Klischee und Kennerschaft. Roger Paulin: Ludwig Tieck. Eine literarische Biographie

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Rezension von Lutz Hagestedt


Klischee und Kennerschaft

Ludwig Tiecks Leben und Werk in der Darstellung von Roger Paulin

ROGER PAULIN: Ludwig Tieck. Eine literarische Biographie. Aus dem Englischen von Hannelore Faden. C. H. Beck Verlag, München 1988.350 Seiten. / Ludwig Tieck. Eine Monographie. Stuttgart 1987 (Sammlung Metzler 185). 133 Seiten.

Tiecks Bedeutung für seine Zeitgenossen kann man am Königsbau der Münchner Residenz ablesen. Dort wurden die Räume der Königin nach literarischen Vorlagen ausgemalt. Das Schlafzimmer beherrschte Goethe, das Schreibzimmer war Schillern zugeordnet, im Bibliothekszimmer (!) aber schuf Moritz von Schwind einen Zyklus kleiner Fresken nach Motiven aus dem „Phantasus“. Im „Phantasus“, der 1812-1816 in drei Bänden erschien, versammelte Ludwig Tieck (1773-1853) einen Teil seines romantischen Frühwerks. Hier sind seine Märchen, Erzählungen, Schauspiele und Novellen in eine Rahmenhandlung mit dialogischer Sprechsituation eingebettet – eine Art poetischer Arche Noah aus der Goethezeit. Noch berühmter als der „Phantasus“ war freilich Tiecks Initiationsroman „Franz Sternbalds Wanderungen“ (1798), der in einem Atemzug mit der Bibel genannt wurde.

Von Tiecks Ruhm ist heute nicht mehr viel zu spüren. Kaum ein „Klassiker“ wird so wenig beachtet wie er. Während Goethe-Ausgaben wie Pilze aus dem Boden schießen, steht die erste komplette Tieck-Ausgabe immer noch aus. Die vier Bände bei Winkler, herausgegeben von Marianne Thalmann, sind zwar sehr verdienstvoll, aber eben doch unzureichend. Der Deutsche Klassiker Verlag hat jetzt den Anfang gemacht: mit einer – wie es scheint –vorzüglichen zwölfbändigen Edition seiner „Schriften“.

Auch eine moderne Tieck-Biographie war bislang ein Desiderat. Seit Rudolf Köpke, dem ersten Tieck-Biographen (Leipzig 1855), waren es vor allem ausländische Germanisten wie Edwin Hermann Zeydel (Ludwig Tieck, the German romanticist. Princeton 1935) und Robert Minder (Un poiete romantique allemand. Paris 1936), die sich mit Tiecks Leben beschäftigten. Arno Schmidts bemerkenswerter Rundfunkessay („Fünfzehn“. Vom Wunderkind der Sinnlosigkeit. 1959) vermochte es auch nicht, hier einen Anstoß zu geben. Klaus Günzel war der erste (DDR-)deutsche Germanist, der eine neuere Biographie, zusammengestellt aus Briefen, Selbstzeugnissen und Berichten, veröffentlichte (Berlin/Ost 1981).

In dieser Situation kann man es Roger Paulin, dem englischen Germanisten aus Manchester, gar nicht hoch genug anrechnen, daß er die erste moderne Tieck-Biographie vorgelegt hat. Unmittelbar einleuchtend ist es auch, daß er eine grundsätzliche Trennung von Biographie und Monographie befürwortet und deshalb seinen Forschungsbericht, der sich auch als Einführung und Studienhilfe versteht, gesondert (bei Metzler) vorgelegt hat. Auf diese Weise wird verhindert, daß so komplexe Relationen wie die von Leben und Werk eine allzu triviale Darstellung erfahren. Wie absurd die Abbildtheorien der älteren Germanistik sind, welche glauben machen, daß Dichtung bloßes Abbild des in der Realität Erfahrenen sei, zeigt Rudolf Hayms Postulat, daß sich der Autor und sein Held in ihrer Verruchtheit gleichen müßten: Wenn also Tieck in seiner „Geschichte des Herrn William Lovell“ (1795/96) sittlich verderbte Figuren auftreten lasse, dann müsse man auch beweisen können, daß Tieck selber „von verwegener Liederlichkeit“ gewesen sei. Solch zweifelhafte Wissenschaft würde auch sofort an den potentiellen Mädchenschänder und Kastraten J. M. R. Lenz, den Räuber Schiller oder Zuhälter Walter Serner glauben, weil der sich im „Milieu“ auskannte.

Roger Paulin hat sein Buch im Untertitel als „literarische Biographie“ klassifiziert, das heißt, er wollte offenbar kein wissenschaftliches Werk vorlegen (dann hätte er sich auch seiner massiven und oft unbegründeten Wertungen enthalten müssen), sondern ein Buch, das selber Anspruch auf Literarität erhebt. Mit dem „Literarischen“ sind womöglich jene feinsinnigen Plauderpassagen gemeint, deren Informationswert gegen Null geht: „Aus vielen Quellen, manche klar und andere getrübt, fließen die Wasser zum Strom der Romantik zusammen, und nicht immer deckt sich das Leben mit der Legende.“ Fürwahr, die Wässerchen der Romantik haben schon so manchem Leser die Sinne getrübt, und sie strömen kraftvoll noch wie am ersten Tag. Jener Teil der potentiellen Leser von Biographien aber, der sich am romanhaft geschriebenen, halbfiktiven Lebensdarstellungen à la „Joseph Fouché“ (Stefan Zweig) ergötzt, wird vermutlich mit diesem Buch nicht sehr glücklich werden. Gewiß, Roger Paulin scheint ein profunder Kenner der Goethezeit und einer der wenigen bedeutenden Tieck-Experten zu sein, er ist jedoch kein begnadeter Erzähler, der uns wirklich zu fesseln vermöchte. Ihren einzigen Höhepunkt erreicht seine Tieck-Biographie im zehnten, dem Shakespeare-Kapitel. Hier wird der Leser für die vorausgegangenen und nachfolgenden, mitunter recht zähen Lesestunden entschädigt.

Angesichts der großen Schlegel-Tieckschen Shakespeare-Übersetzung kann man ja auch leicht ins Schwärmen geraten. Mit sehr guten Argumenten verteidigt Paulin Tieck gegen seine Kritiker, ohne jedoch seine Mängel und Fehler zu übersehen. Nur eine einzige Überreaktion seitens Paulin ist hier zu verzeichnen, als er Tieck nämlich vorwirft, daß er „nicht einmal den Titel von Love‘s Labour‘s Lost (...) richtig übersetzen“ konnte. Tiecks Übersetzungsvorschlag („Liebes Leid und Lust“) ist hingegen nicht als Fehler zu werten, sondern als Versuch, im Deutschen die Alliteration des englischen Titels nachzuschmecken.

Tieck als Übersetzer, Tieck als Kritiker, Tieck als Kommentator, Herausgeber und Literaturverweser, dem wir eine Reihe wichtiger Editionen verdanken (unter anderen von Werken von Novalis, Kleist, Solger, Lenz, Schnabel, Maler Müller), Tieck als „Hackwriter“, der – gegen Lohn – die trivialen Schauergeschichten von Bernhardi und Rambach schön schaurig fertigschreiben konnte, mit flotter Feder und genau so, wie es das Genre verlangte – all das wird dargestellt und entsprechend gewürdigt.

Sehr schade ist es hingegen, daß Paulin zu einem Großteil des Tieckschen literarischen Spätwerks offensichtlich keinen angemessenen Zugang findet. Tiecks Novelle „Eigensinn und Laune“ (1835) habe „wenig zu bieten“, liest man da, „Der Aufruhr in den Cevennen“ (1826) sei ein Werk, das „gewissermaßen nicht recht ,sitzt‘“, „Die Vogelscheuche“ (1835) wirke schwerfüßig, unlebendig und sei nach Meinung vieler Leser überlang: „Ein positives Gegenbild wäre eher das rechte.“

Was soll uns das?, möchte man da ausrufen, zumal es anderen Autoren nicht viel besser ergeht: Arnims Roman „Die Kronenwächter“ (1817) wird als „leicht verwildert“ klassifiziert, von Gutzkows Roman „Wally, die Zweiflerin“ (1835) wird behauptet, er sei hauptsächlich „Lucinde rechaufée“ und „sonst herzlich schlecht“. Solche Wertungen sind wirklich geschenkt, statt dessen wären griffige Kriterien gefordert.

Paulin zeigt sich hier als ein Vertreter der älteren Germanistik, deren Form der spekulativen und stark wertenden Essayistik allmählich von „harter“, nüchterner Textanalyse mit literaturgeschichtlich relevanten Fragestellungen abgelöst werden muß, wenn sich die Germanistik zukünftig als Wissenschaft behaupten will.

Für eine enthusiastische Rezension dieser Tieck-Biographie, wie sie im Times Literary Supplement erfolgte (Ausgabe vom 14.2.1986), besteht also kein Anlaß, da sie auch klischeehafte Bilder von der „Butzenscheibenromantik“ weiterverbreitet. Als sich Tieck von der Riesenhaftigkeit Londons enttäuscht zeigt, fügt Paulin kommentierend hinzu: „Die Gassen und Giebel verträumter Kleinstädte in deutschen Landen lagen den deutschen Romantikern (...) näher am Herzen.“ Wo es um die Charakterisierung von Epochen geht, scheint sich Paulin überhaupt schwer zu tun. Über die Einschätzung mancher Literaturhistoriker, Tiecks Spätwerk müsse bereits als eine Art „Realismus“ interpretiert werden, bemerkt Paulin: „Warum auch nicht? Im Grunde hieße es bloß, die natürliche Fortentwicklung anzuerkennen, die im Leben eines Schriftstellers zu neuer Einsicht führt.“ Hier verliert der „Realismus“ als Epochenbegriff jeglichen Sinn. Denn hier wird so getan, als hätte der „Realismus“ etwas mit der „Einsicht“ eines Schriftstellers in außerliterarische Realitäten zu tun: ein Mehr an „Einsicht“ wäre – so verstanden – einem Mehr an „Realismus“ äquivalent. Ein solcher, „einfacher“ Realismusbegriff dürfte jedoch weder praktikabel sein (da man über die wachsende Einsicht des Autors nur spekulieren kann) noch auch auf die Epoche überhaupt zutreffen. Der Realismus ist wie die Romantik ein sekundäres modellbildendes Literatursystem, das über der Realität errichtet und durch eine Menge eigener Regeln und Relationen strukturiert wird und damit eine eigene Realität schafft, deren Übereinstimmung mit der außerliterarischen Realität keine Relevanz hat.

Nun, über solche kleineren Mängel ließe sich hinwegsehen. Nachgerade ärgerlich ist es aber – dies an die Adresse des Beck Verlags gesprochen – daß man Paulins Biographie ohne Index in die Welt geschickt hat. Wie soll man also damit arbeiten? Das Versäumnis ist umso größer, als mit der modernen Computersatztechnik ein Knopfdruck genügt, um ein solches Verzeichnis der Namen und Sachtitel zu erstellen.

© LUTZ HAGESTEDT


erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 68 vom 22.3.1989. Seite VI.
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