Reim und Zeit - Zweimal Gedichtegedanken von Robert Gernhardt

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Rezension von Lutz Hagestedt

Reim und Zeit

Zweimal Gedichtegedanken von Robert Gernhardt

ROBERT GERNHARDT: Reim und Zeit. Gedichte. Mit einem Nachwort des Autors. Reclam Verlag, Stuttgart 1990. 80 Seiten. CUB 86521.

–: Gedanken zum Gedicht. Haffmans Verlag, Zürich 1990.128 Seiten. (Haffmans Taschenbuch 100).

Zu Lebzeiten ein Reclam-Heftchen mit eigenen Texten herausbringen zu dürfen, das heißt, schon zu Lebzeiten ein Klassiker zu sein. Robert Gernhardt (geboren 1937) ist ein solcher Klassiker, viele seiner Gedichte waren Hits, sind heute Evergreens und mögen dereinst in den ewigen Vorrat deutscher Poesie eingehen.

Wenig Solides hingegen bringt sein Theoriekapitel, das er seinen „Gedanken zum Gedicht“ (Haffmans Verlag) vorangestellt hat, denn der Autor entlarvt sich hier als zuweilen ziemlich naiver Rezipient und Kritiker von Gedichten und verficht jene kurzdenkerische Abbildungsthese, der zufolge Lyriker im Gedicht häufig nur ihr „ganz persönliches Blech“ bearbeiten; das Gedicht werde als Passepartout mißbraucht, „um ziemlich privaten Kurzmitteilungen von erheblicher Nichtigkeit größtmöglichen Respekt zu erschleichen“.

Starker Tobak, der nur zeigt, daß Gernhardt nicht zwischen Privatheit als außerliterarischer Kategorie und Privatheit als „Textstruktur“ unterscheiden kann. Privatheit als Textstruktur bedeutet, daß es Texte gibt, die mit der Fiktion operieren, daß sie etwas Privates und/oder Authentisches darstellen (würden). „Erlebnispostulat“ heißt der Terminus technicus für derartige Textstrukturen, die nicht auf die tatsächliche außerliterarische Wirklichkeit verweisen, aber so tun als ob. Für diesen feinen und doch fundamentalen Unterschied wird selten Verständnis aufgebracht, und so kommt es, daß wir immer wieder von Dingen schwätzen, von denen wir eigentlich schweigen müßten. Gernhardt führt dann auch die „Dunkelheit“ vieler moderner Gedichte auf ihre angebliche Privatheit zurück, er nimmt ihre Inhalte gar nicht mehr ernst, sondern macht sie flugs ihrem Autor zum Vorwurf: „Warum erzählt der mir das alles? Und wieso erwartet er von mir, ich würde das alles lesen?“

Nein, auf diesem Niveau kann man nicht über Gedichte sprechen: Vergessen wir also Gernhardt, den Theoretiker, und genießen wir ihn als Praktiker! Denn im mehr praktischen Teil seines Buches unterlaufen ihm sogar Einsichten, die mit der obigen Unterscheidung von „Erlebnis“ und „Erlebnispostulat“ gewissermaßen kompatibel wären, zum Beispiel:

„Nur besteht die Kunst des Dichters nicht darin, seine Empfindungen oder Gedanken in Reime zu kleiden, sondern in seiner Fähigkeit, Sätze, Worte und Reimwörter so zu arrangieren, daß sie Gedanken oder Empfindungen suggerieren, im Glücksfall sogar produzieren.“

Aha, so ist das, und also wäre es leicht einzusehen, daß es in der Literatur gar keine Privatheit im Gernhardtschen Sinne geben kann, denn Literatur transformiert private (Gebrauchs-)Rede, die in der Privatheit nur noch als Suggestion vorkommen kann. Und der naheliegende Gedanke eines Zusammenhangs von suggerierter Privatheit und augenscheinlicher Dunkelheit in Texten ließe sich dann von hier aus sinnvoll weiterverfolgen.

Gernhardt als „Macher“, als Dichter und Kollege von Dichtern also: Hier ist er ungeheuer produktiv und innovativ, spielt souverän mit klassischen Formen, tradierten Sprechweisen, verbindet ernste mit komischer lyrischer Rede und führt das Zwerchfell an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Gute Gedichte sind ihm wirklich wichtig, und es schmerzt ihn tief, wenn ein Dichter mal fehlgegriffen oder sich zuviel abverlangt hat, so daß ein vielleicht allzu angestrengt wirkender oder unfreiwillig komischer und sinnloser Text entstanden ist. „Das alles ist, rundheraus gesagt, nicht schön“, sagt Gernhardt, und es juckt ihm in allen Fingern, kurz mal den Rotstift anzusetzen. Er korrigiert Texte von August Graf von Platen, Anton Schnack, Günter Kunert und eigene Gedichte („Tierwelt-Wunderwelt“, „Pizzeria Europa“, „Der Nachbar“) und kann dabei auf berühmte Vorbilder verweisen: Schiller verbesserte Hölderlin, Brecht korrigierte Ingeborg Bachmann und Lernet-Holenia Friedrich Torberg. Diese Rettungsversuche mißglückter Gedichte haben gute Argumente auf ihrer Seite, denn durch Verbesserungen werden Gedichte in jedem Falle verdoppelt: „Entweder bleiben ein bisheriges und ein verschlechtertes Gedicht (...) oder ein bisheriges und ein verbessertes“ übrig, denn „Dichter sind doch keine Maler und Gedichte keine Unikate!“ Anders Bilder: „Da freilich wäre es ein unersetzbarer Verlust, hätte Slevogt in einem Original von Caspar David Friedrich herumgemalt, ein Braque in einem Bonnard oder ein Mondrian in einem Manet.“

Doch nicht alles, was ausgebessert werden kann, macht ein Gedicht auch besser. Folgender Text von Robert Gernhardt mag dies belegen:

Ich leide an Versagensangst,
besonders, wenn ich dichte.
Die Angst, die machte mir bereits
manch schönen Reim zuschanden.

Hier würde das Gedicht zunichte.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 298 vom 29./30. Dezember 1990.
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