Theaterstammtisch - von Caroline Warluks
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
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Es treffen sich aber Wissenschaft und Kunst darin,
dass beide das Leben der Menschen zu erleichtern da sind […].
Bertolt Brecht. Das Kleine Organon. 19.
Kulturschaffende in Rostock kämpfen jeden Tag um ihre Existenz. Das Geld ist zu knapp, die Besucher bleiben aus und die Ideen, sie fallen jeden Tag auf die Bühnen, schrill, laut, melancholisch, komisch, absurd, fabelhaft, aufregend und manchmal auch einfach nur gewöhnlich.
Theater, das ist das ewige Land zwischen Wahrheit und Lüge. Das ist der Ort, an dem Antigone seit Jahrhunderten für ihre Ideale stirbt, an dem die Romeos und Julias ihre Liebe bis in den Tod beschwören, an dem die besoffenen Räuber und Piraten über die Bretter wanken, an dem Mecki Messer sein mörderisches Lied anstimmt und an dem die Verlorenen in Beckett´scher Manier bis zum letzten Satz warten und immer nur warten. In all dem, was Theater ist, liegt ganz selbstverständlich die Bedingung dafür, dass es sein kann, und diese Bedingung ist die Existenz des Publikums.
Theater lebt von der Interaktion mit dem Schauenden als dem Rezipienten der Kunst und von der Kommunikation über sie. Theater ist immer ein Versuch, einmalig und nie endgültig, und genau das ist es, was einen Theaterbesuch so spannend und einen Theaterstammtisch um so viel spannender macht.
Der Theaterstammtisch richtet sich an alle schauspielsüchtigen Studenten, die gemeinsam Aufführungen besuchen und darüber kommunizieren möchten. Im Sommersemester hat der offene Stammtisch bereits zwei Inszenierungen am Rostocker Volkstheater besucht. Die Inszenierung von Molieres „Menschenfeind“ gab den ersten Anlass zu einem Gespräch zwischen Studenten und Theatermachern. Das Konzept für einen solchen Gesprächsabend ist das folgende: Vor Vorstellungsbeginn führen der zuständige Dramaturg oder Regisseur in das Stück ein. Es werden Fragen der Strichfassung, der Übersetzung, der Kostüm- und Bühnenbildideen sowie der Inszenierungsansatz des Regisseurs vorgestellt. Danach schauen sich die Studenten gemeinsam die Vorstellung an. Alle Fragen, die sich aus dem geschauten Spiel ergeben, können anschließend in einem Kneipengespräch den Schauspielern an den Kopf geworfen werden – und vielleicht echot eine schöne Antwort neue Fragen und neue Antworten … Die Stunden vergehen, das Bier fließt, der Rauch durchschneidet die Luft und das Gequatsche, Gequassel – bis das Licht sich abklärt
Die ersten beiden Stammtische zu „Menschenfeind“ und „Alice im Wunderland“ übertrafen meine Erwartungen und trafen meine Vorstellungen von einem gelungenen Abend. Die Gespräche waren vielseitig, ausdauernd und für Studenten und Schauspieler angenehm unkompliziert. Viele, die beim ersten Mal dabei waren, kamen auch zum zweiten Stammtisch und, umso besser, freuen sich schon auf die Fortsetzung im kommenden Wintersemester.
Theater, das ist das, was uns betrifft. Geht ins Theater, glotzt in den Kasten, lasst euch überraschen, verärgern, unterhalten und entführen. Beim nächsten Stammtisch stoße ich gerne mit euch an. Die Stunden werden vergehen, das Bier wird fließen, der Rauch wird die Luft durchschneiden bis das Licht...