Sinn und Struktur. Das achte Bielefelder Colloquium Neue Poesie

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Rezension von Lutz Hagestedt



Sinn und Struktur

Das achte Bielefelder Colloquium Neue Poesie

Die Meinungen darüber, was sich unter dem programmatischen Titel „Neue Poesie“ alles versammeln darf, was also auf der einen Seite neu und auf der anderen Seite (noch) Poesie ist, gehen sehr weit auseinander. Wenn man auch konzediert, daß eine Komposition aus Tierstimmen den Tatbestand der Neuheit erfüllt, so wird man den Begriff der Poesie doch für andere, wenngleich ebenfalls sprachliche Zeichensysteme reservieren wollen. Georg Jappe jedenfalls bekam diese Reserve zu spüren, als er beim 8. Bielefelder Colloquium Neue Poesie von seinen Dichterkollegen das Gütesiegel „Poesie“ für sein Naturlautgedicht aus Tierstimmen einfordern wollte. Die Autoren ließen sich nicht davon überzeugen, daß dieses tönende Material mehr sei als die bloße Präsentation von Realität. Selbstironisch umriß Schuldt das Problem, über das eine grundsätzliche Diskussion geführt werden sollte: „Die Unzugänglichkeit dieser sprachlichen Realität unterschreitet noch die Unzugänglichkeit der konkreten Dichtung.“ Als unzugänglich erwiesen sich nämlich mehrere Arbeiten. Henry Chopins Computermanipulationen beispielsweise erzeugten phonetische Strukturen, bei denen man kaum noch irgendeine Bedeutung erkennen konnte.

Es gehört wohl zum anarchischen Prinzip dieses Colloquiums, daß der Begriff „Neue Poesie“ durch die Heterogenität der je eingeladenen Autoren und Kritiker nur eine vage Bestimmung erhält; aber der Wille, sich grundsätzlich gegen zwei Tendenzen abzugrenzen, war doch deutlich spürbar: unerwünscht waren einerseits Texte, die allzu konventionell erschienen, und andererseits „Texte“, deren semantischer, visueller oder lautlicher Informationsgehalt so gering war, daß man über sie keinen sinnvollen Diskurs führen konnte.

Hoffen auf Nachwuchs

Während der internen Diskussion um neue „Reiseträume“ von Franz Mon verhielt man sich eher zurückhaltend. Immerhin war Mon mit seinen Arbeiten einmal angetreten, konformistischen Kunstauffassungen entgegenzuwirken. Seine Bielefeld-Beiträge jedoch, mit denen er während der vierstündigen Mammutlesung im Rathaussaal der Stadt den meisten Beifall erntete, waren nicht mehr als das vordergründige Ergebnis konformistischen Kalküls. Sein Konzept, aus Texten Dialogsituationen aufzubauen, in denen keine Figuren mehr identifizierbar sind, hatte er offenbar nicht verwirklichen können.

Die Diskussion um Helmut Heißenbüttels Poem zur Liebeskunst in 13 Strophen verlief ebenfalls sehr vorsichtig. Mit diesem Liebesgedicht, das fast ausschließlich aus vorgefundenen Zitaten (von Arno Holz bis Fritz Mauthner) montiert ist, strebte Heißenbüttel den völligen Rückzug der Autorinstanz an. Timm Ulrichs, nannte diese Montagetechnik „mutlos“. Dennoch war es erstaunlich, wieviel Persönlichkeit in die allerdings streckenweise phantasielosen Texte hineinrutschte. Aus Respekt vor Heißenbüttels großartiger Lebensleistung als Autor und Kritiker sprach niemand aus, was alle dachten: daß er mit diesen Experimenten Gefahr läuft, sein eigener Epigone zu werden.

Man hatte wohl auch gespürt, daß sich Heißenbüttel dessen instinktiv bewußt war. In den internen Gesprächen war er mit Abstand der sensibelste Kritiker: Immer präsent, vorurteilsfrei und offen führte er, unterstützt von Heinz Gappmayr, Jochen Gerz, Franz Mon, Gerhard Rühm und Klaus Ramm die Gespräche an. Es wurde deutlich, daß dieses wohl einzigartige Forum in der Bundesrepublik, auf dem Autoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker über ihre Arbeiten streiten sollen, seine Hoffnungen auf Nachwuchsautoren setzen muß. Für Sprache und Poesie als Auslöser von Musik interessierte sich Hartmut Geerken. Sein Tonband, aufgenommen mit John Tchicai und Famoudou Don Moye 1985 in Westafrika, führte vor, wie man mit Musik auf semantische Sprache reagieren kann. Da entstand eine vom inhaltlichen Lesen ganz weit entfernte Form der Rezitation. Die Diskussion, die sich daran anschloß, hatte ihren inneren Auslöser wohl in dem Umstand, daß sich das Colloquium in den vergangenen acht Jahren auch immer wieder dem Publikum stellen mußte. Die partielle Unzugänglichkeit der konkreten Poesie, von der Schuldt gesprochen hatte, war von jeher ein Problem dieser Lesungen. Christian Prigent forderte deshalb, vom semantischen Lesen abzusehen und statt dessen eine körperlich unterstützte Form des Vortrags zu wählen.

Das ist zwar nicht jedermanns Sache, wie Ralf Thenior glaubhaft versicherte, könnte jedoch für sehr hermetische Texte fruchtbar gemacht werden, etwa für „Das falsche Buch“ von Paul Wühr, für die neue akademische Dichtung von Siegfried J. Schmidt oder für die Gedichte von Franz Josef Czernin und Ferdinand Schmatz. Die Anhänger kunstvollen Rezitierens kamen besonders bei Christian Prigent auf ihre Kosten. Das Bielefelder Colloquium Neue Poesie, das heuer rund 30 Autoren, Literaturwissenschaftler und Kritiker versammelte, wird trotz aller gegenwärtigen Zweifel Zukunft haben.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 122 vom Mittwoch, 29.05.1985. Seite 37.[[Category:Hagestedt, Lutz|Sinn und Struktur]
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