Martin Stobbe: Goetz und Pollesch, Freitagabend
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Beitrag zum 4. Prosawettbewerb des Instituts für Germanistik und des Literaturhauses Rostock
Martin Stobbe
Goetz und Pollesch, Freitagabend
Immer schön Zurückweichen / sag ich / Abhauen, Rennen, immer weg von vorne, immer auf allen Fronten und auf beiden Seiten einfach weg / ohne eine Anstrengung. / Klar / sagst du und ich denke / Genau /denk ich / wir brauchen nämlich Kulturverteidigung, bloß nich geil angreifen! Kümmerlich, liberal, furchtsam, ernst und seriös, so muss geschrieben werden, so wie der kanonisch denkende Mensch stirbt! / und du stimmst da auch noch zu. Auf dem Weg die Straße runter bis zur Bahn läuft uns aber einer über den Weg, völlig unmotiviert, ontologisch gesprochen, total kontigent, sieht uns, sieht, dass wir total dämlich aussehen und grinst, weshalb ich dann brülle / Lass den uns mal platthauen / brüll ich dich an, aber du lachst nicht mit und da hat er deine Faust schon im Gesicht, in seinem Kopf, deine Faust, die schwer ist, wie ein Lexikon, weil die ja sowieso aus Wörtern besteht, aber aus Dreckswörtern, aus apokryphem Abfall, den keiner sagen will und bei dem sich sowieso jeder fragt, was die eigentlich sollen, diese Wörter, da schrei ich / Ja! / und du stimmst wieder zu und der Mensch, der guckt auch komisch. Das is nämlich so einer, der sagt jetzt seinen Kindern, dass die bitte mal nicht rauchen sollen und auch nicht zu viel Bier, lieber ein Glas Wein am Abend, das hält nämlich gesund, das kann nicht schaden, verhindert sogar Herzinfarkte, und überhaupt, das machen die Franzosen auch und bei denen ist ja auch noch keiner davon umgekommen. Franzosen sterben nämlich eher auf Demonstrationen und in der U-Bahn, wenn sie keine Lust mehr haben zu leben, auf den Gleisen zum Beispiel, aber von Rotwein jedenfalls ist da noch keiner gestorben. Undenkbar. / Und diese Wörter jedenfalls, die mal bitte gar nicht benutzen, Matthias, benutz die nicht, das bringt dich um und was uns nicht umbringt, das macht uns stark, also diese Wörter nicht, weil die machen also nicht stark. / Der will also, dass seine Kinder stark sind und selbst will er das auch sein, dieser Mensch. Übrigens zitiert der auch immer aus dem Fernsehen und schlimmer noch, der zitiert manchmal Marx, der jetzt ja wieder so viel gelesen wird, und macht dabei ein bisschen Halbbildung, und merkt das nicht mal und das ist ja das Schlimme: der merkt das nicht. / Lieber soll der mal /sag ich da / der soll mal lieber ein bisschen sich zurückhalten, der muss ja nich gleich voll angreifen auf allen Fronten mit seiner Halbbildung, nur weil er von dir ein Lexikon auf den Schädel bekommen hat, den braucht der eh nicht mehr, und deshalb kann der sich, wenn man es genau nimmt, gar nicht aufregen. / Aber den Popstar, das Supertalent zu finden, das ist heute Nacht doch der Punkt, das müssen wir auch noch finden heute und unsere Frauen tauschen und Restaurants testen und so einiges verhindern und darum sind wir jetzt auch unterwegs und schleudern mit Foucault um uns – der wird nämlich auch wieder so viel gelesen heute, nur Adorno nicht.
Wie, ist egal, aber da sind wir jetzt, sogar reingekommen, hier ist nämlich heute so eine Lesung, da liest so eine junge Dichterin, der hat man gleich gesagt, die soll mal lieber Prosa schreiben in Zukunft, weil sie damit nämlich auch Geld verdienen kann und dann erst kann sie was essen und eine echte Künstlerin sein und muss nebenbei nicht noch arbeiten und kann zu Suhrkamp. / So eine Scheisse / brüllst du plötzlich und ich wunder mich kurz, was denn los ist mit dir, das muss der Rum sein und das Gras oder beides oder das Koks, das sich ja Thilo Proff immer reinzieht, durch die Nase und manchmal auch anders. Wenn man da anfängt bei dem, bei Proff jetzt, da kriegt man gleich so nen kleinen Spiegel mit Pro7-Logo drauf und nen Hunni, der ist dann schon gerollt, safer-use eben, jedem sein eigener Hunni, so wie bei dir jetzt ist das, denk ich mir. Jedenfalls dauert das gar nicht lange, da haut mir plötzlich einer mit seinem Knie in die Nieren, so wie du vorhin dem Menschen auf der Straße, so richtig eins in seine Fresse eben und da seh ich, dass der selber nämlich auch da is und der jetzt wahrscheinlich vor hat, so richtig Rache zu nehmen, weil wir ihm so viel Wahrheit reingeklatscht haben mit unsern Fäusten. Wir haben aber zum Glück unseren Code erweitert vorher, höchst offiziell und sind damit noch lang nicht durch. Es hätt ja alles, alles kommen können, es kam dann aber wirklich das! Oh Hirn, ich bin ganz aufgeregt und auch ganz wild, / Fühlt sich ein bisschen an, wie Revolution / denk ich noch. Ja, das ist es doch, das große Zeichen, auf das wir alle immer warten, das hinter dem ganzen beschädigten Leben steckt, das alles endlich besser macht und die Leute verprügeln sich, und denken dabei nämlich nur an Sex. / Aber was ist das für ein Sex, doch kein zeichenhafter / wirfst du mir vor, während du eine Faust in dem Gesicht einer Alten versenkst, die schon so aussieht, als würde sie abends immer noch kurz vor dem Schlafengehen eine Diazepam schmeißen und dann doch nur Pornoseiten hoch und runterklicken und das sind ganz schön viele und dabei am Ende doch nichts merken, weil sie ja eine Diazepam genommen hat, das kann man ihr nicht verargen und sie selbst sich am wenigsten. Aber gerade deshalb soll die ruhig mal hier schön eine raufkriegen, damit die mal anfängt vielleicht auf Rotwein umzusteigen, wie der Kerl nämlich, der aber schon längst am Boden liegt und nur noch wimmert, weil davon ist ja noch keiner umgekommen. Da kriegen wir auf einmal einen Schreck, weil wir ja gar nicht so sind, sowas machen wir gar nicht, schon gar nicht mit so vielen Fremden, obwohl das ja überhaupt völlig komisch ist, dass hier so viele Menschen gekommen sind, um sich die Sachen von der jungen Dichterin reinzuziehen, normalerweise machen die das nicht, die machen lieber was anderes, Tellkamp lesen zum Beispiel. Die Dichterin ist übrigens längst im wolligen Schoß von sonem Typen verschwunden, der aussieht, wie der Bruder von Elke Heidenreich, die ja auch ein bisschen so ist, wie wir gar nicht sein wollen. Bei dir liegt das daran, weil dich nämlich deine Freundin verlassen hat, so eine große Blonde, die sah ziemlich gut aus, und weil du schon drei Wochen mit der zusammen warst und eben auch guten Sex hattest, deshalb sei das alles gar nicht witzig, man hat ja sowieso nichts zu lachen, nicht in Deutschland und schon gar nicht zur Zeit.
Überhaupt: wer braucht denn noch ein Sujet, das erzählt sich doch in Wahrheit von ganz alleine das Leben, das ist eben auch so wie mit dem ganzen Sex, da braucht sich doch keiner mehr eine Geschichte ausdenken, zumindest keine richtige, also mindestens keinen Roman, außer vielleicht einen über die Wende, davon gibt es noch viel zu wenige.
/ Ich glaub ja, du warst zu lange wach. / sagt die Dichterin da und wir denken noch, dass das vielleicht stimmt und das, wo doch der Abend noch gar nicht richtig angefangen hat. So viele Dinge haben aber noch nicht angefangen, zuvörderst wäre da ein echter Kapitalismus, einer der uns so richtig auffrisst und platthaut endlich und was auch noch nicht richtig angefangen hat ist, dass Alexander Kluge mal mehr Sendefenster bekommt im Fernsehen, damit wir alle ein bisschen mehr zu lachen haben, und weil das aber wichtig ist, dass das alles mal anfängt, besser heute als morgen, sagen wir uns, dass wir jetzt eben lieber abhauen von hier und die Leute sich ganz alleine begatten lassen, wie Gerste oder so, die bestäubt sich ja auch selbst, es soll vor allem anfangen, beginnen. / Dichterin mitnehmen! /denken wir also und sie selbst auch oder vielleicht denkt sie auch / mal mitgehen /.
Auf dem Weg nach Kreuzberg dann erzählt sie uns, dass sie total straight edge ist, dass sie gar nichts trinkt und auch keine Drogen, bloß keine Drogen, erzählt sie, und dann auf wiki da steht erstmal, dass straight edge auch gar keinen Sex bedeutet, die is also völlig aus den falschen Motiven jetzt weg von der Lesung, die wollte einfach nich, die kann ja gar nich und darf nicht mal. Ich hab da ja gar nichts dagegen, überhaupt hab ich ja schon gesagt, dass ich das viel besser finde, einfach mal gar nicht so wirklich etwas gegen irgendwas zu haben, vielleicht ein objektiver Standpunkt, aber noch besser ist natürlich gar kein Standpunkt, aber mindestens eine Perspektive muss man ja haben, aber das sollte doch dann bitte die objektive sein, weil von Subjekten haben wir ja nun wirklich schon genug gehört und dass die kaputt sind und ein für allemal weg, oft genug gehört und das glaub ich auch, was ja wenigstens ein kleiner Standpunkt ist, nur eben kein subjektiver. Geht mir überhaupt weg damit, mit dem ganzen Kram, ihr könnt auch alle meine Perspektiven mir wegnehmen und alle meine Meinungen, die Hauptsache ist doch, dass ich mein Gehirn behalten darf, das behalt ich nämlich weil das mir genau sagt, was ich machen soll, so wie jetzt: das hämmert mir nämlich gegen die Innenseite meines Schädels, da will man sogar Grünbein noch glauben am Ende. / Jedenfalls müssen wir die jetzt loswerden / flüsterst du ganz richtig, was sie jetzt natürlich gleich gehört hat, aber das sagt sie uns nicht, das weiß ich aber, weil ich eben wegen meiner Standpunktlosigkeit auch total nullfokalisiert bin, und deshalb merk ich aber auch, dass die Dichterin eigentlich doch ganz schön geil ist gerade, dass die gerade merkt, dass ihre straight-edge-idee viel zu avantgarde ist, um zu ihr zu passen, wo sie doch nur so Gedichte schreibt, die sich reimen und eigentlich auch ganz schön gerne glaubt, dass sie lieber Prosa machen soll, Prosa. Da sag ich / Ja, aber dann mach doch mit uns wenigstens mal n bisschen Prosa / und glaub jetzt so total was zu bedeuten, aber das versteht sie jetzt wieder nicht und ich frag mich, wieso sie selbst eigentlich nicht so viel weiß, wie ich und dabei fass ihr einfach an die Brüste ran, obwohl die gar nich so viel weiß. Du machst natürlich gleich mit und fasst ihr an die andere Brust, so dass sie jetzt auf jeder Seite von je einem von uns mal so richtig angefasst wird eben, und wir denken noch / Ja, das braucht die jetzt, mal so richtig geile Prosa / und das gefällt der dann auch zuerst, da macht sie gleich so richtig mit und die weiß schon ganz genau, was sie da macht, weil sie nämlich auch Hände hat und sogar ganz kräftige, auch wenn die ihr schon gleich schon nichts mehr helfen, diese Hände.
Raus aus dem Hausflur jetzt aber, noch zwei Kippen gedreht, die Dichterin lassen wir einfach da liegen, die soll da mal was dichten, über Treppenhäuser vielleicht oder über die Ausfälle und Zahlungsstörungen im Hypothekenmarkt, im Subprimesegment vor allem, die ja zu derben Verlusten und negativen Ratingänderungen von Asset Backed Securities und ABCP geführt haben, die dann eben so viel Illiquidität und sone richtige Ausweitung der Risikoaversion gegenüber kreditrisikobehafteten Anlageinstrumenten und Geldmarktliquiditätsengpässen gemacht und am Ende die Refinanzierungsprobleme bei den Banken produziert haben erst, darüber vielleicht, weil das nämlich so unpoetisch ist und die soll ja Prosa machen. Noch weiter unten an der Straße ist endlich die Kneipe, / endlich die Kneipe, endlich trinken / sagst du noch, obwohl das so anti-schwanger mit Bedeutung ist, das Trinken.
Wie die Leute dann aber am Ende so lange gebraucht haben, um uns zu finden und zu meucheln so nebenbei, niederzuschießen einfach, und das ist noch nicht mal übertrieben, das ist zwar so eine Sache, wie die solange dafür gebraucht haben, die ist zwar so richtig aus dem Leben gegriffen aber trotzdem irgendwie unklar, trotz des Lebens. / Jetzt lasst doch die Welt endlich mal welten, /sagst du dem Mob noch / oder lass uns wenigstens gemeinsam das Urereignis suchen, das ist doch so wichtig, weil das nämlich völlig verschüttet ist unter dem ganzen Unfug und der ganzen Psychologie und den Seelen und eben auch den Subjekten, / füg ich noch hinzu aber dann tatsächlich: zerschnittene Münder – die Schweine.