Laudatio zu "Stillstand dieser Tage"
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Christian Vorein
Laudatio zum drittplatzierten Beitrag "Stillstand dieser Tage" von Christoph Braune (Prosawettbewerb 2008/2009)
„Es ist Zeit. Es ist wieder Zeit. Es ist immer Zeit.“ - Zeit, dass ein deprimierter, wetterfühliger Minutenzeiger sein Gefühlsleben offenbaren darf. Christoph Braune nimmt sich diese Zeit und lässt ihn seine Erlebnisse eines vorweihnachtlichen Abends reflektieren. Helfen will der Zeiger, Einfluss nehmen, doch er muss seinen Job erfüllen. Dabei betrübt ihn seine Arbeit zunehmend. Die gleichmäßige, verlässliche, meditative Wiederholung empfindet er als Eintönigkeit, den Rhythmus störend. Der routinierte Minutenzeiger wird zum gehetzten Minutenzeiger wird zum unglücklichen Sisyphus.
„Es war kein schönes Gefühl einfach nur zu funktionieren.“, stellt er fest. „Es ist kein schönes Gefühl einfach nur zu funktionieren.“, schreibt die Frau im Abschiedsbrief an ihren unglücklichen Sisyphus.
Zeiger und Mensch – beide sind in der Geschichte von Christoph Braune Getriebene, die sich im Kreis drehen. Beide sind voneinander abhängig, machen sich gegenseitig das Leben schwer. Sechs Mal gibt der Minutenzeiger an, was die Stunde geschlagen hat: Dass die „Zeit dieser Tage … nicht menschenfreundlich“ ist, „Aber daran sind sie selbst schuld.“ Schuld hat die energische Mutter, die ihren kleinen Sohn vom Weihnachtsmann wegzerrt. Schuld hat der gehetzte Freund, Schuld hat der gebrochene Broker.
Die mit bildlicher Sprache dargestellten Episoden werden von einem Dritten reflektiert, dessen Identität erst am Ende aufgeklärt wird. Die originelle Idee, einen Zeiger zum Thema Zeit zu Wort kommen zu lassen, wird von Christoph Braune sprachgewandt umgesetzt und durch die sechsfache Wiederholung der „Zeit“-Klimax anschaulich unterstützt. Die ein oder andere Unstimmigkeit oder gedankliche Abkürzung, den ein oder anderen holprigen Satz verzeiht man gerne.
"Fünf-vor-Zwölf" endet die Geschichte, wie eine Metapher für Dringendes. Dringend zu überdenken wäre vielleicht der Umgang mit Zeit. „Es ist immer Zeit“, dieser Satz lässt sich zum Glück auch positiv denken. Auch Sisyphus kann man sich glücklich vorstellen, als einen Menschen, der Erfüllung in dem findet, was er tut und nicht berghoch schaut, was noch alles ansteht. Das vielleicht die optimistische „fabula docet“, die Lehre der Geschichte „Stillstand dieser Tage“. „Es ist immer Zeit“ Gedanken zu Papier zu bringen, dass vielleicht die optimistische „laudatio docet“ für Christoph Braune, den wir mit dem dritten Preis unseres diesjährigen Prosawettbewerbs auszeichnen.
