Laudatio zu "Bedauernswerte Glücksfälle"

aus Netzwerk-Literaturkritik, der freien Wissensdatenbank

Jens Kretschmer

Laudatio zum zweitplatzierten Beitrag "Bedauernswerte Glücksfälle" von Thomas Fehling (Prosawettbewerb 2008/2009)


Das Thema in Thomas Fehlings Erzählung, eine zu Ende gehende Liebesbeziehung, ist eines der am häufigsten vorkommenden bei den Einsendungen unseres Wettbewerbs.
Thomas Fehlings Text ragt jedoch aus der Vielzahl der Beiträge heraus.
Zunächst ist der Text keine reine Innen-Darstellung eines frisch getrennten Partners. Es werden - in Ausschnitten - einerseits der Beginn und Fortlauf und andererseits das Ende der Beziehung geschildert.
Besonders gefallen hat uns dabei die ungewöhnliche Erzähltechnik, bei der der Text zwischen zwei Zeitebenen hin und her springt, die dann in ein gemeinsames Ende münden. So entsteht eine besondere Erzählstruktur, die beiden Handlungsstränge laufen dabei aufeinander zu.
Beide Handlungen unterscheiden sich stark im Verhältnis von Erzählzeit und erzählter Zeit. Während die gemeinsame Geschichte des Paares stark gerafft wiedergegeben wird, scheint die Zeit im zweiten Handlungsstrang fast stillzustehen.
So entsteht eine ungewöhnliche, dichte Stimmung, die durch die Rückblenden zu vergangenen Tagen eine fast erleichternde Unterbrechung erfahren.
Doch diese Besonderheit im Erzählen ist nicht der einzige Grund, weshalb wir diesen Beitrag schnell zu unseren Favoriten zählten. Thomas Fehling gelingt es, mit stimmigen sprachlichen Bildern für die jeweilig geschilderte Situation eine überzeugende Atmosphäre zu schaffen.

Beispiele: Die Großstadt klingt „dumpf und vage, als drücke man ein Kissen auf ihr Gesicht.“ / Das „Läuten [des Telefons] wird zur Daumenschraube.“ / Athen als eine „steinerne Überschwemmung, vom Meer heraufgekrochen.“

Die Metaphern werden hier nicht zum Selbstzweck, sondern können die Darstellung erfolgreich unterstützen.
Und noch etwas unterscheidet Thomas Fehlings Beitrag von anderen, die sich mit der Bewältigung von missglückten Liebesbeziehungen befassten:
Der Autor schaut auch nach den Gründen. Ganz unterschwellig werden die Kleinigkeiten, die zuerst ganz unwichtig und unscheinbar wirken, aufgetürmt zu dem, was Beziehungen oft genug scheitern lässt: unterschiedliche Prioritäten, Schwierigkeiten in der Kommunikation, das Aneinander-Vorbei-Leben.
Dabei schafft er es, nie in platte Stereotype zu verfallen oder aus der Erzählung eine Beziehungsanalyse zu machen. Als Leser wird man in die Geschichte hineingezogen.

Für diese Leistung zeichnen wir, die Jury, Thomas Fehling mit dem zweiten Platz dieses Wettbewerbs aus.

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