Provozierend geschmacklos - Tom Coraghessan Boyle: Grün ist die Hoffnung
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Rezension von Lutz Hagestedt
Provozierend geschmacklos
Der amerikanische Romancier T. C. Boyle
TOM CORAGHESSAN BOYLE: Grün ist die Hoffnung. Eine Pastorale. Aus dem Amerikanischen von Werner Richter. Rogner & Bernhard bei Zweitausendeins, Hamburg 1990. 367 Seiten.
Sich gekonnt halsbrecherisch in wilde Metaphern stürzen, provozierend geschmacklose Vergleiche anstellen, schiefe Bilder entwerfen, schräge Typen schildern, voller Fabulierlust der amerikanischen Gegenwartsprosa neues Leben einblasen – darauf versteht sich Tom Coraghessan Boyle (41), Professor für Kreatives Schreiben an der Universität von Iowa. In seinen drei Romanen „Wassermusik“, „World’s End“ und „Grün ist die Hoffnung“ verbinden sich Elemente des historischen Erzählens, der Abenteuer-, Fantasy- und generell Trivialliteratur mit zwanglos eingestreutem Bildungsgut, Motiven der Schauerromantik und Relikten der Flowerpower-Bewegung.
„Grün ist die Hoffnung“ erzählt von drei abgerückten Typen, denen der amerikanische Traum vom schnellen Reichtum unter den Nägeln brennt (schiefe Bilder sind ansteckend) und die sich von einer dubiosen Figur namens Vogelsang zum Landbau anheuern lassen. Im Eldorado County (!) in Kalifornien sollen sie ein Sommerlager beziehen und Marihuana anpflanzen, so wie Marlboro Tabak, und sie sollen reich damit werden.
T. C Boyle nennt seinen Roman nicht „Roman“, sondern ironisch „Pastorale“, zu deutsch also ländlich-idyllisches Schäferspiel, das Landleben im archaischen Naturzustand darstellend, wo Harmonie, Freundschaft, Liebe den Alltag bestimmen, nicht Konflikte. Doch wenn man lakonische Kapitelanfänge liest wie „Ich erzähle mal ein bißchen was über Dreck“ oder „Ich erzähl mal ein bißchen über Zermürbung“, dann weiß man schon, wie dieses idyllische Schäferleben beschaffen ist: Von Harmonie, Freundschaft und Liebe keine Spur. Felix, Phil und Gesh merken rasch, daß das Aufziehen von Marihuanastauden kein Zuckerschlecken ist, sondern eine Viecherei. Zehntausend Liter Wasser müssen jeden Tag bewegt werden, damit die durstigen Pflänzchen überleben. Wurzelfäule, Pilzbefall und Rattenbiß dezimieren die Felder, aber der schlimmste Streß, der Horrortrip, ist hausgemacht. Denn die drei Althippies bekämpfen ihre Angst vor Entdeckung durch Spezialeinheiten der Polizei mit Drogen und selbstgewählter Isolation. Sie stehen unter Alk, werfen einen Dope nach dem anderen ein, Methaqualon, Quaaludes, Mandrax et cetera, und wenn die Droge ihren Griff mal lockert, dann ist die ernüchternde Realität kaum zu ertragen. Felix, Phil und Gesh führen ein abnorm primitives Hüttendasein in den „Randbezirken des Nichts“ und entwickeln eine zügellose Paranoia, sie rechnen täglich, stündlich damit, ausgehoben zu werden, alles Außerplanmäßige, selbst ein unerwarteter Besuch ihres bauernschlauen Nachbarn Lloyd Sapers, versetzt sie in Panik: „Ein donnerndes Klopfen an der Tür weckte uns auf – Anne Franks Stunde der Wahrheit.“
Dies ist natürlich eine der oben erwähnten herben Geschmacklosigkeiten des Buches, die Boyles Erzählen so skandalös anschaulich machen – und über Literatur und Geschmack darf und soll man ja streiten. Boyles immer bilderreiche und geistvolle, manchmal eben auch schiefe und fragwürdige Rede ist aufregend und zügellos zugleich: „Ich hörte die eingetrockneten Popel in seinen Nasenlöchern rasseln“; „Ich fühle mich, als hätte jemand meine Nerven mit einem Spargelschäler bearbeitet“; „Gerstenkaffee – er schmeckte wie ausgekochte Schlacke“; „die Hummercremesuppe hatte die Farbe von Diarrhoe“.
„Treffend“ wäre vermutlich der falsche Ausdruck für diese halsbrecherische Wortakrobatik mit ihren schrillen und bisweilen radikal rücksichtslosen Vergleichen: „Aorta und eine zweite Background-Sängerin, die so ausgezehrt wirkte, als wäre sie einem der Fotos aus Dachau entstiegen, begleiteten mit eigenartig heulenden Tönen die Kreissägenriffs der Elektrogitarre.“
Geschmacksfragen berühren T. C. Boyle nicht, und seiner Figurencharakteristik kommt dies sehr zugute. Keine noch so unscheinbare Figur des Romans bleibt nebensächlich oder blaß, von den Hauptfiguren ganz zu schweigen. Zum Beispiel Vogelsang, der ewig nach Sex riechende ehemalige CIA-Agent, der immer oben schwimmt, sich niemals verrechnet, der im Vietnamkrieg gedient und unterernährte Asiaten mit der Garotte erdrosselt hat. Oder Felix Nasmyth, sein Antagonist, zugleich der Erzähler, der im Leben noch nichts erreicht hat und dem T. C Boyle mit wenigen Strichen eine komplexe Psychologie auf den Leib schneidert. Lloyd Sapers, der verschlagene Nachbar, hat einen schwachsinnigen Titanen zum Sohn, der seine Körpermassen zerstörerisch durch die Gegend walzt, Officer Jerpbak von der California Highway Patrol wird als sadistisches Ekelpaket verschnürt, und Phil Gherniske, der schielende Bildhauer und mimosenhafte Melancholiker, wird in der Einsamkeit einen schöpferischen Anfall kriegen und aus Schrott und Hausmüll eine gallige Hommage auf das Landleben fabrizieren.
T. C. Boyles Romane sind für deutsche Leser nicht zuletzt deshalb so interessant, weil hier noch die Literatur und Musik der Alten Welt, besonders der klassisch-romantischen Kunstperiode und der (russischen) Realisten, erkennbar ihre Fäden ziehen. Man vertreibt sich die Abendstunden mit dem Erzählen von Geschichten, die à la Hauffs „Wirtshaus im Spessart“ schauerromantisch inszeniert sind: „Die Gaslampe stand auf dem Tisch hinter Gesh und warf seinen Schatten durch das Zimmer, riesenhaft, zackig, größer und dann wieder kleiner werdend, wenn er sich vorbeugte, um eine Zigarette anzuzünden oder sein Glas abzusetzen: ‚Wann seid ihr dem Tod am nächsten gewesen?‘“
Aber wir hätten von T. C. Boyle und den haarsträubenden Binnengeschichten, die uns seine Figuren erzählen, vermutlich wenig, wenn es nicht Werner Richter gäbe, der seine Romane ins Deutsche übersetzt hat: Hier wird dem kreativen Schreiben durch kreatives Übersetzen kongenial entsprochen.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 282 vom 8./9. Dezember 1990.
