Spiele im Sand. Hartmut Riederer: Knabenspielzeug

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Rezension von Lutz Hagestedt



Spiele im Sand

Hartmut Riederers Roman über deutsche Ängste und Träume

HARTMUT RIEDERER: Knabenspielzeug. Roman. List Verlag, München. 236 Seiten.

Wer seine Fabeln nach Afrika verlegt, der will uns Sand in die Augen streuen. Der will uns in die Wüste schicken, in das Land der Phantasien und Fata Morganas. Der will unbekümmert wie ein Alchimist in freier Verknüpfung neue Stoffe aus alten Vorstellungen gewinnen und ungewöhnliche, noch nie dagewesene Geschichten erzählen. Das poetische Land der Abenteuer und Gefahren, das nach Aristoteles immer etwas Neues bringt, bietet Geschichten wie Sand am Meer. Hier liegen Dinge in der Luft, die unerhört sind und doch ein Körnchen Wahrheit enthalten, hier spiegeln sich Erscheinungen heiß und flimmernd wider, die unglaublich und doch glaubhaft sind. Man reibt sich die Augen und wird schon vom nächsten Bild brüskiert. Hartmut Riederers Bilder und Gedankenfolgen sind respektlos und blasphemisch, unverblümt und denunziatorisch, aber auch witzig und spontan.

„Knabenspielzeug“ ist eine Collage aus deutschen Ängsten und Träumen, pubertären Gefühlsschwankungen und schwülen Knabenphantasien: Fünf Klosterschüler fliehen vor dem Weltentzug des Internats und vor der stickigen Luft der Beichtstühle in die Erlebniswelt der Phantasie. Dem anonymen Ich und seinen Kameraden Schichtl, Kohlhaupt, Mauderer und Hilsenbeck ist das Tagebuch einer Südwestafrika-Expedition in die Hände gefallen. Es berichtet von den Diamantenfeldern, die Anfang dieses Jahrhunderts in der südlichen Namib-Wüste entdeckt werden. Ein Fieber bricht aus, Tausende rutschen auf den Knien durch den Sand, doch nur wenige werden fündig und steinreich. Schichtl, Kohlhaupt, Mauderer und Hilsenbeck empfinden sich als die Helden der Geschichte und spielen im Sandkasten die Ereignisse nach. Als Diamantensucher durchwühlen sie den Staub, als Soldaten deutscher Schutztruppen bekämpfen sie die aufständischen Hereros und treiben sie in die wasserlose Steppe. Im Jargon der Ewiggestrigen faseln sie von „Feuertaufe“, „Ehrenkleid“ und „Heiligkeit des Krieges“. Sie dienen dem „Bademeister“, einer Hitler-Figur, die an Ernst Jüngers Mystifikationen erinnert.

Spätestens hier zeigt sich, daß Riederer seine Helden auch als Opfer der Geschichte angelegt hat. Er schickt Hilsenbeck, Kohlhaupt, Schichtl und Mauderer in den „Entlausungskarzer“. „Man erzählt sich schlimme Dinge, aber Genaueres erfahren wir nicht“. Es ist kein Ausrutscher, daß Hartmut Riederer hier eine gefährliche Nähe von Beichtstuhl und Gaskammer suggeriert. Bewußt überschreitet er die Grenzen des guten Geschmacks. Er läßt keinen Zweifel daran, daß für ihn die strenge Zucht und die Flurbereinigung der Gedanken, wie er sie im Kloster Schäftlarn erlebt hat, mitverantwortlich sind für die Katastrophen des Jahrhunderts. Mit der Respektlosigkeit des Nachgeborenen, der davon unbelastet ist, legt er den Finger provokativ auf alte Wunden.

Auf der anderen Seite ist „Knabenspielzeug“ ein humorvolles Buch. Es verknüpft auch die disparatesten Einflüsse: Als Jesus sich vor der Ehebrecherin bückt und mit der Hand in den Sand zeichnet, wird er flugs mit den Diamantensuchern identifiziert. Als Hilsenbeck an seiner Wunderlampe reibt, um den Heiligen Geist auszugießen, fühlt man sich nur noch entfernt an Aladin erinnert. Als Hadscheps ihr Mieder öffnet, blickt man auf die Hängenden Gärten der Semiramis. Auch stilistisch ist das Buch eine Collage, es erinnert an Bibel- und Märchentexte, an Dienstvorschriften des Heeres und an Erlebnisberichte aus den Weltkriegen. Es ist ein episches Possenspiel, das vieles in der Schwebe, vieles unkommentiert stehen läßt. Wissen möchten wir aber doch, was aus Kohlhaupt, Mauderer, Hilsenbeck und Schichtl geworden ist.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 96 / Donnerstag, 25.04.1985