Lyriker Ralf Thenior bei der Arbeit – Zur ersten Poetikvorlesung an der Universität Rostock seit der Wende

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Poetikvorlesung von Ralf Thenior
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Poetikvorlesung von Ralf Thenior


Ricky Laatz

Lyriker Ralf Thenior bei der Arbeit – Zur ersten Poetikvorlesung an der Universität Rostock seit der Wende

Freitagmorgen, 7:30 Uhr. Hörsaal 218 in Sichtweite eines noch friedlichen Uniplatzes. Kann man heute und zu dieser Uhrzeit über das Lebensrecht von Dichtung sprechen? Und über die Existenzprobleme von Autoren? Man kann, sogar ganz vortrefflich. 60 Studierende waren der Einladung von Prof. Lutz Hagestedt gefolgt und zum Gastvortrag des Autors Ralf Thenior gekommen. Dieser hielt im Rahmen seines Stipendienaufenthaltes in Mecklenburg-Vorpommern eine Poetikvorlesung an der Universität Rostock – die erste überhaupt seit 1989. Mit dem Titel: “Der eigene Ton. Weltsicht, Witz und Wortwahl im Gedicht.“

In den alten Bundesländern eine gestandene Institution, etwa in Frankfurt/ Main in Kooperation mit dem Suhrkamp-Verlag, findet man Poetikvorlesungen an den hiesigen Universitäten sehr selten. Auf Initiative des Instituts für Germanistik – das auch bei der Autorenwahl des privat finanzierten Schreibstipendiums „Sinecure“ in Landsdorf half – ist dieser Kontakt möglich geworden. Sehr anschaulich arbeitete Thenior, Jahrgang 1945, in seinem etwa einstündigen Vortrag die Grundsituation des Schreibens heraus: die Spannung zwischen Einsamkeit des Schreibtisches und Gesellschaftsbeobachtung. Zur Sprache kamen auch die Existenzberechtigung von Lyrik heute und der eher geringe Absatz bei kleinem Publikum. Zum Alleinerwerb taugt Poesie nach wie vor nur bei einem Überraschungserfolg, nach Jahrzehnten oder eher gar nicht. Das liegt auch in ihrem Wesen begründet. Sie ist subversives, unideologisches Mittel zur Selbsterklärung der Welt. Ein Refugium, das den Müßiggang braucht, Träumerei und „Saumseligkeit“.

Doch Grund für schlechte Laune ist das noch lange nicht, nicht dass wir ihn falsch verstehen: „Ich lache durchaus gern. Poesie birgt ein großes Potenzial an Lust und Erkenntnisgewinn.“ Ralf Thenior sieht sich in der Figur des Narren. Der mit einem lachenden und einem kritischen Auge Kommentare abgibt zur Zeit und den Menschen in ihr. Etwa zur Sprachverkürzung oder dem inflationär verkäuferischen Umgang mit Sprache: „Einmal am Telefon nicht aufgepasst, und schon hat man eine Surferzeitschrift abonniert, obwohl man im Rollstuhl sitzt.“ Im Übrigen: Auch ein Poet benutzt die neuen Medien wie es ihm gefällt. Seit einem Jahr hat der Autor eine eigene Homepage, die eine direkte Kommunikation mit seinem Publikum ermöglicht. Vielleicht eine moderne Form der Flaschenpost? Die Frage nach dem Lebensrecht des Dichters ist noch ergebnisoffen: Am nächsten Donnerstag wird Ralf Thenior im Seminar von Prof. Hagestedt in einen Dialog und Textarbeit mit den Studenten eintreten. Im Hörsaal der „Hautklinik“ übrigens, noch so einem interessanten Ort zum Dichten.


(gekürzt erschienen in der Ostseezeitung vom 24.5.2008)


"Der eigene Ton" - Poetikvorlesung von Ralf Thenior

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