Karl May und die deutsch-deutschen Leser - Ein Gespräch mit dem Bamberger Schriftsteller und Übersetzer Hans Wollschläger
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Ein Beitrag von Lutz Hagestedt
Karl May und die deutsch-deutschen Leser
Ein Gespräch mit dem Bamberger Schriftsteller und Übersetzer Hans Wollschläger
Herr Wollschläger, in Kürze erscheint in der DDR Ihr Buch über Karl May...
Ja, mit doppeltem Umfang, da durch vielerlei Aufsätze erweitert, die bei uns nur in Fach-Periodika erschienen sind: Untersuchungen zur Persönlichkeitsstruktur und Werksdynamik dieses immer merkwürdigen, seit 100 Jahren einflußreichen Autors.
Sind Sie dem Lesepublikum dort schon durch andere Bücher bekannt?
Allenfalls als Name, durch ein paar Übersetzungen – und „bekannt“ sicher so wenig wie hier; ich schreibe für sehr kleine Kreise. Das bringt die Essay-Form in unseren Kulturbreiten nun einmal mit sich, wo man sich entschieden lieber Geschichten erzählen läßt.
Glauben Sie, daß DDR-Leser Sie anders lesen als die Bundesdeutschen? Sind Ihnen da Reaktionen bekannt geworden?
Hier bei dem May-Buch lesen die Nachbarn vielleicht etwas neugieriger – einfach weil der Gegenstand bei ihnen erst vor wenigen Jahren diskutabel geworden ist. Kleine Schwierigkeiten mag‘s hier und da mit dem psychoanalytischen Ansatz geben, gegen den sich bei uns in der Literaturbetrachtung nur noch sehr altertümliche Köpfe sträuben; auch da hat die DDR ein bißchen Weltentwicklung aufzuholen.
Gibt es Ihrer Ansicht nach darüber hinaus grundsätzliche Unterschiede zwischen der ost- und der westdeutschen Leserschaft?
Wenn ich riskieren darf, meine paar Beobachtungen und Eindrücke zu einem Bild zusammenzuschieben: ja. Die DDR-Leserschaft hat – so sonderbar das anmutet – viele „bürgerliche“ Tugenden des Literatur-Lesens bewahren können, die bei uns schon Ende der fünfziger Jahre zum Teufel gingen: unter anderem den Respekt vor der immer gültigen Stimme des historischen Kontinuums, entsprechende Kriterien für das Neue, entsprechende Resistenz gegen die Innenwelt-Verschmutzung durch den gedruckten Müll.
In einem Ihrer Essays haben Sie bedauert, daß die jährliche Flut von Neuerscheinungen nur zu Ramsch und Ausverkauf geführt habe, wodurch den Kunstwerken die Leser abgezogen würden. Sie haben in diesem Zusammenhang für eine – wohlgemerkt – „freiwillige Selbstkontrolle“ der Verlage plädiert, für eine bewußte „Geburtenregelung“ der Buchproduktion, also direkt eine quantitative Einschränkung...
Worte in Eselsohren, ich weiß.
Der Buchmarkt in der DDR kennt diese Überflutung nun überhaupt nicht, litt aber unter zu starker staatlicher Gängelung und Reglementierung. Könnten Sie sich eine Synthese der Vorteile beider deutscher Buchmärkte vorstellen?
Durchaus, und der Anfang ist schon gemacht, weil ja die staatliche Zensur („Genehmigungspflicht“) inzwischen aufgehoben wurde. Was daraus wird, läßt sich exakt schwer weissagen, es wird wohl – hierin wie überall – einige Übergangs-Exzesse geben, wenn die freie Drucksachen-Wirtschaft in die Bedarfslücken drückt. Ich hoffe aber auf eine Selbstregulierung, die verhindert, daß die Leserschaft dort von der – sagen wir: ägyptischen – Plage der Eintags-Mückenschwärme befallen wird; das ganze Ungeziefer, das unsere Drucksachen-Fabriken täglich ausstoßen, könnte dort durchaus weniger Chancen haben. Denn, mit Verlaub: Die DDR-Gesellschaft verfügt über diverse humane, sozialpsychische Qualitäten, von denen noch eine starke Kraftentfaltung ausgehen kann – kurz, über ein durchaus geistiges Potential, mit dem wir, wenn wir mit unserem zur Zeit so modischen gönnerhaften Mienenspiel fertig sind, in aller Ruhe rechnen sollten – zum eigenen geistigen Vorteil.
Also nicht nur „zwei deutsche Staaten“, sondern sogar schon zwei deutsche Völker?
Aber gewiß – und die Grenzen, die da gemeint sind, gab es schon lange vor 1945.
Nun haben Sie in Ihrem Buch Tiere sehen dich an oder Das Potential Mengele einen „kollektiven Zwangscharakter“ beschrieben und als spezifisch deutsch analysiert. Gilt das auch für die Deutschen in der DDR?
Entschieden ja, denn dieser Zwangscharakter ist ein historisches Produkt und entstammt denselben Quellen. Die Geschichte des SED-Regimes und seiner Rezeption, ja die jetzige Wende selbst wird sich, sobald ganz überschaubar, unschwer in das Modell eintragen lassen. Aber das ist ein zu weites Feld, als daß wir‘s mit kurzen Sätzen durchmessen könnten...
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 8 vom 11. Januar 1990. Seite 39.
