Reim und Zeit - Gedichtgedankenbände
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Rezension von Lutz Hagestedt
Reim und Zeit
Gedichtgedankenbände
Robert Gernhardt: Reim und Zeit. Gedichte. Mit einem Nachwort des Autors. Reclam Verlag. Stuttgart. 80 Seiten, 2,80 DM.
ders: Gedanken zum Gedicht. Haffmans Verlag. Zürich. 128 Seiten: 12 DM.
Zu Lebzeiten ein Reclam-Heftchen mit eigenen Texten herausbringen zu dürfen, das heißt, schon zu Lebzeiten ein Klassiker zu sein. Robert Gernhardt (geboren 1937) ist ein solcher Klassiker, viele seiner Gedichte waren Hits, sind heute Evergreens und werden dereinst in den ewigen Vorrat deutscher Poesie eingehen.
Robert Gernhardt als Dichter und Kollege von Dichtern ist ungeheuer produktiv und innovativ, er spielt souverän mit klassischen Formen, tradierten Sprechweisen, verbindet ernste mit komischer lyrischer Rede und führt das Zwerchfell an die Grenzen seiner Leistungsfähigkeit. Gute Gedichte sind ihm ein echtes Anliegen, und es schmerzt ihn tief, wenn ein Dichter mal fehlgegriffen oder sich zuviel abverlangt hat, so daß ein vielleicht allzu angestrengt wirkender oder unfreiwillig komischer und sinnloser Text entstanden ist.
„Das alles ist, rundheraus gesagt, nicht schön", sagt Gernhardt, und es juckt ihn in allen Fingern, kurz mal den Rotstift anzusetzen. In „Gedanken zum Gedicht" (Haffmans Verlag) korrigiert er Texte von August Graf von Platen, August Schnack, Günter Kunert und eigene Gedichte („Tierwelt-Wunderwelt", „Pizzeria Europa", „Der Nachbar") und kann dabei auf berühmte Vorbilder verweisen: Schiller verbesserte Hölderlin, Bert Brecht korrigierte Ingeborg Bachmann und Lernet-Holenia Friedrich Torberg.
Diese Rettungsversuche mißglückter Gedichte haben gute Argumente auf ihrer Seite, denn durch Verbesserungen werden Gedichte in jedem Falle verdoppelt: „Entweder bleiben ein bisheriges und ein verschlechtertes Gedicht (...) oder ein bisheriges und ein verbessertes" übrig, denn „Dichter sind doch keine Maler und Gedichte keine Unikate!" Anders Bilder: "Da freilich wäre es ein unersetzbarer Verlust, hätte Slevogt in einen Original von Caspar David Friedrich herumgemalt, ein Braque in einem Bonnard oder ein Mondrian in einem Manet."
Doch nicht alles, was ausgebessert werden kann, macht ein Gedicht auch besser. Folgender Text von Robert Gernhardt mag dies belegen: "Ich leide an Versagensangst, besonders, wenn ich dichte. Die Angst, die machte mir bereits, manch schönen Reim zuschanden." Hier ginge das Gedicht zunichte.
erschienen in: Wiesbadener Kurier, Samstag/Sonntag, 2./3. November 1991
