Nationaler Schwindel - Deutsche Identität im 19. Jahrhundert

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Rezension von Lutz Hagestedt


Nationaler Schwindel

Deutsche Identität im 19. Jahrhundert

JÜRGEN LINK/WULF WÜLFING (Hrsg.): Nationale Mythen und Symbole in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Strukturen und Funktionen von Konzepten nationaler Identität. Verlag Klett-Cotta, Stutgart 1991. 311 Seiten, 178 Mark.


Nationale Symbole und Mythen sind Ausdruck und Ergebnis eines großangelegten sozialpsychologischen (Selbst-)Betrugs: Man konstruiert sich ein Bild von sich und seiner Geschichte, man lehrt dies den „Deutschen" als „Nationalgeschichte", man fragt dieses „Wissen" ab und bekommt ein überwältigendes Echo. Was man in den (deutschen) Wald hineinruft, schallt im Brustton stolzer Identität wieder heraus. „Ich bin Deutscher, weil ich 'nationalbwußt' denke, „Ich bin ein Deutscher, weil ich mich zu den 'deutschen Werten' bekenne", als da sind „deutsche Frauen", „deutsche Treue", „deutscher Wein" und „deutscher Sang".

War da noch mehr? Nach dem Modell „Ich trinke Jägermeister, weil (...)" haben die deutschen Nationalfetischisten verstärkt seit der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts versucht, das deutsche Wesen intensional zu bestimmen. Alles, was als gut und erstrebenswert angesehen wurde, wurde vereinnahmt; für alles Schlechte waren komplexe Ausgrenzungsmodelle zuständig - zum Beispiel es den Franzosen in die Schuhe schieben. Die Merkmale „deutsch" beziehungsweise „nicht-deutsch" konnten so aber auch quer durch ein Volk gehen, die Nazis haben es bekanntlich praktiziert. Doch was heißt hier „quer durch ein Volk"? Quer durch eine Person: Der Hitler wäre ein guter Deutscher gewesen, wenn er nur nicht so viele Autobahnen gebaut hätte.

Nationale Stereotypen

Gewiß, ich bin schon mitten drin in diesem vorzüglichen Buch, das Jürgen Link und Wulf Wülfing (beide Unversität Bochum) herausgegeben haben. Die beiden Germanisten haben schon einmal einige hervorragende Wissenschaftler um sich geschart und einen aufregenden Band mit „Fallstudien zum Verhältnis von elementarem Wissen und Literatur" (unter dem Titel „Bewegung und Stillstand in Metaphern und Mythen". Verlag Klett-Cotta 1984) herausgegeben; in ihrem neuen interdisziplinären Band versammeln sie eine Reihe erstklassiger Aufsätze zum Thema „Politische Mythologie und Symbolik in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts", ein wichtiges Thema bis heute, denn noch immer wird mit hanebüchenen „nationalen Stereotypen" Politik gemacht. Die unnütz berühmte Noelle-Neumann zum Beispiel operiert unverdrossen weiter mit Merkmalen, die schon vor hundert Jahren nichts als Ideologie waren (die Deutschen seien besonders „schwerblütig" und dergleichen).

Link/Wülfings Band wirft die Frage auf, ob verschiedene nebeneinander existierende Diskurse in der Weise aufeinander reagieren können, daß etwa durch „Literatur" verbreitete Klischees mit der Zeit von der Kultur als zutreffende Selbstbestimmung aufgefaßt werden. Vermutlich ist dies so. Der berüchtigte „Historikerstreit" um Ernst Nolte geht unter anderem auf die Nationalcharakter-Typologie des 19. Jahrhunderts zurück, der zufolge die Merkmalspaare „deutscher"/„individualistisch" und „russisch" /„kollektivistisch" gebildet und einander entgegengstellt wurden. Der Massenmord von Auschwitz war dieser Ideologie zufolge eine „asiatische Tat": hier hat die begriffliche Unterscheidung, die sich nicht auf „Realität" stützen kann, eine groteske These hervorgebracht.

Derart formierte Nationalcharaktere sind niemals statisch, sondern unterliegen einem dauernden Prozeß der (Re-)Interpretation: neue oder sich wandelnde Diskurse müssen mit ihren Merkmalen integriert und mit den alten Strukturen korreliert werden. So betteten Naturwissenschaftler wie Rudolf Virchow ihren Diskurs mit Hilfe des Merkmals „Gründlichkeit" in den postulierten deutschen Nationalcharakter ein, wie Jutta Kolkenbrock-Netz in ihrem Aufsatz „Wissenschaft als nationaler Mythos" zu zeigen vermag.

Alle Nationalcharaktere sind Konstrukte und fallen je nach Perspektive jeweils anders aus. Die französische Sicht auf die Deutschen (beziehungsweise die Preußen) nach der Niederlage von 1871 kann man dem Aufsatz von Marieluise Christadler („Zur nationalpädagogischen Funktion kollektiver Mythen") entnehmen: In der nationalen „Bewältigungsliteratur" erscheint der Feind grundsätzlich als Übermacht und hat vorwiegend negative Eigenschaften, er ist unkultiviert, unanständig, ungepflegt („Überall stank es nach Preußen"), unverschämt, geil, maßlos, grobschlächtig und brutal. Kinder und Jeanne d'Arc-Frauen stellen sich den „Vandalen" furchtlos entgegen - eine heroische Gestalt der französischen Geschichte wird hier „unter Anrufung der patriotischen Kontinuität" reinterpretiert (Pierre Lantz in seinem Aufsatz „Krise der Politik und Krise des Symbols"). Aber auch Hitler wurde, seiner Suggestion und seines Fanatismus wegen, als metaphorischer Nachfahre der Jeanne d'Arc interpretiert, und zwar von keinem Geringeren als Ernst Bloch (Harry Pross, „Ritualisierung des Nationalen").

Stereotype Vorstellungen von den Eigenschaften eines „Volkes" werden aus der Politik, von den sozialen, kulturellen, wirtschaftlichen, klimatischen und geo-graphischen Verhältnissen eines Landes oder Sprachraums hergeleitet. Andere Eigenschaften anderer Völker werden „in nationale Gegensätze umdefiniert", und diese sind dann als „Indikatoren einer prinzipiellen sittlich-moralischen Differenz" verfügbar (Michael Jeismann, „Stereotypen für nationale Identität und politisches Handeln").

Der Passauer Germanist Michael Titzmann untersucht in seinem Aufsatz „Die Konzeption der ,Germanen' in der deutschen Literatur des 19. Jahrhunderts" die Nibelungendramen von Fouqué (1810) bis Paul Ernst (1918) sowie die historischen Romane Felix Dahns. Er stellt dar, daß „deutsch" und „germanisch" ursprünglich als nahezu identische Klassen galten, und daß erst später „deutsch" zu einer (Nach-folge-)Kategorie des „Germanischen" geworden ist. Die Identität von „deutsch" und „germanisch" wurde damit begründet, daß der „Volkscharakter" auf anthropologischen Konstanten beruhe und daher vom historischen Wandel unberührt bleibe. Das Thema Konstanz/Wandel spiegelt sich auch darin wider, daß jede Epoche den Germanen partiell andere Merkmale zuordnete.

Das Interesse des 19. Jahrhunderts an den Germanen kam nicht von ungefähr, der Wunsch war hier Vater des Gedankens: Männer wie Jacob Grimm wollten die Ursprünge der Nation möglichst weit in die Vorzeit zurückverlegen und damit beweisen, daß die Deutschen durchaus mit anderen Nationen konkurrieren können und ihnen an Alter und Würde nicht nachstehen. In seinem Eifer ließ sich Jacob Grimm auch von der schlechten Quellenlage nicht schrecken und konstruierte, die eigenen methodischen Prämissen unbekümmert verletzend, seine spekulative „Deutsche Mythologie" (1835; erweitert 1844).

Deutscher Michel

Die biologische und soziale Einheit des „Volkes" wurde zum Zentralwert stilisiert und diente sehr bald der Legitimierung von Kriegen, wenn es angeblich darum ging, das Überleben des „Volkes" als dem natürlichen Träger der „Kultur" zu sichern. Beide Textkorpora, Nibelungendramen wie historische Romane, lassen sich als Auseinandersetzung mit der Zeit lesen, in der sie entstanden sind, obwohl erstere ihre Handlung in eine mythische Vorzeit legen und letztere die alten Germanenkämpfe darstellen. Dahns Kriegerkasten zum Beispiel haben, wenn man sie auf aktuelle Konflikte (zum Beispiel den 1870/71er Krieg) projiziert, immer einen anachronistischen Zug: der historische Roman zelebriert einen elitären Heldentypus, der angesichts der durchtechnisierten modernen Kriegsführung alt ausgesehen hätte; und die französische Bewältigungsliteratur griff auf die antiken Vandalen zurück, um die deutsche Kriegs- und Zerstörungswut zu benennen.

Karl Riha (Siegen) beschäftigt sich mit dem „deutschen Michel" als „einer nationalen Allegorie". In satirischen Zeitschriften wurde das Bildnis des deutschen Michel besonders häufig variiert. Die Reinterpretation dieser Allegorie, ihre Entwicklung von einer unpolitischen zur politischen Spottfigur, die entweder selber regieren oder aber revoltieren will und mit Gewalt zur Raison gebracht werden muß, kann Riha seit etwa 1830 belegen.

Thomas Sandkühler, Hans-Günter Schmidt, Helga Brandes und Karin Bruns beschäftigen sich mit der Geschlechtercharakteristik der Gründerjahre, die beiden Erstgenannten speziell mit dem Mythos „geistiger Mütterlichkeit", der - ausgehend von biologischer Mütterlichkeit - unter anderem die stärkere Funktionalisierung der Frau (des Prinzips des „Weiblichen") für das Kultur- und Erwerbsleben zum Ziel hatte. Das Erziehungsideal der „vaterländischen Frau" wurde durch eine umfangreiche Mädchenliteratur verbreitet, wie Helga Brandes herausarbeitet. Für „Familie", „Vaterland" und „Militär" wurden analoge hierarchische Strukturen postuliert, die die Frauen auf kriegerische Konflikte vorbereiten sollten. Die Frau galt als „Spiegel" des Zeitalters, auch sie war von Patriotismus beseelt. Mit Hilfe von Literatur- und Kulturgeschichten wurden Leitbilder für Frauen geschaffen und leisteten Orientierungshilfe bei der Suche nach dem jeweils geforderten Modell von Weiblichkeit (Karin Bruns in ihrem Beitrag über mythisierte Frauenfiguren).

Ob Franzosen oder Deutsche, ob mythische oder historische Lebensformen, immer geht es darum, sich intern zu organisieren und das Überleben der eigenen Kultur bei ungünstigen Rahmenbedingungen, inmitten „übermächtig-feindseligen Umwelten", zu sichern. Es bleibt immer nur die Wahl, sich zu behaupten oder unterzugehen, und darin manifestiert sich „die Tendenz zu einer paranoiden politischen Denkstruktur".


© LUTZ HAGESTEDT

erschienen in: Süddeutsche Zeitung, Freitag 22. November 1991
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