Kleßmanns Hoffmann. Eckart Kleßmann: E. T. A Hoffmann oder die Tiefe zwischen Stern und Erde. Eine Biographie
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Rezension von Lutz Hagestedt
Kleßmanns Hoffmann
Eine trotz ihrer Mängel schöne Biographie
ECKART KLESSMANN: E. T. A Hoffmann oder die Tiefe zwischen Stern und Erde. Eine Biographie. Deutsche Verlags-Anstalt, Stuttgart 1988. 592 Seiten.
Das kurze, aber ereignisreiche Leben E. T. A. Hoffmanns darzustellen, ist für den Biographen eine dankbare Aufgabe. E. T.A. Hoffmann war als Schriftsteller, Komponist, Dirigent, Bühnenarchitekt, Maler und Zeichner ein überaus produktives Originalgenie, noch dazu galt er in seinem Brotberuf, der Juristerei, als ein gewissenhafter, höchst integrer, persönlich mutiger Mann, der sich auch von Repressionen, etwa des Preußischen Innen- und Polizeiministers und seiner Lakaien, nicht einschüchtern ließ. Sein erster Biograph, Julius Eduard Hitzig, sammelte bereits zu Hoffmanns Lebzeiten (1776-1822) Dokumente und Materialien aus seinem wechselvollen Leben, und die Verlage haben neben zahlreichen kommentierten Werk- und Einzelausgaben auch Hoffmanns Tagebücher, die musikalischen und juristischen Arbeiten, den Briefwechsel, Aufzeichnungen seiner Freunde und Bekannten etc. bereitgestellt.
Der erfahrene Biograph Eckart Kleßmann hat dieses Material zu nutzen gewußt, er hat in seinem lesenswerten Buch alle Höhen und Tiefen der Hoffmann-Biographie beschrieben, Hoffmanns unglückliche Liebe zur Bamberger Schülerin Julia Mark ebenso wie seine ständigen Geldnöte, die weinseligen Abende bei Lutter & Wegner in Berlin ebenso wie den Kampf um Dresden, den Hoffmann so erlebt hat: „Wir sahen ganz gemütlich mit einem Glase Wein in der Hand zum Fenster hinaus, als eine Granate mitten auf dem Markte niederfiel und platzte“ (Tagebuch, August 1813). Fast mit denselben Worten beschrieb 131 Jahre später Ernst Jünger, ein Glas Burgunder in der Hand, den Bombenangriff auf Paris („Strahlungen“, Mai 1944), und hier wird deutlich, daß der Biograph den Tagebüchern mit großer Skepsis begegnen muß: vieles zwar ist erlebt, vieles ist aber auch bloß Zitat.
Eckart Kleßmann geht an seinen Gegenstand vorsichtig und kritisch heran, er glaubt durchaus nicht alles, was von oder über Hoffmann berichtet wird, und das kommt der biographischen Wahrheitsfindung auch sehr zugute. Kleßmann ist zudem ein recht guter Kenner der Goethezeit und ihrer Probleme, er kennt und zitiert viele zeitgenössische Quellentexte, und sein Buch enthält einige sachkundige Exkurse etwa über die mangelhaften hygienischen Verhältnisse der Zeit, über die Stellung der Juden, die literarischen Salons, die Taschenbücher und Almanache, in denen Hoffmann gern veröffentlicht hat. Bei seiner Schilderung der Berliner Wohnung Taubenstraße 31 fällt Kleßmann auf, daß nirgendwo ein Klo zu finden ist, woran er die Überlegungen anknüpft, daß es damals ja noch gar keine funktionierende Kanalisation gab, von Wasserspülung ganz zu schweigen, und daß das Ehepaar Hoffmann den Nachttopf in die stinkende Gosse entleeren mußte. Julius Eduard Hitzig ist dieser Umstand – als einem Zeitgenossen – gar keine Erwähnung wert gewesen, und hier liegt ein Motiv dafür, warum Biographien immer wieder neu geschrieben werden müssen: Der wachsende zeitliche Abstand führt zu anderen Perspektiven und zu neuen Einsichten.
Er führt aber leider auch zu Fehlinterpretationen. Ein heikles Problem der vorliegenden Biographie ist das Verhältnis von Leben und Werk. Wohltuend ist, daß Kleßmann sich überhaupt Gedanken über dieses postulierte Leben-Werk-Verhältnis macht und allzu leichtfertige Referenzialisierungen ablehnt. Es sei abwegig, „hinter allem und jedem Hofffmanns Autobiographie aufzuspüren“. Das stimmt, selbst die „persönlichen“ Briefe jener Zeit übernehmen häufig angelesene Wendungen: „Statt eigene Empfindungen zu haben, borgt man sie sich aus Romanen und empfindet wie Romanfiguren“. Kleßmann leitet aus diesen wirklich ausgezeichneten Beobachtungen die Schlußfolgerung ab, daß es töricht sei, „in Kunstwerken die mehr oder weniger verschlüsselten Darstellungen von Künstlerviten zu suchen“.
Die konsequente Fortführung von Kleßmanns Gedanken müßte dann zu der Einsicht führen, daß es umgekehrt ebenso unzulässig ist, von einer Romanfigur auf den Autor zu schließen, und wer hier noch weiterdenkt, kommt auf die wesentlichen Prinzipien, daß aus einem literarischen Text keinerlei Intentionen seines Verfassers abgeleitet werden können (nur die Textintention selbst), daß es folglich unmöglich ist, in einer Rollenprosa einzelne Positionen des Autors auszumachen, daß der Autor mit keiner seiner Figuren identifiziert werden darf, daß ein Autor die Bedeutung seines Textes weder bestätigen noch widerlegen kann etc. Diese Prinzipien werden nicht von der Germanistik (Kleßmann studierte Kunstgeschichte, nicht Germanistik), sondern vom „gesunden Menschenverstand“ diktiert.
Bedauerlicherweise ist Kleßmanns Theorie weiter als seine Praxis. Es ist doch äußerst fragwürdig, die sogenannten „Kreisleriana“ als „Bekenntnisliteratur“ einzustufen, es ist außerdem nicht möglich, aus einer Figurenrede (zum Beispiel Clara im „Sandmann“) ein Credo des Autors abzuleiten. Und die Formulierung, der Autor würde im „Goldenen Topf“ „nun selber als E. T. A. Hoffmann ganz leibhaftig“ unter seine Figuren treten, hat die obengenannten Axiome bereits wieder vergessen. Das Gerede vom „Selbstbildnis“, das sich der Autor in seinen Werken gesetzt habe, führt ganz sicher zu Fehlinterpretationen der Werke. Es ist für die Bedeutung eines Textes auch ganz unerheblich, ob einer der Serapionsbrüder nun – wie der Autor – Theodor heißt oder nicht, und es macht keinen Sinn, das als bezeichnend oder als bedeutungstragend hervorzuheben, wenn man der Ansicht ist, daß alle Serapionsbrüder „Projektionen des Dichters selbst“ seien.
Kleßmann will E. T. A. Hoffmann als „religiös-inspirierten“ und „gläubigen Dichter“ darstellen. Auch hier ist weiterhin Skepsis angebracht, denn das wunderbare, transzendente Geisterreich, das in Hoffmanns Werken so häufig beschworen wird, ist nicht durchgehend mit christlichen Positionen vereinbar. Hoffmanns Vokabular, seine Formulierungen sind zudem häufig ambivalent oder besser unbestimmt, sie sind – typisch für die Romantik – nicht spezifisch religiös und werden auch dort eingesetzt, wo allein die Welt der Phantasie heraufbeschworen werden soll. Im übrigen, wir sagten es oben schon, sind aus den Werken keine gesicherten Annahmen über das von E. T. A. Hoffmann persönlich Geglaubte oder nicht Geglaubte ableitbar.
Heikel sind auch Kleßmanns Werkanalysen. Hier wird ein Text häufig zugunsten einer schlüssigen Interpretation allzu brachial gedeutet. Im Märchen vom „Goldenen Topf“ wird der Held, Anselmus, in eine Kristallflasche eingesperrt. Dieses Kristallgefängnis deutet Kleßmann als Sinnentäuschung: der sensible Künstler empfinde die aufgelöste Welt einer materialistischen Gesellschaft als Gefängnis. Er stellt also das Kristallgefängnis – unzulässigerweise – als innerpersonal-psychisches Problem des Künstlers dar, er leugnet damit die in der Setzung des Textes „reale“ Einschließung. Damit wird eine erklärungsbedürftige Dimension des Textes weginterpretiert und die Textstruktur trivialisiert. Zu einem anderen Text, der späten Erzählung „Des Vetters Eckfenster“ (1822), schreibt Kleßmann, hier werde „das bunte Gewimmel eines Berliner Wochenmarktes zum selbständigen Thema“ erhoben. Das ist denn doch etwas allzu dürftig, geht es in der Erzählung doch um ganz zentrale Probleme der Goethe-Zeit, nämlich um die Probleme der genialischen Kunstproduktion, um die Stellung des Künstlers in der Gesellschaft, um Produktivität, um die Weitergabe des schöpferischen Potentials und welcher Anteil den Realien dabei zukommt, geht es um die Kategorien „gesund“ und „krank“ etc.
Bezüglich des postulierten Leben-Werk-Verhältnisses gibt es also Mängel in Kleßmanns Biographie, die Einzelanalysen der Werke sind im großen und ganzen unbefriedigend. Die Einschätzung des Werkes im ganzen, nämlich als der Romantik und nicht dem Realismus zugehörig (wie von der Hoffmann-Forschung z. T. behauptet wird), ist hingegen völlig richtig.
Mehr kann von einer Biographie auch nicht erwartet werden, die Textanalyse ist ihre Aufgabe nicht, und es wäre vielleicht besser, auf die Einzelinterpretation überhaupt zu verzichten und wirklich nur die Biographie darzustellen. Die Biographien würden schlanker werden, aber auch zuverlässiger und stimmiger.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 171 vom Mi, 27. Juli 1988. S. 35.
