Traurige Tropen - trauriges Europa. Alfred Döblin: Amazonas
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Rezension von Lutz Hagestedt
Traurige Tropen – trauriges Europa
Alfred Döblin schildert die Welt als Schmerzenstal
ALFRED DÖBLIN: Amazonas. Romantrilogie: Das Land ohne Tod. Der blaue Tiger. Der neue Urwald (Ausgewählte Werke in Einzelbänden, herausgegeben von Anthony W. Riley). Walter Verlag, Olten und Freiburg im Breisgau 1988. 281, 394 und 256 Seiten.
„Wir werden alle nicht leben bleiben“, heißt es im Lied der Trommeln, die den Völkern Südamerikas die Ankunft der Weißen verkünden und mit der Ankunft der Weißen den Tod. Unruhe befällt die Indios, die Qichua und die legendären Amazonen, die Inkunas und Carijonas, sie machen sich auf, um das „Land ohne Tod“ zu suchen, von dem die Alten erzählen. Doch sie finden nur den Tod selbst.
Damit ist ein dominantes Motiv der „Amazonas“-Trilogie Alfred Döblins benannt: Der Tod ist in diesem großen und faszinierenden Romanwerk allgegenwärtig. Er hat viele Gesichter, und er verschont nichts und niemanden.
„Sie gingen in die Flüsse, kein Krokodil war zu sehen, aber plötzlich schrie der Schwimmer grauenhaft, herzzerreißend auf, und schon versank er, und wenn man ihm im Boot zu Hilfe kam und ihn herauszog, so hatte man statt eines Menschen ein Skelett in den Händen, und an ihm hingen kleine Fische, die zu Tausenden im Wasser wimmelten und nach dem Fleisch schnappten. Das Blut wallte rot im Wasser. Was man herauszog und noch den Mund weit aufriß und die Hände gegen die ausfressende Brust krampfte, war ein Toter.“
Die unpersönliche Erzählhaltung signalisiert, daß im „Neuen Indien“ häufig so oder so ähnlich gestorben wird. Der Tod tritt hier auf vielfältige, ja phantasievolle Weise ein:
„Sie sahen große Käfer fliegen, ähnlich Schaben, manchmal saßen ihnen dicke Spinnen auf dem Rücken, der Käfer flog geängstigt auf ein Kraut, saß, die Spinne ließ nicht los, schwoll an, und nun war der Käfer nur noch ein Gehäuse.“
Eindrucksvoll läßt sich der Zippa, der alte König von Cundinamarca (Zentralkolumbien), opfern:
„Als der Himmel zu wogen und zu leuchten begann und der erste dünne Sonnenstrahl auf die Säule fiel, stieß Sugamuxi die Opferlanze in den Zippa. Die Priester legten ihn auf die Steine, schlugen seine Brust auf, schnitten das blutende Herz heraus. Der Oberpriester zeigte es der Sonne.“
Alles stirbt, einzeln oder in der Masse; ganze Familien, Völker, Städte und Kulturen werden ausgerottet. Mit Sengen und Brennen, Kriegswut, Menschenhaß und Gier sind die „Weißen Dämonen“ in das Land am Amazonas eingefallen, und ihr ständiger Begleiter ist der Tod: „Was hier geschah, auf dieser schönen Erde, stinkt zum Himmel und verdient keine Verzeihung.“
Was treibt die Europäer in diesen besinnungslosen Vernichtungswahn; was überhaupt führt die Menschen mit der Leichenfarbe in das Neue Indien? Sie wollen nicht wie Gespenster in der kranken und düsteren Heimat verdämmern, ist es das? Mag sein. Sie suchen Abenteuer oder wollen missionieren, ist es das? Vielleicht auch. Zuallererst steckt – wie trivial – europäische Machtpolitik dahinter; Karl V., der Gold für seine Kriege benötigt, schickt Soldaten in das sagenhafte Eldorado: „ein Fünftel für den erhabenen König von Kastilien“.
Und der Papst entsendet Missionare, die den Kontinent christianisieren sollen. Doch die Abgesandten des Heiligen Vaters, darunter Bartolomé de Las Casas, scheitern an inneren Widersprüchen der christlichen Lehre und an dem grauenhaften Wüten der weltlichen Eroberer. Nur die Jesuiten haben mit ihrer legendären Staatsgründung in Paraguay eine glücklichere Hand, fast scheint es so, als sei hier das Land ohne Tod gefunden, da wird auch der Gottesstaat von Paraguay höheren Machtinteressen geopfert. Der zweite Band der Trilogie ist diesem heiligen Experiment gewidmet.
Alfred Döblins „Amazonas“-Trilogie ist jedoch nicht nur ein Südamerikabuch. Von Europa, das wird immer wieder deutlich gemacht, geht alles aus, und nach Europa führt alles zurück. So ist denn auch der größte Teil des dritten Bandes in Europa angesiedelt, dort also, wo „Der neue Urwald“ liegt. Jetzt werden die „Erben der Härte und Versteinerung“ dargestellt, die Erben derer, die Krieg und Vernichtung nach Südamerika getragen haben. Überall zeigen sich Auflösungserscheinungen der modernen Welt, denen keine Politik, keine Ethik, kein Ideal gewachsen ist: „Es gibt nichts, was uns hält, man treibt so hin.“ In Europa, das längst dem Tode geweiht ist (es hat es bloß noch nicht gemerkt), kommt die fürchterliche Gewißheit hinzu, daß mit dem Tod das absolute Ende gekommen ist: es gibt keine Transzendenz.
Döblins „Amazonas“-Trilogie ist über weite Strecken ein historisches Romanwerk, es erweckt vergangene Geschichte erzählerisch zum Leben, um sie dann erneut sterben zu lassen. Erst im letzten Band wird der Tod auch prognostiziert, nämlich für eine Zukunft, die jenseits der Erzählzeit angesiedelt ist. „Der Abgesang dieses Südamerikawerkes“, schreibt Alfred Döblin in einem Rechenschaftsbericht, „kann nicht umhin, die furchtbare, trostlose, brütende Verlorenheit, die nachbleibt, zu zeichnen.“ Der deutsch-jüdische Emigrant Alfred Döblin hat sein Romanwerk zwischen 1935 und 1937 im Pariser Exil geschrieben, erstmals erschienen ist es dann 1937/38 im Amsterdamer Querido-Verlag. Die Literaturkritik hat damals schon die Aktualität des Romans herausgearbeitet, man hat hier die „bedrängenden Existenzprobleme des europäischen Judentums“ (A. W. Riley), das Problem der Emigration und das Scheitern der abendländischen Kultur im Angesicht des Faschismus wiedererkannt. Wie aber soll man einen historischen Roman ertragen, der die Omnipräsenz des Todes so unerbittlich vorführt, der den Leser zwingt, alles das noch einmal leidend nachzuvollziehen, was bereits tausendfach erlitten wurde? Man kann es wohl nur, wenn man sich klarmacht, daß Literatur die Welten, die sie sterben läßt, zuvor zum Leben erweckt haben muß, und daß Literatur das einzige Medium ist, in dem es Auferstehung und originäre Schöpfung noch wieder gibt – auch und gerade bei Alfred Döblin. Literatur bietet uns die Möglichkeit, während der Lektüre alternative, bessere Geschichtsverläufe mitzudenken und daraus zu lernen, das heißt zu versuchen, lesend etwas besser zu werden. Denn Literatur ist der einzige Ort, wo Utopien noch denkbar sind und wo der Tod sinnvoll besprochen und überwunden werden kann. Was für ein Erzähler! Könnte man doch nur solche Bücher lesen, in denen eine ganze Welt stirbt und durch die eine ganze Welt aufersteht. Hier ist, um es mit Döblin zu sagen, „wieder einmal die Erde größer geworden, unser Reichtum ist vermehrt, eine neue Kolumbusfahrt ist geglückt, ein neues Indien entdeckt“.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 11 vom 14./15.01.1989. Seite IV.
