Robert Gernhardt

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Robert Gernhardt (* 13. Dezember 1937 in Tallinn, Estland; † 30. Juni 2006 in Frankfurt am Main) - deutscher Schriftsteller, Lyriker, Essayist, Zeichner und Maler


Robert Gernhard (r.)
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Robert Gernhard (r.)

Robert Gernhardt wurde am 13. 12. 1937 in Reval (Estland, heute Tallinn) geboren. Nach dem Abitur in Göttingen studierte er Malerei und Germanistik in Stuttgart und Berlin. Seit 1964 lebt er in Frankfurt am Main, im selben Jahr wurde er Redakteur der neu gegründeten satirischen Zeitschrift »Pardon«, seit 1965 arbeitete er freiberuflich als Maler, Zeichner und Schriftsteller, bis 1972 unter Pseudonymen wie Lützel Jeman und Alfred Karch. Gernhardt ist Mitbegründer des Satiremagazins »Titanic«, bei dem er zehn Jahre lang – als Hauptautor und Koordinator – die Kolumne »Humorkritik« bediente (gesammelt in: Was gibt’s denn da zu lachen?, 1988). Er wird der so genannten »Neuen Frankfurter Schule« zugerechnet, einer Gruppe, die Kulturkritik mit komischen Mitteln zu leisten sucht; der selbstironisch gewählte Name, kurz »NFS«, der sich in Feuilleton und Literaturwissenschaft inzwischen eingebürgert hat, soll dabei den – nicht wirklich ernst gemeinten – Bezug zur Kritischen Theorie der »Frankfurter Schule« um Theodor W. Adorno und Max Horkheimer herstellen. Zu den prägenden Vorbildern seiner »education comique« zählen etwa Wilhelm Busch, Christian Morgenstern, Joachim Ringelnatz, Kurt Tucholsky oder auch Loriot. Gernhardt ist Mitglied des Deutschen Künstlerbundes und Ehrendoktor der Universität Fribourg, Schweiz. Er erhielt 1983 zus. mit Almut Gernhardt den Deutschen Jugendliteraturpreis für Der Weg durch die Wand (1982), 1987 den Kritikerpreis der Berliner Akademie der Künste, 1988 den Kulinarischen Literaturpreis der Stadt Schwäbisch Gmünd, 1991 den Kasseler Literaturpreis für grotesken Humor sowie das Ehrenamt des Stadtschreibers von Bergen-Enkheim, 1996 den Richard-Schönfeld-Preis für literarische Satire, 1997 den Preis der Litera-Tour Nord, 1998 den Bertolt-Brecht-Preis der Stadt Augsburg, 1999 den Göttinger Elch, den Satirepreis der Stadt Göttingen sowie den Erich-Kästner-Preis, 2000 den Prix Pantheon, 2001 den Schubart-Preis der Stadt Aalen, 2002 den Rheingau-Literaturpreis, den e.-o.-plauen-Preis der Stadt Plauen und den Friedrich-Stoltze-Preis der Stadt Frankfurt, 2003 den Deutschen Kleinkunstpreis und den Binding Kulturpreis.

In seinem literarischen Werk ging es Gernhardt zunächst nicht um die Entwicklung eines Personalstils, sondern um Zeitgeist-Kritik und die Parodie vertrauter Formen. Seine »Stimmenimitationen von Gott bis Jandl« (In Zungen reden, 2000) zeigen den ironisch-universell-vermessenen Anspruch an, der sich damit verband, wobei Gernhardt die Literatur zunächst nicht als seine eigentliche Domäne betrachtet hat, sondern die Malerei. Das Forum, auf dem er den deutschen (Un-)Geist der Nachkriegszeit aufs Korn nehmen konnte, war seit 1962 zunächst das Satiremagazin »Pardon«; von 1964 bis 1975 gestaltete er dort, zus. mit F. W. Bernstein (d. i. Fritz Weigle) und F. K. Waechter, eine eigene Doppelseite – Welt im Spiegel. Die unabhängige Zeitung für eine saubere Welt (Nachdr. 1979) - mit satirisch überzeichneten Kolumnen, Gedichten, Bildgedichten, Karikaturen, einem Comic-Strip und anderen Kleinformen. »WimS« etablierte eine neue Spielart des Nonsens, die Gernhardt und seine Mitstreiter auch in andere Medien, in Rundfunk, Film und Fernsehen, hineintrugen. Als Persiflage der Künstlerbiografie präsentiert sich Die Wahrheit über Arnold Hau (1966), eine Gemeinschaftsproduktion von Gernhardt, F. W. Bernstein und F. K. Waechter, mittlerweile ein Kultbuch der literarischen Hochkomik. 1979 wurde er Mitbegründer der Zeitschrift »Titanic« und institutionalisierte mit der »Hans-Mentz-Kolumne«, für die er zehn Jahre lang federführend tätig war, eine nicht-akademische Komikkritik. Parallel dazu entstanden satirische Arbeiten, darunter die Serie »Deutsche Dokumente«, sowie ein umfangreiches malerisches und gestalterisches Werk. Diese Arbeiten liegen auch gesammelt vor: in Letzte Ölung (1984), Was gibt’s denn da zu lachen? (1988), Innen und außen. Bilder – Zeichnungen – Über Malerei (1988), Über alles (1994) und Vom Schönen, Guten, Baren (1997). Seine Theorie der Zeichenkunst und Malerei hat er in der Textsammlung Der letzte Zeichner (1999) niedergelegt.

Am meisten Anerkennung hat sich Gernhardt als Lyriker erworben. Nirgendwo sonst in der deutschsprachigen Gegenwartslyrik lässt sich so genau nachlesen, wie wir heute leben und denken, welche Probleme, Ängste und Nöte die alte und die neue Bundesrepublik gequält haben oder noch quälen, mit welchen inneren Widersprüchen vor allem die (west-)deutschen Intellektuellen leben, mit welchen Paradoxien sie sich in ihrem Alltag einrichten und wie sie – in der Regel gut – damit leben. In seinen Texten manifestiert sich die Perspektive eines aufgeklärten, eher links stehenden Intellektuellen, dessen Kritik alles Ideologische treffen soll, die restaurativen Strömungen der Bonner Republik ebenso wie den progressiv auftretenden Fundamentalismus alternativer und friedensbewegter Kräfte sowie den New-Age-Irrationalismus der Berliner Republik (Vollmerswerther-Straße-Blues oder Ein Abgesang auf die Neunzigerjahre). Seine lyrische Städtekritik nimmt die Bausünden der Nachkriegszeit und der Postmoderne aufs Korn (Nachdem er durch Metzingen gegangen war; Vom Zug aus), seine poetische Medienschelte orientiert sich an Goethes später Zyklopoiesis (Unworte. Optisch), seine Landschafts- und Naturgedichte sind wie mit Worten gemalt (Abend in Fort Lauderdale) und erneuern das Lehrgedicht (Wetterlehrgedicht) oder führen es ad absurdum (Lehrmeisterin Natur). Die tradierten Formen erweisen sich dabei als äußerst strapazierfähig. Seit den Neunziger jähren tritt Gernhardt als Lyrikwart auf und entwickelt für zeitgenössisches lyrisches Sprechen eine eigene Produktionsästhetik. Während sich noch ein Teil seiner Dichterkollegen im Lamentoton und Innerlichkeitsjargon erschöpft, holt Gernhardt die Welt formvollendet ins Gedicht.

Doch nicht nur in seinem lyrischen Werk bedient sich Gernhardt der Dichtungstradition des Sonetts, des Couplets oder der Ballade, des Blank- und Knittelverses, um deren Formenvielfalt auf ihren komischen Gehalt hin zu befragen (vgl. Besternte Ernte, 1976; Wörtersee, 1981; Körper in Cafes, 1987; Weiche Ziele, 1994; Lichte Gedichte, 1997; Klappaltar, 1998; Im Glück und anderswo, 2002); auch in seiner Prosa nimmt er Bezug auf vorgefundene Textgattungen wie die Humoreske, die Satire, den Witz, die Biografie, den Künstlerroman, um sie als komikträchtige Genres zu erweisen und mit ihnen zeitgenössische Inhalte zu transportieren. In der Humoreskensammlung Es gibt kein richtiges Leben im valschen (1987) stellt Gernhardt die Alltags- und Beziehungsprobleme im Selbstverwirklichungsmilieu dar. Im Zentrum stehen die lebensweltlichen Widersprüche derer, die nicht müde werden, die gesellschaftspolitischen Debatten in den privaten Raum hineinzutragen, obgleich sie sich längst im Wohlstand eingerichtet haben. Sein Roman Ich Ich Ich (1982) ist zugleich Parodie und Vollendung des Künstlerromans und kann als Prozess in eigener Sache gelesen werden: Als Protagonist dient ihm ein autornaher Toscana-Deutscher, ein Stadt-Flüchtling, der in der ländlichen Abgeschiedenheit Italiens seiner Malerei nachgehen möchte. Die inneren Stimmen freilich lassen ihn nicht zur Ruhe kommen: In vollkommener Einsamkeit spielt er, gereizt und rechthaberisch, zahllose Rollen, wobei alle Stimmen, alle Dialoge, alle Kränkungen und Beschimpfungen von ihm erinnert oder erfunden sind. Auch das Mosaik der verschiedenen Textsorten, aus denen sich dieser Roman zusammensetzt, besteht nur in seinem Kopf.

Eine eigene Entwicklung nahm Gernhardts Mal- und Zeichenkunst. Der erste, noch unbeholfene Comic-Strip aus der »Pardon«-Zeit, »Schnuffi«, war der karge, nicht ganz ernst gemeinte Versuch, Text und Bild in komische Relation zu setzen (Schnuffis sämtliche Abenteuer, 1986). Seither hat Gernhardt in seinen Bildergeschichten (1983) und Bildgedichten (1985), Zeichnungen (Die Magadaskar-Reise, 1980) und Cartoons eine bemerkenswerte Virtuosität entwickelt. Seine Lichtenberg-Illustrationen (Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen, 1999) sind zugleich kühne Interpretationen ausgewählter »Sudelsprüche«. Allen Arbeiten ist ein ausgeprägtes Qualitätsbewusstsein eigen, obgleich Gernhardt offensiv mit Niveaubarrieren arbeitet, um sie einerseits zu unterlaufen, andererseits zu überschreiten. »Niveau« im herkömmlichen Sinne ist für seine Arbeit bedeutungslos geworden; ebenso wie man auf niedrigstem Level zur Höchstform auflaufen kann, ebenso kann man mit höchstem Einsatz unter die Gürtellinie zielen: »Es gibt kein niveauvolles Lachen, so wenig wie es einen niveauvollen Orgasmus gibt.«

Einige seiner Bücher (Besternte Ernte, 1976; Die Blusen des Böhmen, 1977; Wörtersee, 1981) wurden zunächst nicht über den regulären Buchhandel, sondern über den Zweitausendeins-Versand vertrieben und haben sich hier – rezeptionsgeschichtlich relevant – durchsetzen können, obgleich sie von der institutionalisierten Literaturkritik nicht zur Kenntnis genommen worden sind.


Lutz Hagestedt


Werke:


Die Wahrheit über die Kunst, Ess., Hg., u. d. Pseud. Lützel Jeman, Ffm. 1965; : Die Wahrheit über Arnold Hau, zus. mit F. W. Bernstein u. F. K. Waechter, Ffm. 1966; Im Wunderland der Triebe, Schpl., 1967; Jetzt spreche ich. Schnuffis intime Bekenntnisse, Comic, Ffm. 1968; Welt im Spiegel 1964-69, Ffm. 1969; Das Grüne im Ohr des Russen, Hsp., 1971; Bilder, Kat., Ffm. 1972; Weiß, weiß, weiß, Hsp., BR 1972; Schnuffis größte Abenteuer, Comic, Hbg. 1974; Ich höre was, was du nicht siehst, Kinderb., zus. m. Almut Gernhardt, Ffm. 1975; Die Hau Schau, Fssp., 1975; Mit dir sind wir vier, Kinderb., zus. m. Almut Gernhardt, Ffm. 1976; Besternte Ernte. Gedichte aus 15 Jahren, zus. mit F. W. Bernstein, Ffm. 1976; Ölbilder und Zeichnungen, Kat., Ffm. 1977; Dr. Muffels Telebrause, Fssp.; Die Blusen des Böhmen, En., Ffm. 1977; Da geht’s lang, Schpl., 1978; Was für ein Tag, Kinderb., zus. m. Almut Gernhardt, Ffm. 1978; Welt im Spiegel 1964-76, Ffm. 1979; Ein gutes Schwein bleibt nicht allein, Kinderb., zus. m. Almut Gernhardt, Ffm. 1980; Halbritters Buch der Entdeckungen, G., Mü. 1980; Das Buch Otto, Hg., Hbg. 1980; Die Magadaskar-Reise. Ein Bericht, Ffm. 1980; Wörtersee, G., Ffm. 1981; Die Drei (enth. Die Wahrheit über Arnold Hau; Besternte Ernte; Die Blusen des Böhmen), Ffm. 1981; Das Casanova-Projekt, Film, 1981; Der Weg durch die Wand, Kinderb., zus. m. Almut Gernhardt, Ffm. 1982; Ich lch Ich, R., Zür. 1982; Humoristische Zeichnungen 1968-1982, Kat., Regensb. 1982; Glück Glanz Ruhm, En., Zür. 1983; Ein Dichtertreffen – oder Besuch der alten Schachtel, zus. m. Bernd Eilert u. Peter Knorr, Fssp., 1983; Gernhardts Erzählungen, Zür. 1983; Katzenpost, Kinderb., zus. m. Almut Gernhardt, Zür. 1983; Bilder, Kat., Viersen 1984; Letzte Ölung. Ausgesuchte Satiren, Zür. 1984; Hier spricht der Dichter. 120 Bildgedichte, Zür. 1985; Feder Franz sucht Feder Frieda, Kinderb., zus. m. Almut Gernhardt, Zür. 1985, Hsp., 1986; Otto – Der Film, 1985; Was bleibt. Gedanken zur deutschsprachigen Literatur unserer Zeit, Ess., Zür. 1985; Die Toscana-Therapie, Theaterst., Zür. 1986, Hsp., RIAS 1986; Schnuffis sämtliche Abenteuer. 136 Bildgeschichten, Zür. 1986; Kippfigur, En., Zür. 1986; Es gibt kein richtiges Leben im valschen. Humoresken, Zür. 1987; Körper in Cafes, G., Zür. 1987; Otto – Der neue Film, 1987; Innen und außen. Bilder – Zeichnungen – Über Malerei, Zür. 1988; Was gibt’s denn da zu lachen?, Ess., Zür. 1988; Das Buch Ewald, Hsp., SWF 1988; Otto – Der Heimatfilm, 1989; Gedanken zum Gedicht. Eine Annäherung in drei Schritten, Zür. 1990; Reim und Zeit, G., Stg. 1990; Achterbahn. Ein Lesebuch, Ffm. 1990; Lug und Trug. Drei exemplarische Erzählungen, Zür. 1991; Der kleine Hau, zus. m. F. W. Bernstein u. F. K. Waechter, Ffm. 1991; Otto – Der Liebesfilm, 1991; Das Gedicht als solches, Hsp., RIAS 1991; Weiche Ziele, G., Zür. 1994; Über alles. Ein Lese- und Bilderbuch, hg. v. Ingrid Heinrich-Joost, Zür. 1994; Prosamen, Pr., Stg. 1995; Ostergeschichte, Zür. 1995; Otto – Die Serie, Fssp., 1995; Was deine Katze wirklich denkt. 13 Lektionen in Catical Correctness, Zür. 1996; Gedichte 1954-94, Zür. 1996; Lichte Gedichte, Zür. 1997; Vom Schönen, Guten, Baren. Gesammelte Bildergeschichten und Bildgedichte, Zür. 1997; Septemberbuch. 20 Zeichnungen zu zehn Gedichten, Zür. 1997; Das Buch der Bücher (enth. Ich Ich Ich; Kippfigur; Lug und Trug), Zür. 1997; Klappaltar. Drei Hommagen, G., Zür. 1998; Erna, der Baum nadelt. Ein botanisches Märchen, zus. m. Bernd Eilert u. Peter Knorr, Zür. 1998; Das Berggericht tagt, Hsp., WDR 1998; Bücher schlafen nie, Hsp., WDR 1998; Eiskalt in der Galaxis, Hsp., WDR 1998; Die gefährliche Wahrheit des Bruders Erwin von Gimmeldingen, Hsp., WDR 1998; Die Leiden des jungen Hamsters, Hsp., WDR 1998; Die letzten Worte im Sturm, Hsp., WDR 1998; Die Nacht der wilden Erdbeeren, Hsp., WDR 1998; Der Professor am Scheideweg, Hsp., WDR 1998; Raumschiff Gamma 7, Hsp., WDR 1998; Tierarzt-Familie Lindheim, Hsp., WDR 1998; Der Fluch von Passau. Ein Horror-Hörspiel, WDR 1998; Gedichte 1954-97, Zür. 1999; Der letzte Zeichner. Aufsätze zu Kunst u. Literatur, Zür. 1999; Unsere Erde ist vielleicht ein Weibchen. 99 Sudelblätter zu 99 Sudelsprüchen von G. Chr. Lichtenberg, Cartoons, Zür. 1999; Reim und Zeit & Co. Gedichte, Prosa, Cartoons, Stg. 2000; In Zungen reden. Stimmenimitationen von Gott bis Jandl, Ffm. 2000; Berliner Zehner. Hauptstadtgedichte, Zür. 2001; Im Glück und anderswo, G., Ffm. 2002; Meer von R. G., Hbg. 2002.



Links

Klassiker der Gegenwart. Heute wäre Robert Gernhardt siebzig Jahre alt geworden

Materialien zu Robert Gernhardt (http://www.litfasz.de/gernhardt/index_gernhardt.html)
Lebensdaten, Bibliographie, Interpretationen - von Lutz Hagestedt

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