Kriminelles Glückskind - E. L. Doctorow erzählt vom organisierten Verbrechen ("Billy Bathgate")

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Rezension von Lutz Hagestedt


Kriminelles Glückskind

E. L. Doctorow erzählt vom organisierten Verbrechen

Edgar Lawrence Doctorow: Billy Bathgate. Roman. Aus dem Amerikanischen von Angela Praesent. Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 1990. 422 Seiten.

Die Bücher von Edgar Lawrence Doctorow lesen sich wie ein Fortsetzungsroman. Dieser Roman erzählt von Nordamerika, seiner faszinierenden Sozialstruktur und Geschichte, seiner für Einwanderungsländer typischen, konfliktreichen Dynamik im Prozeß der kulturellen Ausdifferenzierung und vom oft schmerzhaften Zusammenwachsen und Verschmelzen der verschiedenen Bevölkerungsgruppen. Das großangelegte Erzähltableau will sich, und dafür gibt es vielleicht kein besseres Beispiel in der amerikanischen Gegenwartsliteratur, immer auch in die europäische Tradition stellen, wenn es nach Analogiemodellen sucht. „Ragtime“, Doctorows bekanntester Roman (1975), trägt zwar einen typisch nordamerikanischen Musikstil, einen Vorläufer des Jazz, im Titel, ist aber den vermittelnden Umweg über René Schickeles „Symphonie für Jazz“ (1929) gegangen und ohne diesen Roman nicht denkbar. Andere wichtige Bezugsgrößen sind etwa Kleists „Michael Kohlhaas“, Dickens’ „Hard Times“ und – im neuesten Roman – der „Fliegende Holländer“. Billy Bathgate nennt sich der Ich-Erzähler, der im fortgeschrittenen Alter auf seine kriminelle Jugend zurückblickt und – da er einiges Ansehen genießt – anonym bleiben will. Als Fünfzehnjähriger ist er in das Verbrechersyndikat von Arthur Flegenheimer alias Dutch Schultz, des berüchtigten „Holländers“, eingetreten, quasi als Maskottchen eines untergehenden Sterns; denn Schultz war mit seinen illegalen Geschäften 1935 in Untersuchung gezogen worden, und es sah so aus, als ob gegen den überaus tüchtigen Staatsanwalt Thomas Dewey kein Kraut gewachsen wäre.

Die Schultz-Bande bediente sich eines Tricks. Sie wich von New York City in das provinzielle Ononondaga aus, so daß das örtliche Bezirksgericht mit der Strafsache betraut wurde; sie schmierte die Geschworenen und erreichte einen Freispruch, der in ganz New York Entsetzen und Empörung auslöste. Nur die rivalisierenden Verbrechersyndikate, allen voran Lucky Luciano und seine Gang, ließen sich auf diese Weise nicht in den Griff bekommen, Schultz und seine Leute, die immer mehr zum Sicherheitsrisiko für das ganze Milieu geworden waren, wurden binnen eines Jahres beseitigt.

Billy Bathgate erlebt diese „Gangsterdämmerung“ (Robert von Berg) aus nächster Nähe mit. Alles, was er anpackt, gelingt ihm, so daß er rasch die Hierarchie der Schultz-Gang erklimmt. Schließlich tritt er das Erbe des „Holländers“ an, der – wie sein sagenhaftes Vorbild – dazu verdammt war, der menschlichen Sozialität zu leben.

E. L. Doctorow erhielt für seinen Roman den begehrten Fiction-Preis des „National Book Critics Award“. „Fiction“-Spannung kommt aber eigentlich nur während des Auftaktes auf, als der „Holländer“ den abtrünnigen Bo Weinberg im Meer versenkt. Die meisten Figuren des Syndikats bleiben blaß, sind nur ausführende Organe der beiden Köpfe, Dutch Schultz und Otto Berman, zärtlich-ehrfurchtsvoll „Abba-dabba“ genannnt. Letzterer ist ein kühler, disziplinierter Rechner, der die Finanzen des Syndikats verwaltet, ersterer wird als jähzornig und unkontrolliert dargestellt, einer, der aus Wut heraus improvisiert und einen wortreichen Tod stirbt. Erwähnenswert ist noch Miß Lola/Drew/Lulu, eine „Kriegsbeute“ von Dutch Schultz und spätere Geliebte von Billy Bathgate, auch sie merkwürdig farb- und konturenlos. Keinen Schauder konnten mir die ausgetüftelten kaltblütigen Verbrecher über den Rücken jagen, keine Sympathie vermöchte ich für den Ich-Erzähler aufzubringen, mich hat das Buch weitgehend kalt gelassen und enttäuscht.


© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 181 vom 6.8.1990.
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