Lebensbornkind 2022. Veslemöy Kjendsli: Kinder der Schande
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Rezension von Lutz Hagestedt
Lebensbornkind 2022
Opfer nationalsozialistischer Rassenpolitik
Veslemöy Kjendsli: Kinder der Schande. Aus dem Norwegischen von Gabriele Haefs. Verlag Dirk Nishen, Berlin 1988. 116 Seiten.
„Es ist unbedingt wünschenswert, daß die deutschen Soldaten mit norwegischen Frauen so viele Kinder wie möglich zeugen, egal, ob ehelich oder außerehelich“, hieß es in einem Rundschreiben der SS. Denn die der SS angegliederte Nazi-Organisation, der sogenannte „Lebensborn e.V.“, hatte mit den Kindern besonderes vor, erwies sich doch der Krieg als „ein Aderlaß des besten Blutes“ (H. Himmler).
Deutsche Väter – norwegische Mütter, das schien den Nazi-Ideologen eine sehr gute „Rekrutierungsquelle“ für „germanisches Blut“ zu sein. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges waren in Norwegen etwa 9000 sogenannte „Kriegskinder“ aus deutsch-norwegischen Partnerschaften registriert.
Die meisten dieser Kinder hatten und haben ein wahrhaft schweres Schicksal zu meistern. Viele von ihnen wurden nach Deutschland geschickt, in Kinderheimen oder Adoptivfamilien untergebracht. Hier fand ihre Odyssee ein vorläufiges Ende, doch nach dem Krieg ging es weiter, wurden die meisten von ihnen nach Norwegen zurückgeholt, begann für die Kinder ein neuer Leidensweg durch neue Übergangsheime und Gastfamilien.
Zahlreiche Lebensbornkinder haben ihre leiblichen Eltern niemals kennengelernt, andere haben kaum Erinnerungen an ihre deutsche Adoptivfamilie, in der sie ihre prägenden Kindheitsjahre verbringen mußten.
Auf Turid, das „Lebensbornkind 2022“, trifft beides zu. Die ersten sechs Jahre ihrer Kindheit sind wie ausgelöscht. 43jährig versucht Turid, Licht in das Dunkel ihrer Herkunft zu bringen. Sie hat unerhörtes Glück und findet den Namen ihrer Mutter heraus, den Schlüssel zu ihrer Vergangenheit. Die Ereignisse überstürzen sich – und die Spannung kommt beim Selberlesen.
Die Journalistin Veslemöy Kjendsli hat Turids authentische Geschichte unprätentiös aufgezeichnet. Es handelt sich nicht um Literatur, doch wird hier – genau wie in Literatur – ein ergreifendes System von Parallelfällen aufgebaut.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 80 vom 7. April 1989 (Sachbuchseite)
