Kunst ist wirksam. Alfred Döblin: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur

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Rezension von Lutz Hagestedt


Kunst ist wirksam


Döblins Schriften zur Literatur

ALFRED DÖBLIN: Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur. Herausgegeben von Erich Kleinschmidt Walter Verlag, Olten 1989. 784 Seiten. (= Ausgewählte Werke in Einzelbänden, herausgegeben von Anthony W. Riley.)

„Wenn Literatur in den Rundfunk eingehen soll, so muß sie notwendig die Gesetze und die Formen dieses akustischen Instruments annehmen.“ Vor fast genau sechzig Jahren, im September 1929, hat sich Alfred Döblin Gedanken über das Verhältnis von Literatur und Rundfunk gemacht; der ungeheure Aktionsradius des neuen Mediums war unüberhörbar geworden, und es galt, eine „Ortsbestimmung der Literatur im Rundfunk mit möglichster Präzision zu beschreiben“.

Alfred Döblin widersprach all denen, die literarische Radiosendungen für etwas „Vulgäres“ und „Minderwertiges“ hielten, und er betonte den großen Vorteil, durch technischen Fortschritt Literatur sprachlich-akustisch realisieren zu können. Seit der Erfindung der Buchdruckerkunst sei die Literatur zu einem stummen Medium geworden, ein Kuriosum, das ihr nicht unbedingt zum Vorteil gereiche. Alfred Döblin hat darin, daß Literatur wieder hörbar gemacht werden könne, einen großen Gewinn gesehen. Im Walter Verlag, Olten, ist nun ein in jeder Hinsicht schwergewichtiger Band seiner „Schriften zu Ästhetik, Poetik und Literatur“ aus 43 Jahren erschienen. Erich Kleinschmidt, Herausgeber des Buchs, hat einen umfangreichen Kommentar und ein kenntnisreiches Nachwort beigetragen. Kleinschmidts Nachwort tendiert nicht zur kritiklosen Affirmation, sondern ist um sachliche Abwägung und kritische Würdigung seiner – Döblins – Möglichkeiten und Grenzen bemüht.

In 34 Einzelbeiträgen, auf mehr als 500 Seiten, hat Döblin das „etwas zweifelhafte Gebiet der Essayistik“, wie er selbstkritisch bemerkte, beackert und zweifellos bereichert. Der weitgespannte Bogen umfaßt Beiträge vom Verhältnis des Staates zu seinen Schriftstellern bis hin zur Funktion des Dichters in seiner Zeit. Döblin spricht über „Romanautoren und ihre Kritiker“, über Naturalismus, Futurismus, Formalismus, über „Dichtung und Seelsorge“, über „Kunst, Dämon und Gemeinschaft“ und anderes mehr.

Einige Beiträge handeln vom Nutzen der Musik für die Literatur oder bemühen sich, eine Musikästhetik zu entwickeln. Die musikphilosophischen „Gespräche mit Kalypso über die Musik“ erinnern in ihrer Dialogstruktur an Traktate der Romantik, etwa an Solgers „Erwin. Vier Gespräche über das Schöne und die Kunst“.

Alle Beiträge dienen immer auch der eigenen Standortbestimmung, sind Momentaufnahmen eines dynamischen Prozesses der „Wahrnehmungs- und Denkbewegungen“. Döblins Erfahrungen des Exils bringen schließlich auch moralische Aspekte mit in die Argumentation. Der Dichter, der „ein besonderes Ansehen“ genießt, soll verantwortlich handeln und sein Ansehen zu nutzen wissen.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: SZ am Wochenende Nr. 142 vom 24./25. Juni 1989.

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