Thomas Fehling: Bedauernswerte Glücksfälle
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Beitrag zum 4. Prosawettbewerb des Instituts für Germanistik und des Literaturhauses Rostock
Thomas Fehling
Bedauernswerte Glücksfälle
Zur Wohnungseinweihung hatte sie Moussaka gemacht. Ein Rezept von Erinnerungen diktiert. Er hatte darüber lachen müssen, vielleicht auch wegen der Aufschrift. „In allen vier Ecken soll Liebe drin stecken…“ stand auf dem Auflauf. Das unsterbliche Poesiealbum. Darüber rissen sie ihre Witze, später, als Wein und Gäste sich aufgelöst hatten in nichts. Dann hatte er sie in den Arm genommen. Inmitten von Umzugskartons, Bücherkisten, altgedientem Mobiliar und pflegeleichten Grünpflanzen bildeten sie eine Insel und versprachen sich die Welt. Über ein Jahr ist das her.
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Die Nacht hat sich fallen lassen, berührt schon den Hof. Durch die geschlossenen Fenster hindurch macht sich die Großstadt bemerkbar, klingt dumpf und vage, als drücke man ein Kissen auf ihr Gesicht. Seine Stirn lastet auf dem kalten Glas, doch das fühlt er nicht. Auf der dunklen Wand des nächsten Hauses entzünden sich die ersten Rechtecke. Dunkel und blass die Umrisse von Menschen, wie sie sich zu Tisch setzen. Wie ein gelangweiltes Kind blickt er müde auf das Schattentheater. Er hat schon lang nichts mehr gegessen. Als das Telefon klingelt, nimmt er ab nach dem ersten Ton. Für kurz nur am anderen Ende ein Rauschen, er denkt eine Ahnung zu haben. Dann bricht der Kontakt ab. Er zieht die Vorhänge, löscht das Licht und legt sich rücklings auf den Boden.
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Kennengelernt hatten sie sich in Athen.Wenn nichts ihn drängte, dann erklärte er Reisegruppen die Altstadt. Weil er es wollte. Sie musste es tun. Frosch-Reisen für Singles, Paare und Familien, man warb mit unkonventionellem Miteinander. Sie zu erkennen war leicht. Wie eine Schleppe zog sie die Reisegruppe hinter sich her durch die Plaka, zwangsweise versucht, alles zu kontrollieren. Sie hatte das lange schon satt, dieses Bemuttern und Verkuppeln. Und dann war Hinz und Kunz dies und jenes wieder nicht recht und sie - drehte sich um und ging. Ließ nicht nur die Gruppe hinter sich. Verrückt war das und der Gedanke an die Konsequenzen ertrank ihr noch im Stolz auf die eigene Courage. Er lief ihr nach, wollte schlichten, und dann blieben sie weg für Tage. Es war März und der Wind trieb das Wasser in nassen Wolken durch die Straßen.
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Mitten in der Nacht tönt das Telefon. Er liegt noch immer auf hartem Holz und das Herz schlägt ihm bis in den Hals. Deutlich hört er seinen eigenen Rhythmus wenn das Klingeln verstummt. Da ist es wieder. Jemand sucht beharrlich Anschluss, das Läuten wird zur Daumenschraube. Er bleibt regungslos, die Dielen im Kreuz, im Kopf der Gedanke an sie, sich verirrend zwischen Hoffnung und Mutlosigkeit. Jetzt wird es nicht gehen, denkt er und wacht und wartet darauf, dass sich alles beruhigt.
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Athen wie eine steinerne Überschwemmung, vom Meer her heraufgekrochen. Bis zu den Berghängen des Imitos eine ewig lärmende Masse. Es war ihnen dort schnell zu laut geworden. Sie wollten für sich sein, die Zeit war nicht uferlos. Jeder wollte sie deutlicher hören können, diese neue Stimme und die warmen Worte, die sie hervorbrachte. Vor Athen die Inseln im Meer wie abgebrochen. Die Fähre ging trotz der märzlich harten Winde, die Gischt meterhoch über dem höchsten Deck. Er barg sie dicht zu seiner Brust und beide lauschten hinein in das Tosen. Als sie Athen verließen, begann die Stille erst auf dem Meer, war wie eingenäht in den Wind, welcher mit zu den Inseln fuhr.
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Das Erwachen geschieht plötzlich und rücksichtslos. Sofort spürbar der Schmerz im Rücken. Vom Fenster her gähnt ein frühes Grau. Beim Aufstehen kippt der Aschenbecher vom Beistelltisch. Ein erster Gedanke an sie vermischt sich mit dem Geruch kalter Zigaretten. Dann sagt er ihren Namen. Dann noch mal. Dem ersten Buchstaben folgt der zweite, alles fügt sich zu einem Atmen. Wie ein Windhauch ihr Name, er hat das schon immer so empfunden. Manchmal sogar hat er das Schweigen organisiert, hat alle Geräusche ausgeschlossen - nur um in das Tonlose hinein ihren Namen sprechen zu können. So wie man einen ersten Pinselstrich zieht.
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Nach drei Tagen holte sie ein, was sich mit träumerischer Existenz nicht vertrug. Das Reisebüro am Telefon, ein arbeitsrechtliches Verfahren stünde ins Haus. Harte, ungelenke Worte, die sich nicht fügen wollten in die Gemeinsamkeit. Sie war besorgt, er redete Beruhigendes. Sie war freudlos, das Kommende zehrte an ihr. Er war sanft, das Gewesene hatte satt gemacht. Der Abschied am Kai unter Tränen und beinahe hätte sie doch nicht fahren können. Der Sturm ließ das massige Schiff tanzen, warf es hin und her, die Festmacher zerrissen wie Bindfäden und die Gefühle in ihr glichen dem Chaos am Anleger. Dann endlich doch, sie winkte von der Reling her und er spürte in sich das Drängen, etwas versprechen zu wollen. Sie hätte es gerne gehört. Nach Athen zurückgekehrt, nahm er seine Studien wieder auf. Trompe-l`oeil in der griechischen Malerei, das würde ihn noch wenigstens drei Wochen in Anspruch nehmen. Weiterer drei Tage bedurfte es nur, um verunsichert zu sein. Er verneinte die Frage, ob jemand auf ihn warte, und er küsste unbekannte Lippen und war leidenschaftlich und wusste nicht zu sagen, wen er belog.
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Er streicht sich über die Wangen, der Bart steht länger als sonst. Im Spiegel ein fahles Gesicht. Er versucht, etwas zu lesen darin. Das Telefon klingelt aus dem Wohnzimmer. Da ist kein Erschrecken und doch zögert er. Dann nimmt er ab, sein „Hallo?“ klingt abgekämpft. Sie ist es nicht. Freunde erkundigen sich nach seinem Befinden, fragen, ob er endlich um sie wisse. Er wimmelt sie nicht ab. Spricht mit ihnen von dort her, wo er alleine ist, wo er es nicht hat sein wollen und wo die Gedanken über die heraufgezogene Einsamkeit sich ihren Weg bahnen. Berichtet ihnen davon und beginnt zu weinen. Hilflosigkeit gebiert Schweigen, er spürt es und legt auf. Heute rundet sich die sechste Woche ohne Zeichen.
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Sie erwartete ihn am Flughafen. Das war schon ausgemacht, als sie noch Boreas Brüdern lauschten, wie sie da an den Fensterläden rissen und die See in Aufruhr brachten. Das war die letzte Erinnerung, die letzte Gemeinsamkeit, seltsam entstellt jetzt durch die neue Umgebung. Er legte sich ins Zeug, von Beginn an. Zog sie entschlossen zu sich heran und küsste. Sie hatte die Tage gezählt und dankte es innerlich. Es half ihr über noch junge Zweifel hinweg. Seine hingegen blieben. Sie wollten dem die Luft nicht nehmen, was da inmitten antiken Gerölls geboren worden war, und sie machten es nicht schlecht. Erste Zerwürfnisse hinterließen ausschließlich den Willen, es besser zu machen. Sie versicherten sich dessen, wenn sie erhitzt von der Versöhnung beieinander lagen. Alle Versprechen gingen dann leichter von den Lippen. Er wollte glauben, sich selbst überzeugen. Sie dachte sich Liebe aus und wusste es auch nicht besser.
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Der Tag vergeht mühsam. Über Berlin hängt der Himmel wie eine schlechte Frisur. Nasses Haar. Er raucht, statt zu essen, denkt, statt zu schlafen. Wenn er durch die Wohnung geht, dann fällt ihm auf, was fehlt. Jede Kleinigkeit. Das ist ihm nicht bewusst gewesen, dass all das Platz hatte, dass all das wahrgenommen wurde von ihm selbst. Das Kästchen mit den Spangen, ihr Haar fällt ihm ein. Ihre Tasse fehlt über der Spüle, ihr Mantel im Flur, ihr Geruch in den Kissen. Wie eine Hose ohne Bund und alle Unvollständigkeit, dass ihm die jetzt klarer ist als vormals aller erschöpfende Gleichklang, das kotzt ihn an bis zum Zusammenbruch. Er fängt sich und raucht, denkt, vermisst, lässt sich los und landet wieder bei Zigaretten. Dann geht er in den Flur, besieht sich im Spiegel und versucht, den Lügner nicht zu sehen.
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Den Beschluss, eine gemeinsame Wohnung zu beziehen, fassten sie innerhalb weniger Tage und innerer Widerstreit wich schnell. Zeuxis und Parrhasios und das Wesen der Täuschung, Kunstgeschichte und Philosophie, all das beschäftigte ihn zwar noch immer, aber finanziell brachte das nichts ein. Ihre Kenntnisse des Griechischen hingegen verhalfen zu einem festen Engagement in der Jägerstraße, wo die Presseabteilung der griechischen Botschaft über sie verfügte. Die Entscheidung beugte sich keinem ökonomischen Zwang, er glaubte das und war sich sicher dessen. Sie wünschte sich, bei ihm zu sein, so wie man sich in einen Sommer wünscht, der unvergessen bleibt. Er besorgte Adressen und Grundrisse, kümmerte sich um Besichtigungstermine und bremste am Abend väterlich ihre Einrichtungspläne. Er schlief mit einer Maklerin mittleren Alters, während sie auf einem Empfang für Vertreter der Griechischen Eisenbahn Organisationsfehler ausbalancierte, und bürstete sich später in ihrem Badezimmer die Scham vom Leib. Manchmal dann stellte ihn die Moral und er versprach sich selbst, mit ihr zu reden. Nicht zuletzt dem Glauben zuliebe. Diese ihn anfallenden Beschlüsse waren von vergänglicher Natur und verblichen wie der Geschmack eines gegessenen Gerichtes.
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Er sitzt auf dem Boden in dreckigen Jeans und denkt sich seinen Teil. Riefe sie an, er würde ihr davon erzählen. Er würde seine Wut bezähmen, würde sich kein Recht zubilligen. Würde Balsam finden in ihrer Stimme, Linderung für die Selbstzerfleischung der vergangenen Wochen. Er würde ihr erzählen davon, was es heißt, sie zu vermissen und dabei die Bedeutung dieses Wortes wirklich zu kennen. Er würde ihr versichern, dass er glauben kann, es schon immer konnte und nur nicht wirklich wusste darum. Er würde sie reden lassen und zuhören und die Worte würden wie Regen sein. Ein jedes wie ein Tropfen und am Ende würden sie sich sauber fühlen. Er würde nichts fordern, auch aus der Erkenntnis heraus, es nicht zu können. Er würde aber seine Hoffnung nähren an ihrer Rede, und er würde sie darum wissen lassen. Und dann denkt er, dass es nicht gerecht ist. Trotz alledem nicht gerecht. Dass er hier sitzt und vegetiert, alles Leben gewichen, ein blasses Gesicht nur noch und dahinter Reue und Wut und Unwissenheit. Wo sie ist, weiß er nicht und weiß es nicht seit Wochen und schreit gegen die Wand, von welcher her sie beide lachen in Schwarz-Weiß.
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Sie hatten sich für Charlottenburg entschieden, obwohl sie gerne im Osten geblieben wäre. Kantstraße, erster Hinterhof, fünfte Etage, darüber schissen die Tauben in das Dachgebälk. Helles Tageslicht fiel auf dunkel gebeiztes Parkett, im Wohnzimmer stand ein Klavier von Trautwein. Der Vorbesitzer hatte es aus Ermangelung anderer Alternativen dort belassen müssen. Sie war nicht böse darum und griff einen warmen as-Moll Akkord. Er lächelte. Es war zu dieser Zeit, dass er anfing, ihren Namen zu sprechen. Unbewusst, sich selbst überraschend zu Beginn, betont und ausdrücklich später. Sie sprach neuerdings den seinen dort aus, wo es vormals weichere Wörter gegeben hatte. Als ihr das auffiel, war das folgerichtig und schmerzte doch. Mit ihrer Hilfe fand er bald eine Anstellung im Berliner Kultusministerium, Senatsverwaltung für Bildung, Wissenschaft und Forschung. Man hatte seine Bewerbungen bislang nicht berücksichtigt, ihre Initiative dagegen schien Wunder zu bewirken. Das kränkte ihn nicht in jenem Maße, als dass er nicht zu aufrichtigem Dank fähig gewesen wäre.
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Er ist zeitlos. Er ist ohne Gefühl, so denkt er sich jedenfalls für den Moment. Folgt den Bildern in seinem Kopf, lauscht hinein in die Stille, sitzt schwer im Lehnstuhl, die Arme hängen kraftlos herab, er stiert. Später nimmt er seine Jacke vom Haken und geht aus der Tür. Man grüßt ihn im Treppenhaus, jemand antwortet. Stufen, Schritte, monotone Bewegungen. Dann bestellt er zwei Päckchen Lucky Strike und kehrt wie auf Schienen zurück nach Hause. Zwei steigen vor ihm aus einem Taxi, sie lachen. Das befremdet ihn. Er kann sich nicht erinnern, wie das ist, einen Grund dafür zu haben. Im Wohnzimmer lässt er die Jacke auf den Boden fallen, raucht und starrt und wartet, dass sich alles beruhigt.
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Sie frühstückten stets zusammen, er bemühte sich zunehmend. Er half ihr in den Mantel, war zuvorkommend. Sie war unzugänglicher geworden. Ihr gegenüber bemerkte er es nicht, er wollte ihr nichts nachsagen. Am Savignyplatz nahmen sie die S5 Richtung Mitte, stiegen ab Friedrichstraße um in die U6 und dann waren es nur noch zwei Stationen. Sie stand auf, ein Kuss wie eine verwischte Fotografie, er fuhr weiter. Manchmal dachte er, es läge an der Wohnung, an der sich ballenden Gemeinsamkeit. Sie lebten beieinander, mehr war es kaum noch. Manchmal schrie sie, grundlos, er aber gab sich die Schuld und ihr tat es leid. Heimwärts trafen sie sich fast nie. Einmal hatte er sie abholen wollen aber sie war dann doch schon weg. Er legte die Blumen später auf das Klavier und vergaß sie dort. Was ihn beängstigte, war der Gedanke, dass sie es bemerken könnte. In seinen Augen, wenn er versprach, an seinen Händen, wenn die ihre nahmen. Er fühlte die Lüge in sich nicht vergehen und liebte und fühlte sie nicht vergehen, weil er liebte. Es war ihm, als wäre seine Unsicherheit die ihre. Als er beschloss, ihr die Wahrheit zu sagen, tat er es um der Hoffnung willen. Um sich besser zu fühlen vorrangig. Er hätte ja auch nicht zu sagen vermocht, was sie mit dieser Wahrheit hätte tun sollen. Als sie dann vom Tisch aufstand, sich den Mantel umlegte und hinausging, war ihm, als wäre etwas ungesagt geblieben.
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Er brüht in der Küche Tee auf, als das Telefon läutet. Er stellt die Kanne auf den Tisch, wischt sich die Hände am Hemd und geht. Der Fernseher läuft. Er dreht nur den Ton ab, nimmt den Hörer in die Hand und weiß, dass sie es ist. Hinein in sein Schweigen fällt ihr erstes Wort. Eine Floskel nur, aber er kann das kaum ertragen, weil das ist, als höre man ein Lied aus der Kindheit. Er setzt sich, antwortet leise, spürt etwas Leichtes wenn sie spricht. Dann fragt er. Sie schweigt. Sie verschweigt, denkt er, ohne es zu wissen. Ohne es zu wissen wiegt schwerer. Er will ihr nichts nachsagen, aber er ist ein trauriger Mensch ohne Gutgläubigkeit. Er spürt ihr Unvermögen und fürchtet sich davor, ihr die Hand zu reichen. Dann sagt sie, was er sich denken kann. Dann sagt sie, was er nicht denken soll. Dann schweigt sie. In ihm reißt etwas.
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Nach seinem Geständnis hatte sie in der Bahn geweint und hätte man sie nach dem Warum befragt, sie hätte es genau nicht sagen können. Seine Lüge schmerzte, sicher, das war ein Grund. Seine Offenheit aber zeigte auf ihr Schweigen, denn ungestanden blieb, was seit Monaten schon sich geändert hatte. Sie war verliebt und hatte darüber gemerkt, dass sie es vorher nie gewesen war. Das dauerte an, schon über ein halbes Jahr und es eine Affäre zu nennen, wäre den Tatsachen nicht gerecht geworden. Das war ebenfalls ein Grund. Sie belog den Mann am Frühstückstisch und fühlte ein Stechen, wenn sie abends die Blumen auf dem Klavier liegen sah. Verbrachte sie die Nächte in Liebe, dann hatte die Reue keinen Platz, aber nach Hause zurückgekehrt war sie zerrissen, beschämt und getrieben. In allen vier Ecken…, das klang ihr manchmal im Ohr. Sie beide hatten ihm damals den Job im Senat verschafft, da wollten Zwei etwas gut machen von dem, was sie an Einem verbrachen. Die Pläne standen ja längst. Den sie liebte, der hatte um ihre Hand angehalten und sie hatte versprochen, ihm zu folgen. Den sie belog, der hatte sich jetzt aufgemacht, ihr alle Türen zu öffnen. Unfreiwillig. Seine Wahrheiten waren nicht dazu gedacht, aber geeignet. Seine Verfehlungen ummantelten die ihren, sie wollte auch nicht schuld sein. Als er gestand, hatte sie Erleichterung verspürt und sich gehasst dafür. Zwei Wochen blieb sie noch. Dass sie ihre Dinge ordnete, blieb ihm nicht verborgen. Dann ging sie, kurz bevor er heimkehrte. Er fand keinen Zettel in der Küche und sie wochenlang nicht den Mut, ihm die Wahrheit zu sagen.
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Er kann nichts dafür, dass er laut wird. Vieles macht sich Luft. Zwei Stimmen in sich verbissen wie wütende Hunde. Es geht um Schuld, aber das ist nur formal, das hat keine Bedeutung mehr. Er weiß das. Später ist er nicht stolz genug, um nicht zu bitten. Da ist abgeebbt, was bis ins Treppenhaus zu hören war, und jetzt schweigen sie beide und atmen erschöpft. Er entzündet eine Zigarette an den Resten der vorherigen und legt auf, bevor ihn der künstliche Ton einer leeren Leitung erreicht. Das Zimmer wirkt gefroren im blauen Licht des Fernsehers. Er stellt ihn ab, geht zum Fenster und presst seine Stirn auf das kühle Glas. Über Berlin zwängt sich der Morgen aus der Nacht wie aus einem zu eng gewordenen Mantel.
Epilog
Besuche, Anrufe und Anschreiben waren über Wochen hinweg erfolglos geblieben, die Behörden bearbeiteten jetzt eine Vermisstenanzeige. In einer solchen Atmosphäre gediehen Spekulation, Verdacht und Angst gleichermaßen. Man hatte die Wohnung gewaltsam öffnen müssen, die Aufklärung machte den Aufsperrdienst unerlässlich. Der erschien in Begleitung zweier Polizisten, der Vermieter hatte sich entschuldigen lassen. Aus spaltbreit geöffneten Türen verfolgten neugierige Blicke den Aufstieg, man erhoffte sich Themen. Der Schließzylinder blieb trotz roher Behandlung intakt. Noch bevor die nun offene Tür Rückwärtiges freilegte, verwies da einer auf handwerkliches Geschick. Die Polizisten gingen voran, das musste sein. Nachbarn und Freunde blieben flüsternd im Treppenhaus zurück, man hatte sie dorthin verweisen müssen. Man fand nicht, wonach zu suchen auch niemand gekommen war. Wie bewohnt lagen die Räume und waren doch lange schon verwaist. Stickig war die Luft und alt. Staub überzog die Schellackpolitur des Klaviers, Zigarettenkippen übersäten den Wohnzimmertisch, kalt und faltig wartete das Bett im Nebenzimmer. Auf den Dielen lag inmitten gesplitterten Glases eine Fotografie, darauf ein glücklicher Moment, erkaltet in Schwarz-Weiß. Zurückgelassen bezeugte er, wie alles andere auch, Vergangenheit. Die Polizisten suchten das Gespräch mit jenen, die bang gewartet hatten. Baten diese herein und versprachen sich ein paar Hinweise. Es war all dem nichts zu entnehmen und die anfängliche Erleichterung wich schnell neuen Fragen. Man hatte nichts gefunden, war nicht klüger als vorher und wertete das doch allseits als einen bedauernswerten Glücksfall.
