Tag- und Nachtwandlerisches - Kurzprosa von Wilhelm Deinert
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Rezension von Lutz Hagestedt
Tag- und Nachtwandlerisches
Kurzprosa von Wilhelm Deinert
WILHELM DEINERT: Über den First hinaus. Ein Anstieg. 1983-1990. Elster Verlag, Bühl-Moos 1990. 112 Seiten, 28 Mark.
Brennende Blicke, wild zündelnde Gedankenfunken – Wilhelm Deinert (geboren 1933) eröffnet seinen neuen Prosaband mit einem rauschhaften Paroxysmus, einem vulkanischen Bilderspeien. In einem kurzen editorischen Nachweis wird dieser Auftakt als Bewältigung des Versuchs kommentiert, mit Hilfe von Drogen die Erkenntnisgrenzen zu überschreiten und sich übersinnliche Bereiche zu erschließen.
„Welt in der Pastille“, so der Titel, kann jedoch nicht als detailliertes Logbuchprotokoll einer Drogenfahrt verstanden und auch nicht als Erlebnisdichtung begriffen werden, die quasi authentisch darstellt, was der Autor selbst erlebt hat. Hier wird im Gegenteil versucht, auf anderer Ebene und mit anderen Mitteln und noch dazu „Jahre später“ ein literarisches Äquivalent der Rauscherfahrung zu schaffen. Deinert schöpft seine Bilder aus dem „Wissen“, aus der (nicht nur literarischen) Tradition, und er bedient sich ferner einer „Kollektivsymbolik“ (Höhlenräume, Abgründe, Türme und Treppen und so weiter), auf deren Basis, spätestens seit der Goethezeit, immer neue Initiationsgeschichten erzählt werden. Berühmte Beispiele sind etwa Hecks „Abdallah“, Novalis‘ „Heinrich von Ofterdingen“ und Hoffmanns „Sandmann“.
Eine Regression, die sich im Text vollzieht, führt beispielhaft vor, wie Wilhelm Deinert Allgemeinwissen funktionalisiert: „Ich vergrabe mich in mir selbst und sitze (...) um mich herum. Da werden meine arme und beine zu flossen und gliedmaassen eines embryos. Mich noch enger rollend bin ich nur mehr ein klopfender herzmuskel um mein blut. Und das blut fliesst mir ohne adern davon.“ Diese Regression operiert mit dem Wissen von der „biogenetischen Grundregel“, der zufolge die Individualentwicklung eines Organismus die Wiederholung seiner Stammesgeschichte im Zeitraffer darstellt, so daß etwa auch die menschliche Embryonalentwicklung in Teilphasen die Ontogenese primitiver Lebensformen durchläuft. Der dargestellte offene Blutkreislauf und die Flossenbildung spielen darauf an.
Deinerts Erzählung entfaltet ihren Bilderreichtum mit einer gewissen Dynamik, aber sie wirkt stellenweise doch bemüht und konstruiert; die „ungeheuren einbrüche und überflutungen“ münden in das lapidare und – pardon – fast spießige Gelöbnis, auf Rauschgifte zukünftig verzichten zu wollen: „Indem ich schal und mütze vom haken lange und an den geländerwendeln mich hinuntertastend meinen schritten leidliche festigkeit gebe, weiss ich, dass ich es nie wieder anrühren werde.“
Ungeheuer stark und eindrucksvoll wirken hingegen die Capriccios, die sehr merkwürdige, oft unheimliche Ereignisse in der Grauzone zwischen Einschlafen, Erwachen, Nachtwandeln und Tagträumen situieren: „Ich erwache zur wand gedreht in meinem bett. Und erschrecke: es liegt einer neben mir, rücken an rücken, der breiter und stärker ist als ich. Ich vermute, dass er schläft, und hoffe ihn sachte hinauszudrängen. Aber sobald ich mich gegen ihn krümme, schwillt auch sein rücken an und er schiebt mich näher zur tapete. Bis es mich von neuem treibt, mich gegen ihn aufzulehnen. Schon um zu fühlen, ob er noch da ist. Aber auch er hat nur auf mein vortasten mit den Schulterblättern gewartet und nimmt es zum vorwand, mich ein weiteres stück zur wand zu stemmen. Schon ist mein atem beengt, und so verdrängt er mich nach und nach ohne ruck und mühe wie die nacht den tag.“
Ein brillanter Auftakt zu einem bizarren Text, dem in diesem Buch viele gleichwertige zur Seite stehen: „Erwachend bemerke ich auf meinem seitlichen rücken einen knoten, der sich empfindlich über die geschwollene Umgebung hebt.“ – „Eine krücke tappt durch mein Zimmer.“ – „Mitternacht muss vorüber sein. Die tür zum bad leistet widerstand, wie von einem gegenwind.“ – „Ich bin auf der durchfahrt und habe aufenthalt in einer mir unbekannten Stadt, den ich zu nutzen gedenke.“ Scheinbar belanglose und alltägliche Sätze führen in aufregende Prosastücke hinein. Von kleinen, sensiblen Wahrnehmungen ist es nur ein Schritt zu unerhörten Ereignissen, beunruhigende Details werden mit Bedeutung erfüllt und in das egozentrische Weltbild des Erzählers integriert. Man denkt unwillkürlich an die Prosagedichte der Symbolisten und sieht sie um etwas ganz Eigenes, einen kaum spürbaren, leisen Humor bereichert.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Nr. 70 Samstag/Sonntag, 23./24. März 1991
