Mörike auf der Werkbank. Walter Gröner: Fabrikler, Leser und Poet
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Rezension von Lutz Hagestedt
Mörike auf der Werkbank
Gedichte und Prosa von Walter Gröner
WALTER GRÖNER: Fabrikler, Leser und Poet. Elster Verlag, Bühl-Moos. 96 Seiten.
An den großen Autoren der Moderne bewundern wir, wie sie ein Spannungsverhältnis zwischen Vergangenheit und Gegenwart erzeugen, indem sie die „ewigen“ Motive der Weltliteratur völlig neu umsetzen; wie sie „gelehrte“ Assoziationen sprachlich aktualisieren und stilistisch decouvrieren; oder umgekehrt: wie sie auch das Kleine, Alltägliche, ja Schmutzige durch die stilistisch epigonale, erhabene Sprachgebärde feiern. Das Leben ist Poesie, und nichts ist lächerlich daran, auch nicht die Lohnarbeit.
Diese irritierende Spannung der Moderne hat sich in Walter Gröners Texten erhalten. Sie sind in einer Sprache geschrieben, die nicht mehr die unsere ist. Hier wird hohe Literatursprache in die alltägliche Phantasielosigkeit hineingeholt, die – im Falle von Walter Gröner (geboren 1950 in Heubach; lebt und arbeitet dortselbst) – von Akkordarbeit und Monotonie weitgehend bestimmt ist:
„Selbst wenn wir in Badewannen der Kunige baden, / Auch wenn wir mit Hellebarden im Firmamente stieren, / Und wenn ein Windmühlenflügelschlag uns endlich ins / Povre Gelände trümmert – / Wir sind Poeten. Ihr seid Barbaren.“
Ein erhabener, feierlicher, anachronistischer Ton durchzieht diesen Band. Hier spricht ein Poet, der von seinen literarischen Ahnen durch und durch geprägt wurde, der sich stilistisch in den ersten Kreisen bewegt, dessen Lyrik und Prosa von einer epigonalen Zitationskunst dennoch weit entfernt ist. Denn der Poet weiß, daß er im Schattenwurf der Großen steht, er hat seine Rückwendung bewußt vollzogen. „Barbaren“ sind wir, wenn wir nicht erkennen, daß es „keine zeitgenössischen Dichter“ mehr gibt. Man mag dazu stehen, wie man will. Aber es mußte gezeigt werden, daß der Poet sich seiner Anachronismen bewußt ist; denn nur das ist ein Indiz dafür, daß er sie auch mit höchster Bewußtheit einsetzt und nicht nur unschöpferisch wiederholt.
Gröners Poesie ist neu, und Stil und Inhalt gehen ein „gespanntes“ Verhältnis ein. So einmal am Grab von Ringelnatz, als die Gießkannenläufer den Betrachter stören: „Sonst hätt ich von dir ejn Zehenglied aus dem märkischen Sande geborgen: / Für den Hosensack als einen Talismann auf windiger / Hochmeerfahrt.“
In der erhabenen Stilgeste wird der unerhörte Gedanke enthüllt. Und zugleich sind die Worte des Betrachters, der hier die Gräber der Schriftsteller besucht, von tiefer Hochachtung und Melancholie erfüllt: „Guten Morgen, René: heut haben aus mürben, wetter- / Gefällten Birnbäumen die Raben gerufen, / Und die Sommervögel, man wußte nicht / Heimat oder Exil.“
Ein Respekt und eine liebevolle Zuneigung offenbaren sich, die auch die kleinen menschlichen Schwächen nicht übersehen: „Berlin, Spandauerberg: da plagt sich / Der Walser Röbi / Im Mietshaus mit seinem Schwänzchen, / Und der Herr Cassirer gähnt.“ Die Prosa ist nüchterner, auch abstrakter zum Teil. Die Lohnarbeit, Gröners Brotberuf, gewinnt größeren Einfluß auf den Stil: „Nun bin ich ganz in den Gesang der Maschinen gehüllt, die feinen Partikel der Schleifemulsion wölken pilzartig unters verschmierte Hallendach.“ Die Handgriffe sind so eingeübt, daß man schon mal ein Buch neben sich legen kann. Hier liest ein Schichtarbeiter, der bei Däubler, Klabund und Robert Walser eine Education sentimentale erhalten hat. Von den Nachbarmaschinen dringen slowenische und türkische Gesprächsfetzen ans Ohr. In den Vesperecken liegen fleckige Illustrierte herum, auf den Scheißhäuseln unterhält Graffiti den schwitzenden Arbeiter. Und die spannungsvolle Poesie, die aus all diesen disparaten Eindrücken entsteht, ist spielerisch leicht, ist voller Humor und Ursprünglichkeit: „Durch Ideen zum Erfolg! / Besser / Vorteilhafter / Wirtschaftlicher / Betriebliches / Vorschlags- /Wesen /Salvatore Quasimodo / Unmerklich / Tanzt die / Zeit / Gedichte.“
Das hätten sich Petrarca, Mörike, Hölderlin und Salvatore Quasimodo auch nicht träumen lassen, daß sie einmal auf der Werkbank eines Feinmechanikers gelesen würden, während die Schleifmaschine läuft. Und daß daraus mehr entsteht als bloß „Arbeiterliteratur“. Gröner ist eben alles zugleich: Fabrikler, Leser und Poet.
PS. Walter Gröner liest heute abend im Kulturladen Milbertshofen (Milbertshofener Platz) aus seinem hier besprochenen Buch. Beginn: 20 Uhr.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung vom 26.02.1986
