Mehr als ein Leben
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„Die Katze auf dem heißen Blechdach“ – Tennessee Williams’ moderner Klassiker vor ausverkauftem Haus
Von Sarah Brunkhorst
Das Stück, das 1955 in New York uraufgeführt wurde, spricht viele Themen an und ist noch immer brandaktuell: Jule Koch, die am Rostocker Volkstheater für das Stück verantwortliche Dramaturgin, gibt uns eine Einführung in das komplexe Handlungsgefüge und seine Hintergründe. Manches davon ist dem Publikum lange Zeit vorenthalten worden – darunter die (zurückliegende) latente Homosexualität zwischen Brick (überzeugend dargestellt von Marko Dyrlich) und dem (bereits verstorbenen) Skipper.
Die Kinder- und Jugenddramaturgin Jule Koch hat natürlich auch den zentralen Konflikt des Stückes, den zwischen Vätern und Söhnen, im Blick. Denn darum geht es: Brick, Sohn eines Plantagenbesitzers, hat bereits als junger Mann resigniert: Der erfolgreiche Sportler hat seine Karriere als Sportreporter vorzeitig beendet, weil sein Freund Skipper sich umgebracht hat. Seine Ehe mit Maggie (Uta Holst-Ziegeler) ist kinderlos geblieben, er sucht keinen Halt in ihr und zieht sich zurück: Das Leben, so Brick, sei durch »Heuchelei« geprägt: »Schnaps ist der eine Ausweg, und der Tod ist der andere…«. Uta Holst-Ziegeler alias »Maggie« (sie versteht es vorzüglich, zu maunzen und zu miauen) ist jedoch nicht bereit, seine Resignation und seinen Alkoholsucht kampflos hinzunehmen.
Das Stück verdient seinen Namen zurecht – und als einer der Bühnenscheinwerfer tatsächlich Feuer fängt, ist die Improvisationsgabe der Schauspieler gefragt: Wir begreifen erst nach und nach, dass die aufgeregten Dialoge auf der Bühne nicht dem Drehbuch, sondern der Bühnensicherheit geschuldet sind. Erst als die Regie-Assistentin uns bittet, den Saal zu räumen, wird uns klar, dass besondere Umstände vorliegen.
Einige Zuschauer werden die unverhoffte zusätzliche Pause genutzt haben, um im Freien eine zu schmauchen. Wir aber versuchen aufgeregt zu ergründen, was von den letzten Dialogen noch zum Stück und was bereits zum Katastrophenschutz gehörte.
Nach wenigen Minuten geht es weiter – der angeschmorte Scheinwerfer ist stillgelegt worden, durch die geöffneten Fenster zieht der leichte Brandgeruch nach draußen, von draußen dringt jetzt das Geräusch vorbeifahrender Autos herein.
Im Zentrum der Handlung steht der 65. Geburtstag von »Big Daddy«, Bricks Vater (Siegfried Kadow). Der Patriarch sieht anders aus, als wir ihn uns vorgestellt haben: schmal und blass statt fett und schwarz. Aber er ist ja auch krank: Zwar behauptet der jüngste Untersuchungsbericht des Klinikums das Gegenteil, doch die Familie weiß genau, wie kritisch der Zustand des Familienoberhaupts in Wahrheit ist. Bricks Bruder Gooper (Axel Holst ) hat für den Vater die Geschäfte übernommen – als gewiefter Anwalt gibt er mit seiner als »Zuchtkuh« verunglimpften Frau Mae (Sandra-Uma Schmitz) und den drei Kindern das Bild einer idealen Familie ab.
Durch den Störfall mit der Bühnentechnik sind alle Schauspieler etwas durch den Wind – und wirken leicht unkonzentriert. So wird Brick aufgefordert, sich zu seiner Mutter zu setzen, obwohl »Big Mama« (dargestellt von der ausdrucksstarken Andrea Stache-Peters) immer noch steht. Und als Big Daddy sich eine Zigarre anzündet, improvisiert er eine Anspielung auf den zerstörten Scheinwerfer: Er habe wohl zuviel Rauch eingeatmet, hüstelt er, und legt sie wieder beiseite.
Doch alle bemühen sich redlich, die Spielsituation wiederherzustellen und ihren Platz in der Familie zu behaupten. Gooper kämpft um die Anerkennung des Vaters, Schwiegertochter Mae um ihr Erbe. Big Mama ringt um die Einheit der Familie, und Maggie um die Zuneigung Bricks, der so gut wie nie ohne sein Whiskey-Glas zu sehen ist.
Das Schauspiel, aus dem Englischen von Jörn van Dyck passabel übersetzt, hat sich seine alte Frische bewahrt und ist immer noch ergreifend. Die zentralen Konflikte, die Schuldzumessungen, der Neid und die Missgunst, die umkämpfte Liebe und das ersehnte Erbe, Lüge und Krankheit manifestieren sich mit Nachdruck an diesem besonderen Wiegenfest. Das Stück lässt aber auch hoffen – denn wie es scheint, ist das letzte Wort über die Ehe von Brick und Maggie nicht gesprochen. Für Maggie lohnt es sich weiterzukämpfen: Sie gleicht der im Titel erwähnten Katze auf dem heißen Blechdach, die sich fast die Pfoten verbrennt – aber bekanntlich haben Katzen mehr als nur ein Leben.
