Unser Mann im Ministerium - Oswald Wieners Romanspiel mit intelligenten Maschinen
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Rezension von Lutz Hagestedt
Unser Mann im Ministerium
Oswald Wieners Romanspiel mit intelligenten Maschinen
EVO PRÄKOGLER (OSWALD WIENER): Nicht schon wieder...! Roman. Verlag Matthes & Seitz, München 1990. 253 Seiten, 33 Mark.
Dem fiktiven Herausgeber Evo Präkogler zufolge basiert dieser Roman auf einer Sicherungsdatei, die im Rechenzentrum des österreichischen Innenministeriums gefunden wurde und deren Herkunft ungeklärt ist. Es geht darin um das niemals realisierte österreichische Kernkraftwerk Zwentendorf respektive um den Verbleib der Kernbrennstoffe, die vor Jahren für die Inbetriebnahme des Kraftwerks angekauft worden waren und die seither verschollen sind. Ein Politikum österreichischen Zuschnitts bahnt sich an, die Regierung gerät zunehmend unter Druck, eine Terrororganisation versucht, des verschwundenen Plutoniums habhaft zu werden. In ihrer Not erinnert man sich des 1988 verstorbenen Zdenko Puterweck, der als Beamter des Innenministeriums mit der Geheimen Verschlußsache zu tun hatte.
Dieser Puterweck, nebenberuflich Schriftsteller und Theoretiker auf dem Gebiete der Künstlichen Intelligenz, soll wiederbelebt werden und der Regierung aus der Patsche helfen. Die Reanimation gelingt, Puterweck „erwacht“ im Krankenhaus, man gaukelt ihm vor, daß er dem Tod noch einmal von der Schippe gesprungen und nur einige Tage bewußtlos gewesen sei, und zwingt ihn, sich an „Zwentendorf“ und den Verbleib der Kernbrennstoffe zu erinnern. Doch als Puterweck, immer mehr in die Enge getrieben, begreift, daß er nur noch eine Maschine ist, daß alles, was er wahrzunehmen glaubt, „simuliert“ ist, um seinem Hirn die gewünschte Information zu entlocken, kommt es zum verzweifelten Showdown.
Bei „Präkogler“, dem Pseudonym für Oswald Wiener, denkt man an Dementia praecox und vielleicht auch an den Wiener Aktionisten Rudolf Schwarzkogler, der sich 1969 umgebracht hat, und dem Oswald Wiener, der Verfasser des Romans, womöglich Referenz erweisen wollte, als er sein Pseudonym wählte. Inzwischen hat er es gelüftet und sich im österreichischen Fernsehen zur Autorenschaft bekannt.
Oswald Wieners Romanhandlung ist natürlich fiktiv und spekulativ, denn bisher ist es nicht gelungen, intelligente Maschinen zu bauen, die einen Menschen „simulieren“ können, oder Krankenhäuser zu schaffen, in denen Tote zum Leben erweckt werden. Es ist gerade umgekehrt - denkt man an die „Todesschwestern“ von Lainz. Dennoch hat diese Geschichte, dank sei Udo Proksch und der „Lucona“–Affäre, ein Gran Wahrscheinlichkeit auf ihrer Seite.
Die Künstliche-Intelligenz-Forschung ist seit Jahren Oswald Wieners Steckenpferd. Der Theoretiker Wiener hat längst den Erzähler der „Verbesserung von Mitteleuropa“ (Roman, 1969) verdrängt, und darunter leidet auch der vorliegende neue Roman. Die langen Bemerkungen zur KI-Forschung etwa sind eine sehr anstrengende Lektüre und in dieser Ausführlichkeit für die Romanhandlung sicherlich unerheblich. Dennoch hat Wiener den uralten Traum der Menschheit, daß man eines Tages den künstlichen Menschen schaffen könne, innovativ weitergeträumt. Auf fadenscheinige Erzählstrategien und pseudowissenschaftliche Unterfütterung der Romanhandlung, wie sie aus der Science-fiction-und Fantasy-Literatur bekannt ist, hat er von vornherein verzichtet. Er hat auch keinen phantastischen Roman geschrieben, sondern lediglich ein intelligentes Programm postuliert, einen „Komplikator“, der wie ein menschliches Gehirn Daten „falten“ kann. Sein Buch ist ein Gedankenexperiment, das den Eindruck bloßer Zukunftsmusik vermeiden möchte, und das ist zweifellos gelungen.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Mittwoch, 10. Juli 1991
