Maßstäbe der Kunstkritik - Eine Diskussion in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
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Artikel von Lutz Hagestedt
Maßstäbe der Kunstkritik
Eine Diskussion in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste
Seit dreißig Jahren wird der Literaturkritiker und diesjährige Bambi-Preisträger Marcel Reich-Ranicki (Frankfurter Allgemeine Zeitung, Das Literarische Quartett) zu Podiumsdiskussionen eingeladen und nach Maßstäben der Kunst- beziehungsweise der Literaturkritik befragt. Und seit dreißig Jahren beteuert er immer und immer wieder, er habe keine Maßstäbe, und es gebe keine. Freimütig bekannte er, er habe in all den Jahren viele Honorare für dieselbe Antwort bekommen. Man darf sich fragen, was den Schriftsteller Horst Bienek, Leiter der Abteilung Literatur in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, bewogen haben mag, Reich-Ranicki im einunddreißigsten Jahr erneut zu befragen.
Die Akademie ist offensichtlich bemüht, in puncto Redundanz und Ignoranz neue Maßstäbe zu setzen. Sie hat eine – fünf Abende umfassende – Veranstaltungsreihe ausgelobt, innerhalb derer Kunstkritiker der Sparten Literatur, Musik, Architektur, Bildende Kunst und Theater ihre Kriterien darlegen und womöglich über dieselben streiten sollen. Der erste Abend mit Klara Obermüller (Zürcher Weltwoche, Frankfurter Allgemeine Zeitung, Das Literarische Quartett) und Marcel Reich-Ranicki war ein sehr gut besuchtes Ereignis von großem Unterhaltungswert.
Die Literaturkritikerin Klara Obermüller hatte das erste Wort und stellte sich sogleich als „Dilettantin“ im ursprünglichen Wortsinne vor, als jemand also, der sich mit der Literatur lediglich aus Liebhaberei beschäftigt. Der Abend ließ jedoch offen, ob sich ihr Dilettantismus wirklich im ursprünglichen Wortsinn erschöpft. Denn als Erwartungen an die schöne Literatur nannte sie: Literatur müsse für den Autor „zwingend“ sein, sie müsse „authentisch“ sein und „echt“; ferner müßten die Fakten, die Rechtschreibung und die Zeichensetzung stimmen, außerdem dürfe Literatur den Kritiker nicht langweilen, sondern müsse vielmehr „packend“ erzählt sein und einen „unverwechselbaren Ton“ haben.
Die Antiquiertheit des Kataloges dürfte Reich-Ranickis Literaturgeschmack in nichts nachstehen und Einwänden nicht lange standhalten: Denn was der eine Kritiker als „langweilig“ einstuft, das ist für den anderen spannendes Leseabenteuer, wo der eine einen „unverwechselbaren Ton“ heraushört, da sieht der andere bloß Zeitgeistprosa. Ein Hinweis auf Arno Schmidt dürfte das Argument bezüglich Interpunktion und Orthographie entkräften. Das Authentizitäts- und Echtheitspostulat schließlich hat sich seit jeher jeglicher kritischen Nachprüfbarkeit entzogen.
Von Klara Obermüllers Kriterien blieb – strenggenommen – nur eines übrig: Die Argumentation des Kritikers müsse intersubjektiv nachvollziehbar sein. Doch an solchen Argumentationsgängen scheint es zu mangeln und mit ihrer Nachprüfbarkeit Probleme zu geben. Klara Obermüller jedenfalls malte die Kritikerzunft der Zukunft schwarz in schwarz: Es gebe nach Marcel Reich-Ranicki keine literaturkritische „Instanz“ mehr, niemand sei willens oder fähig, dessen Rolle als Großkritiker und Literaturpapst (und Bambi-Preisträger) zu übernehmen. Dilettantismus, „pluralistische Vielfalt“, als Euphemismus für „Beliebigkeit“, und Unverbindlichkeit in der Literaturkritik seien die Folge.
Der Abend in der Bayerischen Akademie der Schönen Künste hatte offenbar die Funktion, die „Krise der Literaturkritik“ in anschauliche Nähe zu rücken. Marcel Reich-Ranicki war jedoch nicht ganz so pessimistisch wie seine Schweizer Kollegin. Er zeigte sich zuversichtlich, daß es in zwei, fünf oder acht Jahren eine neue „Instanz“, einen neuen Großkritiker geben werde.
Und das war wirklich alles? Ja, abgesehen von Horst Bieneks Moderation, die nicht um ein wirkliches Gespräch bemüht war und die beiden Gäste aneinander vorbeimonologisieren ließ; die – gegenüber Reich-Ranicki – fast zur Anbiederung geriet, und abgesehen von vielen heiteren Anekdötchen und komischen Einlagen seitens des Unterhaltungskünstlers Marcel Reich-Ranicki war das im wesentlichen alles. Es kann eigentlich nur noch besser werden.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 275 vom 30. Nov. 1989
