Ohne Sinn und Verstand - Robert Blys Männerbuch "Eisenhans"
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Ohne Sinn und Verstand
Robert Blys Männerbuch „Eisenhans“
ROBERT BLY: Eisenhans. Ein Buch über Männer. Aus dem Amerikanischen von Ulrike Wesel und Klaus Timmermann. Kindler Verlag, München 1991. 375 Seiten, 38 Mark.
Die Psychologie ist arm dran und vermutlich die gefährdetste Wissenschaft überhaupt: denn hier tummeln sich Dilettanten zuhauf und bringen auch die halbwegs seriöse Forschung und Therapeutik in Mißkredit. Robert Blys Männerbuch „Eisenhans“ dreht im Namen Freuds, C. G. Jungs und anderer so viele mehrfache Pirouetten, daß man den Ausspruch eines bekannten Studienanfängers zitieren müßte: „Mir wird von alledem so dumm, / Als ging mir ein Mühlrad im Kopf herum.“ (Faust, Vers 1946 f.)
Bly geht es in seinem Buch um den Mann der Zukunft. Denn der Typus Mann, der unsere jüngste Vergangenheit dominierte, hat sich überlebt: es fehlte ihm an Energie. Aseptisch, weichlich, haarlos und kraftlos, oberflächlich und unglücklich vegetierte er dahin. Laßt uns, so lautet Blys Credo, den „Wilden Mann“ rauslassen und eine neue „Seinsweise“ akzeptieren, in der das Instinkthafte, Sexuelle und Primitive wieder zu seinem Recht kommt; laßt uns den ganzheitlichen Mann rekonstruieren, den Mann ohne psychische Defekte: ihn kennzeichnen „Wildheit“, „Un-Nettigkeit“ und die Fähigkeit zu kraftvollem, entschlossenem Handeln.
Das Grimmsche Märchen vom „Eisenhans“ liefert Bly das Modell des neuen Menschen. Mittels einer hanebüchenen, zotteligen Metaphorik wird hier quasi der „Wilde Mann“ an den Haaren herbeigezogen. In einer willkürlichen, nicht legitimierbaren „Interpretation“ des Grimmschen Märchens wird das „Wilde“ als elementares, aber verschüttetes Kraftreservoir des Mannes begriffen; dieses Reservoir, einmal erschlossen, führt den Mann der Zukunft ins Glück.
Man muß dieses Buch wohl gegen den Strich lesen und es als Parodie auf die Auswüchse der Trivialpsychologie begreifen. Denn wollte man es auf dem Argumentationswege erledigen, so würde man sich vermutlich rasch in die haltlosen ideologischen Postulate verbeißen, die es uns ohne Not und ohne Logik präsentiert. Ein überflüssiges Buch, das sich mit einem anderen schönen Goethewort wie folgt charakterisieren läßt: „Gewöhnlich glaubt der Mensch, wenn er nur Worte hört, / Es müsse sich dabei doch auch was denken “ (Faust).
erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Freitag, 6. September 1991
unter dem Titel "Der Mann der Zukunft?" erschienen in: Wiesbadener Kurier, Samstag/Sonntag, 30. November/1. Dezember 1991
