Reich der Sinne, Welt der Wörter. Robert Gernhardt: Kippfigur. Erzählungen

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Rezension von Lutz Hagestedt


Reich der Sinne, Welt der Wörter

Dreizehn Erzählungen von Robert Gernhardt

ROBERT GERNHARDT: Kippfigur. Erzählungen. Haffmans Verlag, Zürich 1986. 288 Seiten.

So ein Beischlaf ist ja eigentlich die unnatürlichste Sache der Welt, ein monotoner, schweißtreibender „Dialog“ auf unsäglichem Niveau: „Welch ein restringierter Code, diese Körpersprache!“ Aufregend und der hohen Natur des Menschen entsprechend ist der Beischlaf doch erst in der Literatur. In einer Literatursprache der Liebe gibt es Formulierungen, die dem Thema angemessener sind als die primitiven Befehls- („Komm!“) und Aussagesätze („Ich begehre dich.“) des Körpers. Da wird aus der faden Begegnung eine erotische Legende, da umranken köstliche Geschichten den tristen Vollzug. Und nach der Lektüre ist keiner müde, im Gegenteil, der Geist sprüht, Behagen greift um sich, wir sind erregt wie selten und überlegen fieberhaft, ob sich nicht doch etwas von dieser Spannung in das wirkliche Leben und Lieben hinüberretten ließe. Aber ach: Wie schade, daß eine „ironische Erektion“ undenkbar ist: Man hat sie oder man hat sie nicht; wie schade, daß ein Körper den Konjunktiv nicht bilden kann und zum uneigentlichen Sprechen nicht in der Lage ist.

„Reich der Sinne, Welt der Wörter“, die Erzählung, die wir hier etwas überspitzt referiert haben, gehört zu jenen scheinbar trivialen Geschichten Robert Gernhardts, die wie ein Palimpsest noch andere und gewichtige Schriftzüge sichtbar werden lassen. In „Reich der Sinne, Welt der Wörter“ geht es, das ist klar, um Liebe und Sexualität, es geht aber auch um die Literatur und ihre Entstehungsbedingungen, ein Motiv, das in fast allen Erzählungen originell thematisiert wird. Da ist zum Beispiel die letzte, die „nichtgeschriebene Geschichte“, in der Anders, der Lyriker, Bernstorff, der Epiker, und Claudius, der Dramatiker – quasi das Abc der Poesie –, zu einer „fruchtbaren Begegnung“ zusammentreffen, die sie jedoch nicht zur Literatur verschriften dürfen. „Das Buch Ewald“ schildert, welche verheerenden Wirkungen ein Bibeltext haben kann, wenn er – herausgelöst aus seinem religionshistorischen Kontext – in unserem alltäglichen Lebenszusammenhang funktionalisiert wird. Im „Kampf in der Berghütte“ streiten zwei hoffnungslos eingeschneite Schriftsteller um das Hüttenbuch und den einzigen Stift, weil sie ihr Lebenswerk mit einer letzten, womöglich genialen und für die Menschheit wichtigen Erzählung krönen wollen.

Das Thema „Literatur“ hat für den Satiriker Robert Gernhardt zunehmend an Bedeutung gewonnen, wobei formale Gesichtspunkte eine ganz wichtige Rolle spielen. Die Erzählstruktur der „Florestan“-Sammlung zum Beispiel lehnt sich an Boccaccios „Dekamerone“ an und vereinigt acht kürzere Novellen. In einer davon beobachtet der Erzähler ein älteres Ehepaar, das in den falschen Kinofilm geraten ist: Sie haben Karten für Rommels Panzerschlacht um Tobruk erworben, doch nun sehen sie Jean Marie Straubs Chronik der Anna Magdalena Bach. Der Mann begreift seinen Irrtum sofort und will noch rasch ins andere Kino überwechseln, doch die Frau hält ihn zurück: Das sei doch nur der Vorfilm, die Panzerschlacht werde gleich kommen. Und hier erst beginnt die eigentliche Groteske. Der Mann, wütend über „das nicht enden wollende Gegeige“ in Straubs Musikmelodram, aber noch mehr über seine Begleiterin, die ihren Irrtum nicht einsehen will, beginnt den Film hemmungslos umzudeuten: „Das Frontorchester!“, ruft er beim Anblick der „unablässig vor sich hinschrammelnden Musiker“ aus, „reichlich wenig Panzer für eine Panzerschlacht!“ höhnt er in den Saal hinein, und als Bach sein Töchterchen auf den Arm nimmt, behauptet er, der „Wüstenfuchs“ verabschiede sich von seiner Familie, um draußen in den Panzer zu steigen und nach Tobruk zu fahren. Inzwischen hat aber auch die Frau ihren Irrtum bemerkt und versucht, den Mann zur Vernunft zu bringen, während der Schaukampf vom Erzähler mit wachsender Spannung beobachtet wird.

Gernhardt ist an jenem Punkt interessiert, an dem die Wahrheitsliebe ins Absurde umschlägt, an dem die Wahrheit aufhört und die Rechthaberei anfängt. Und diesen Umschlag fordert er immer wieder heraus. Mit dem Gestus der Abgeklärtheit schildert er die erbitterten Kämpfe, die sogar um marginale Standpunkte ausgefochten werden, wobei er die Frage aufwirft, ob man wirklich weiterhin daran glauben könne, daß die Wahrheit „kostbar“ und „für jedermann unverzichtbar“ sei, ob man sie wirklich um jeden Preis und bei jeder Gelegenheit durchsetzen müsse. Genau das tun die griesgrämigen, midlife-crisis-geschüttelten und von Gernhardt meisterhaft geschilderten Spät-68er, deren Wahrheitsbegriff oftmals nur Rechthaberei und oberlehrerhafte Faktenhuberei bemänteln soll. Wahrheit ist auch ein Reizwort, das uns zur eingangs geschilderten Liebes- und Literatursituation zurückführen kann: denn dort wird uns vorgeführt, wie man ganz und gar Wahres auch durch sein Gegenteil oder durch Übertreibung und Überzeichnung vermitteln kann. Denn unter dem Aspekt des „wahren Lebens“ ist es ja doch nicht so ideal und „natürlich“, wenn alles hemmungslos literarisiert wird, wenn man zwei, die sich gerade erst kennenlernen, als „unbeschriebene Blätter“ hinstellen muß, die sich langsam mit Wörtern bedecken, aus denen sich vollständige Sätze bilden, die zu biographischen Details zusammenwachsen und ganze Geschichten erfinden. Was wäre das Leben ohne die wahrhaft Liebenden, die der Schriftsteller „ebenso beneidet wie verachtet“? Die Liebe, sagt der Dichter angewidert, die kann mich mal! Und dennoch lockt sie ihn und zieht ihn ewig weiblich hinab.

Aus diesen Konfliktsituationen gewinnt Robert Gernhardt seinen Humor, der in den unterschiedlichsten Spielarten auftreten kann. Sein neuer Erzählband „Kippfigur“ enthält vor allem den leisen, den echten Humor, auf den das schöne – weil mit seinen drei „p“ (piano pianissimo) selber komische – Wort vom „Kippphänomen“ gemünzt ist: Ein kleiner Anstoß, quasi ein Nichts muß genügen, um den Ernst in Unernst umschlagen zu lassen, um auch die Niveaubarrieren gefährlich ins Wanken und die Paradoxien des Lebens zur Geltung zu bringen.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung am Mittwoch, 4.3.1987, Nr. 52
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