Pingpong der Episteln. Siegfried J. Schmidt: Luftschiffahrt. Eine Briefpartitur

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Rezension von Lutz Hagestedt


Pingpong der Episteln

Siegfried J. Schmidts Briefroman


SIEGFRIED J. SCHMIDT: Luftschiffahrt. Eine Briefpartitur. Edition neue texte, Linz und Wien 1989. Vertrieb Edition Jesse, Bielefeld. Ca. 95 Seiten (unpaginiert).

Im Zentrum des Buchs, im 16. Kapitel, begegnen sich zwei Figuren, ER und SIE. Gleichviel, ob ER ihr ein Tuch reicht, das SIE fallen gelassen hat, oder ob sich ihre Blicke beim Feuergeben kreuzen: für beide hat die erste Sekunde ihrer Begegnung Folgen. Es ist wohl Liebe auf den ersten Blick, die plötzlich beide Figuren die eigenen Personengrenzen und das eigene Raumverhalten neu erfahren läßt. Das Raumgefühl ändert sich, der Raum zentriert sich auf den jeweils anderen, die Umstehenden werden nur noch als Kulisse bzw. als Staffage wahrgenommen, die Menge teilt sich in Akteure und Zuschauer.

Auch für uns hat sich die Situation geändert. Aus einer ungeordneten Menge, vielleicht einer Partygesellschaft, hebt sich jetzt ein Figurenpaar heraus, ER und SIE, das von uns Umstehenden beobachtet wird. Der Raum erhält ein Zentrum, dem alle Aufmerksamkeit zugewandt wird, wir erfahren den Raum als Zuschauer, und später, wenn sich ein intimer Dialog entfaltet, als Voyeure. Auch Kunst entsteht nicht sehr viel anders, wie das Rendezvous der Nähmaschine mit einem Regenschirm zu zeigen vermochte, als Alltägliches zum Ereignis ward und den Beginn des Surrealismus einläutete.

Der Dialog, von dem wir erfahren, wird als Briefroman weitergeführt, in einer Erzählgattung also, die ihre Blütezeit im 18. Jahrhundert erlebte und die um die Wende zum 19. Jahrhundert fast völlig ausgestorben ist.

Der Briefroman ist keine glaubwürdige Erzählgattung mehr, denn hier werden intime Gebrauchstexte, die im Prinzip genau einen Adressaten oder einen fest umgrenzten Adressatenkreis haben, zu Wiedergebrauchstexten transformiert und öffentlich gemacht. Außer dem bestimmten, läge- und situationsbedingten Zweck, dem Briefe gewöhnlich dienen, erfüllt der Brief nun auch Funktionen von Literatur, außer dem jeweiligen Empfänger des Briefs gibt es jetzt noch tausend andere, die ihn lesen können. Wiederum werden Außenstehende in die Rolle des Voyeurs gedrängt, und diese Funktion ist der oben dargestellen äquivalent, die uns einen intimen Dialog beobachten ließ.

In Siegfried J. Schmidts Briefroman „Luftschiffahrt“ (der Name weckt Assoziationen an Luftpost, Postschiff, an den Luftschiffer Giannozzo aus Jean Pauls „Tittan“ et cetera) werden solche geschlossenen Kommunikationsmodelle, wie herkömmliche Briefwechsel sie im Grunde darstellen, mit anderen geschlossenen Systemen in Verbindung gebracht, als da sind: die Arche Noah, der Farbkreis, die Pyramiden, die Völker, die sich auserwählt dünken, die Religionen, die Geheimbünde, die Bibliothek von Alexandria, die Grammatiken, die Archive und dergleichen mehr. All diesen Systemen ist der Gestus der Provokation immanent, sie laden dazu ein, Grenzen zu überschreiten, Regeln zu verletzen, sich – notfalls gewaltsam – Zutritt zu verschaffen. Sie provozieren den Neid und den Terror derer, die nicht dabeisein dürfen, sie sind Auslöser von Übergriffen, Brandstiftungen und Pogromen. Auf „unbeschreibliche Grausamkeit“ deutet auch das rekurrente Motiv der Tätowierung, die von, jenem mirakulösen Apparat“ aus Kafkas „Strafkolonie“, einer Spezialform der „écriture automatique“, vorgenommen wird. Dieses Motiv der Tätowierung ist einerseits als Schreibvorgang und andererseits als Initiationsritus zu interpretieren, wenn man in den inneren Zirkel geschlossener Systeme aufgenommen werden will.

Der Leser in der Position des Außenstehenden, des Unbeteiligten – diese vom Briefroman provozierte Konstellation kann überwunden werden. Voraussetzung dafür ist, daß der Brief selber transformiert wird. Der moderne Briefwechsel, etwa der Telebrief, die „flimmernde Korrespondenz“ per BTX, tilgt individuelle Merkmale wie Handschrift, Gestalt, Schreibutensilien, jeder kann sich dazuschalten und am kollektiven Prozeß der Beschreibung von Welt teilnehmen. Die semantischen Klassen „ER“ und „SIE“ stehen zeichenhaft für die Gesamtmenge der männlichen und weiblichen Briefschreiber, sie verkörpern alle Aspekte des Lebens und schreiben keine individuellen Briefe mehr, sondern kollektive Briefe, stellvertretend für alle potentiellen Briefautoren überhaupt.

Es fragt sich jedoch, was dann überhaupt noch Thema von Briefen sein kann. Zum einen können natürlich das Schreiben selber, der Schreibvorgang und der Schreibrhythmus thematisiert werden. Zum anderen kann die Frage neu gestellt werden, inwieweit Briefe Identität zulassen und transportieren. „Damit sie seine Briefe kenne, zitiere er aus den ihren“, heißt es im ersten Kapitel, und „damit er ihre Briefe kenne, zitiere sie aus den seinen“. Beide zapfen sich, indem sie miteinander korrespondieren, gegenseitig Texte ab, um sie in den eigenen Schreibakt einfließen zu lassen. Wenn SIE aber Dinge aus seinen Briefen zitiert, die ER schon aus ihren Briefen zitiert hat, dann zitieren beide zugleich den anderen und sich selbst, was langfristig zur Ununterscheidbarkeit der Diskurse führen dürfte, so daß Korrespondenz den Beigeschmack von „Anverwandlung“ erhält. Identität besteht darin, daß sich hier zwei Individuen in- und übereinanderschreiben, bis sie sich einem kollektiven Schreiben angenähert haben. S. J. Schmidts Buch dokumentiert womöglich eine solche Anverwandlung, da es nur einen Autor hat. Der Dialog tendiert zum Monolog, und Identität kann, wenn es sie denn überhaupt gibt, nur als Momentaufnahme in einem Prozeß verstanden werden, als Momentaufnahme, die jedes Vorher und Nachher ausblenden muß.

So wird auch nicht das Gelingen, sondern das Scheitern des Briefwechsels in „Luftschiffahrt“ dargestellt, es wird – da Gefühle sich als sprachlos erweisen – das Scheitern im Grunde jeder Beziehung postuliert. Schließlich beginnt SIE, da Erfahrungen nicht ausgetauscht und nicht weitergegeben werden können, erst recht nicht in medialisierter Form, dem Briefwechsel, oder gar im Briefroman, unter den Bedingungen extremer Verkünstlichung, „aus der Kette von Frage und Antwort auszuscheren“.

Das Nacheinander der Ereignisse, wie es in einem konventionellen Erzähltext vielleicht dargeboten würde und wie es hier, in der Rezension, in abstrahierter Form dargestellt wird, ist Siegfried J. Schmidts Buch freilich nicht zu entnehmen. Von „Pamela“ und „Clarissa“, den ersten Briefromanen, führt ein breiter Anspielungsstrang über Kleist in die Moderne bis hin zu Gertrude Stein und Gegenwartsautoren wie Friederike Mayröcker, und dieser Strang führt vom Erzählen weg. Das Verweigern des Erzählens wird häufig thematisiert, die Hoffnung auf eine Geschichte wird enttäuscht, nur einzelne „Fundstücke“ dokumentieren noch, was das Erzählen einstmals war.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 204 vom 06.09.1989. S. 38.

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