenen Untergang betreibt. Salomon versucht, „eine universelle Sprache zur besseren Verständigung der Völker untereinander zu entwickeln“. Er appelliert an Flaig, er möge endlich wieder aktiv werden, denn Einsamkeit das sei, „als erblinde man langsam“. Und das Erblinden ist wie die Einsamkeit ein langsam schleichender Prozeß, der die sozialen Bindungen zerstören kann.
Den Ingenieur faszinieren Reportagen mit sozialkritischem Anspruch; und die ausgemergelten Menschen, die er auf Reisen in Afrika und Indien gesehen und photographiert hat, erinnern ihn an menschenunwürdige Quälereien, an Erschießungskommandos und Massenhinrichtungen. In Kindzert, dessen Sonderlager dem KZ Buchenwald unterstellt gewesen ist, hat Salomon die Schule besucht Nun ruft er in seinem Brief an Flaig die Erinnerung an diese „Schädelstätte“ wach. Blanker Zynismus schlägt ihm entgegen:
„Wir schütten uns aus vor Lachen über die aufgetriebenen Wänste der Kinder.“ Flaig bleibt der rücksichtslose Träumer in seiner selbstgewählten „Schwerelosigkeit“. Der Brief von Salomon gibt seinen Phantasien neue Nahrung, anstatt ihn aus seinen Traumwelten herauszureißen. Flaig bewegt sich in den Ländern und Straßen, die Salomon ihm beschreibt, aber er läßt sich nicht in die Pflicht nehmen dafür. Das Besondere an Körners Büchern ist, daß naturwissenschaftliche Probleme ebenso in sie eingehen wie literarische. „Wie immer ich eine Geschichte anpacke (...), stets öffnen sich weiter, wichtige, unausgesprochene Seiten.“ Ein großes Thema der vorliegenden Erzählung ist die Astronomie. Zwischen Astronomie und Literatur gibt es interstellare, interplanetare Beziehungen. Beide Systeme sind nicht durch einen leeren Raum getrennt, sondern können sich nach dem Gesetz von Anziehung und Abstoßung gegenseitig beeinflussen. Vornehmlich in der Frühgeschichte der Astronomie, aber auch noch im 16./17. Jahrhundert, als Kopernikus, Tycho Brahe, Galilei und Kepler unser Sonnensystem in Riesenschritten eroberten, waren Dichtung und Sternenhimmel eng miteinander verbunden. Dafür gibt es ein berühmtes Beispiel, das bei Körner als „Keplers Traum“ leitmotivisch wiederkehrt. Gemeint ist Johann Keplers Schrift aus dem Nachlaß „Somnium seu opus posthumum de Astronomia Lunari“. Darin stellt ein Dämon einem kleinen Jungen die Erde aus der veränderten und überraschenden Perspektive des Mondmenschen dar. Durch diesen Stellungswechsel möchte er ihm bewußt machen, daß die jedem bekannten Himmelserscheinungen nicht die wirklichen Himmelsvorgänge sein müssen. Also: Nicht mit unseren Sinnen, sondern nur durch die exakte Wissenschaft können wir die „Wahrheit der Natur“ erkennen.
Körner orientiert sich an Kepler, dem „eremitischen Sonnenanbeter“, weil er zum Weltenschöpfer geworden ist, indem er die Welt nur beschrieb. „Wer formuliert, entwirft und setzt in die Welt“, sagt Körner und spielt damit auch auf den Schriftsteller-Demiurgen an, der zwischen zwei Buchdeckeln „ein vergeistigtes, sittliches Weltall sicher schuf“.
Zu befürchten ist nur, daß Körners Figuren das reiche Beziehungsgeflecht nicht tragen können, Das Prinzip der „coincidentiae oppositorum“, um noch einmal auf Cusanus zurückzukommen, also das Prinzip der Auflösung aller Gegensätze und Widersprüche in einer zentralen Figur, ist nirgendwo verwirklicht. Es ist mühsam und nicht immer befriedigend und manchmal auch ärgerlich, den einzelnen Motiven zu folgen, wenn die Zusammenhänge nicht sichtbar werden. Der Erzählduktus ist brüchig und unvermittelt, nicht linear; das allein ist jedoch heute kein Ausweis für Modernität mehr. Der ständige Wechsel von auktorialer und Ich-Perspektive kann schon beträchtliche Verwirrung stiften, und auch die theoretischen Ausflüge in Physik, Chemie, Astronomie und Medizin können recht unerquicklich sein. Bisweilen fragt man sich, wie weit man dem Autor noch folgen soll, wenn er sich zum Beispiel nicht scheut, dem Leser chromosomale Aberrationstheorien zuzumuten, die er in keiner Weise literarisch aufbereitet hat. Ich kann mich nicht entschließen, Fachsprachen sonderlich poetisch zu finden und halte diese Passagen für Schönheitsfehler in einem insgesamt interessanten und experimentierfreudigen Projekt.
erschienen in: Literatur-Beilage der Süddeutschen Zeitung Nr. 280 / 5.12.1985
