Laudatio zu "Goetz und Pollesch, Freitagabend"
aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank
Petra Porto
Laudatio zum Siegerbeitrag Goetz und Pollesch, Freitagabend von Martin Stobbe (Prosawettbewerb 2008/2009)
Martin Stobbes Erzählung „Goetz und Pollesch, Freitagabend“ stach aus den diesjährigen Einsendungen zum Prosawettbewerb heraus – thematisch ebenso wie sprachlich. Dabei klingt der Inhalt – knapp zusammengefasst – zunächst fast banal, auch wenn der Text auf ein brutales Ende hin orientiert ist: Da laufen zwei Männer durch die Nacht, beginnen eine Schlägerei mit einem arglosen Passanten, besuchen die Lesung einer jungen Poetin, mit der sie später die Veranstaltung zwecks Kopulation verlassen, um am Ende von einem wütenden Mob niedergeschossen zu werden.
Doch der Text ist komplexer: Den Sound Rainald Goetz’ nachahmend, dabei aber immer noch einen eigenen Ton treffend, wird von mehr erzählt als von zwei leicht zu reizenden Herren. Die Erzählung beginnt bereits mit einem ironischen Lob des Ich-Erzählers für den Literaturbetrieb, der „kümmerlich, liberal, furchtsam, ernst und seriös“ Kultur*verteidigung* betreibt, ohne die überkommenen Positionen, von denen aus gekämpft wird, zu überdenken. Und auch im weiteren Verlauf der Geschichte zeigt der Protagonist seine Kenntnis des Unterhaltungsbetriebs, von dem er sich gleichzeitig scharfzüngig distanziert: Der Querschnitt der Bevölkerung schaut Dieter Bohlen dabei zu, wie er einen Wegwerf-Star sucht oder beobachtet Frauen dabei, wie sie in fremde Familien implantiert werden. Das Bildungsbürgertum rät angehenden Dichterinnen, sich lieber mit Prosa zu beschäftigen, weil das mehr Geld und Prestige bringt.
Gleichzeitig stellt die Erzählung ihre Fiktionalität ostentativ aus: Der Ich-Erzähler ist sich so z.B. bewusst, dass seine Begegnung mit dem Passanten zu Beginn gänzlich unmotiviert ist und damit im Grunde den Strukturregeln klassisch aufgebauter Kurzgeschichten widerspricht. Ebenso reflektiert er seinen Standpunkt als Erzähler, der – nullfokalisiert – die Gedanken der jungen Poetin zu lesen und deuten vermag.
Der Text funktioniert auf mehreren Ebenen, steckt voller Anspielungen und durchdachter Ideen, ohne dadurch allerdings auszufasern – die Erzählung ist so dicht, so rund geschliffen, dass wir den Autor für seine Leistung mit dem ersten Preis des vierten Prosawettbewerbs auszeichnen wollen.
