Ohnmächtig traditionell. Heinz Ludwig Arnold (Hrsg.): Bestandsaufnahme Gegenwartsliteratur
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Rezension von Lutz Hagestedt
Ohnmächtig traditionell
Aspekte der deutschen Literatur seit 1945
HEINZ LUDWIG ARNOLD (Hrsg.): Bestandsaufnahme Gegenwartsliteratur. Bundesrepublik Deutschland. Deutsche Demokratische Republik, Österreich, Schweiz, edition text + kritik, München 1988. 317 Seiten.
„Bestandsaufnahme Gegenwartsliteratur“ – der Titel ist leicht irreführend, da sich die meisten der hier versammelten Aufsätze doch sehr speziellen Aspekten der Literatur seit 1945 widmen: dem „Treibhaus“ von Wolfgang Koeppen etwa, dem Aspekt der „Fremdheit“ in der deutsch-schweizerischen Gegenwartsliteratur, der „Väter-Literatur“ der 70er Jahre etc. „Bestandsaufnahme“ würde aber die Gesamtheit der Entwicklungen und Strömungen, der Aspekte und Tendenzen implizieren, würde also erheblich größere Abstraktionsleistungen erfordern, als sie hier geboten werden. Hat man diesen kleinen Dämpfer erst einmal verarbeitet, dann entdeckt man in den Beiträgen doch sehr wertvolle Hinweise auf solche generalisierbaren Tendenzen, etwa den Hang des weitaus größten Teils der Gegenwartsliteratur zur Traditionalität.
Theodor W. Adorno konstatierte bereits 1950, daß, verglichen mit dem Expressionismus, ein „gespenstischer Traditionalismus“ die Nachkriegsliteratur beherrsche. Daran hat sich bis heute wohl nicht viel geändert, und es ist kaum zu glauben, daß sich so viele Autoren nach 1945 halten konnten, deren Gesamtwerk eigentlich nur als „seriöser Schund“ bezeichnet werden kann. Sicher, die Literaturkritik hat diese Autoren affirmativ begleitet (von „Kritik“ konnte oftmals keine Rede sein), aber diese Literatur hätte sich dennoch nicht halten können, wenn sie nicht auch gesellschaftliche Bedürfnisse erfüllt hätte. Die Situation wird sich also generell nicht sehr viel ändern, wenn in Frankfurt die Ära eines Großkritikers zu Ende geht, der – wie vielleicht kein anderer – die Literaturentwicklung gehemmt und das „gesunde Mittelmaß“ gefördert hat.
Eine weitere Tendenz, die sich aus den Einzelbeiträgen abstrahieren läßt, scheint die extreme Komplexitätsreduktion zu sein, die die unmittelbare Nachkriegsliteratur und noch die Literatur der 50er Jahre (mit Ausnahmen) vorgenommen hat und die seitdem offenbar rückläufig ist (Ausnahmen gibt es natürlich auch hier). Bölls Roman „Billard um halbzehn“ mit all seinen Büffeln und Lämmern wäre heute wohl nicht mehr so recht vorstellbar, während demgegenüber Arno Schmidts Romane und Erzählungen kaum Patina angesetzt haben. Der vorliegende Sonderband hilft dabei, das „Püree“ (H. M. Enzensberger) der Nachkriegsliteratur zu strukturieren und mit der „neuen Unübersichtlichkeit“ (Jürgen Habermas) besser fertig zu werden.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 256 vom 5-/6.11.1988
