Mit den Ohren sehen. Paul Wührs Klangbild „Soundseeing Metropolis München“ im Loft

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Rezension von Lutz Hagestedt


Mit den Ohren sehen

Paul Wührs Klangbild „Soundseeing Metropolis München“ im Loft

Paul Wührs Hörspiele neigen dazu, den Hörer zu überfordern. Auch „Soundseeing Metropolis München“ ist wieder ein anstrengendes Stück. „Soundseeing“ ist kurz gesagt ein akustisches Sightseeing durch München, komponiert aus Geräuschen, Gesprächsfetzen, Lärm und Musik, ein virtuoses Klangbild voller Phantasie, Energie und Poesie, das der Westdeutsche Rundfunk 1986 produziert und in Zusammenarbeit mit dem Kulturreferat der Landeshauptstadt im Loft aufgeführt hat.

Ein Zuviel an Eindrücken und, wie Paul Wühr in der anschließenden Diskussion zugestand, ein zunächst wohl „bedrohliches“ Klangbild der Stadt. Die Aufnahmen mit dem Mikrophon, das alles registriert und nicht – wie das menschliche Ohr – auswählt, verdrängt oder ignoriert, diese spezifische „Objektivität“, vor der alle Geräusche gleich sind, machen es bewußt: Diese Stadt ist die Hölle, aus Lärm und rasender Hektik gebaut. Doch zwischendurch gibt es immer wieder menschliche Stimmen, musische Partien: Brigitte Fassbaender im „Rosenkavalier“, das Glockenspiel auf dem Marienplatz, das Kinderkarussell am Chinesischen Turm, ein Vater und seine beiden Lausbuben im Kopf der Bavaria. Hier kämpft jeder Laut um Gehör, doch auch die zartesten, schönsten, phantasievollsten Klangbilder, jedes für sich eine Kulturleistung, weben mit an jenem vielschichtigen und schwer erträglichen Geräuschteppich der Stadt.

Viele Aufnahmen freilich waren unergiebig, enthielten nichts Verwertbares, Typisches, dokumentierten nur beliebigen Großstadtlärm, so daß sie gelöscht werden mußten. Die Geräuschkulisse darf sich ja wirklich nur aus Lärmquellen, Sprachspuren, Melodien zusammensetzen, die unverwechselbar ein Klangbild von München ergeben.

Paul Wührs „Soundseeing“ ist eine Schule des Hörens, eine auditive Odyssee, die es ständig erfordert, sich neu zu orientieren. Wenn man Paul Wühr auf seinen „Gehörgängen“ durch die Stadt folgen will, dann muß man die visuellen Vorstellungen vergessen, weil bei den Ton-Aufnahmen und bei der Übersetzung in die Stereophonie die räumliche Orientierung verlorengegangen ist. Bei „Soundseeing“ laufen gleichzeitig mehrere verschiedene Geräuschbänder neben- beziehungsweise übereinander, so daß man – analog zu Musik – von polyphoner Mehrstimmigkeit sprechen könnte. Mit Original-Ton-Aufnahmen von Münchner Reiseleitern hat Paul Wühr sein Klangbild leitmotivisch strukturiert. Dabei wurde zugleich entlarvend hörbar: Die Sightseeing-Touren durch München haben ein unsägliches Niveau.

© LUTZ HAGESTEDT


Süddeutsche Zeitung Nr. 255 vom 6.11.1986. S. 51.

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