In wahrhaftig farbiger Gesellschaft
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In wahrhaftig farbiger Gesellschaft
Die Rostocker "Faust"-Inszenierung von Alejandro Quintana versprüht Witz, Charme und Sex-Appeal
Rezension von Josephine Storch
Fast jeder kennt ihn, den Faust. Nun gut, fast jeder. Auch wenn es kaum vorstellbar ist, doch als ich am Mittwochabend das Große Haus des Rostocker Volkstheaters betrete und an Hunderten von Schülern vorbeilaufe, höre ich hier und da in Gesprächsfetzen: „Den Faust hab’ ich noch nicht gelesen“ oder „Das wird sicher langweilig, wer mag schon Klassiker...“.
Auch ich bin aufgeregt. Wird es eine klassisch steife Vorstellung oder eine extrem moderne? Mein Platz ist gut, fast vielversprechend. Ein Summen liegt in der Luft. Das Licht geht aus. Ruhe breitet sich, man rutscht leicht auf dem Sitz nach vorne. Absolute Stille. Dann Licht: Das Schauspiel beginnt.
Und da steht er, Goethe, man erkennt ihn sofort. Manuel Rivera spricht voller Inbrunst die beiden Prologe. Das Kostüm: klassisch. Die weiße Perücke, das weiße Gesicht beißen sich mit dem roten Vorhang. Weniger traditionsgemäß eröffnet der Autor selbst die Inszenierung – und doch, warum nicht?
Sofort fallen die extremen Kürzungen auf, schmerzen innerlich sogar an manchen Stellen. Wer nur wegen des altbekannten und begehrten Osterspaziergangs in den Rostocker Faust geht wird enttäuscht: Hier hat die Dramaturgie der beliebtesten Szene des Stücks das Wort förmlich abgeschnitten.
Der Prolog im Himmel: Eine Kraterlandschaft eröffnet sich dem Zuschauer. Eine wahre Einöde. Ein äußerst futuristischer Herr (Rivera) schwebt über die Bühne, die goldenen Hosen des Dichters schauen noch unter dem weiten Gewand hervor. Mephisto, hier provokant mit Peitsche, schlurft gelangweilt hinter dem Erzengel her. Hier wird die Wette abgeschlossen, die über Faust, den Knecht, bestimmen soll.
Faust (Nils Brück), die überhebliche und wissenssüchtige Figur, betritt die allgegenwärtige Mondlandschaft. Das Haar wirr, der Mantel durchwühlt, der typische Gelehrte eben. Und genau hier beginnt die eigentliche Tragödie um Gut und Böse, Liebe und Wahnsinn, Wahrheit und Religion, um Faust, Mephistopheles und Gretchen. Hervorstechend und sich abhebend vom tristen und fast langweiligen Kulissenbild. Sie schweben und stampfen über die Bühne. Die einzelnen Charaktere bestens besetzt, besonders Manuel Rivera ist dabei hervorzuheben.
Das rote, typisch teuflische und, faszinierender Weise ebenfalls pinke Kostüm des Mephistopheles sticht einem fingerähnelnd ins Auge. Manchmal tut es fast weh. Die Peitsche im Hosenbund, eine stachlige Zunge speit hämische und provokative Sprüche. Genau wie man es von einem hinterhältigen Teufel eben erwartet. Doch gelingt hier Özgür Platte etwas, was weit über die Erwartung der Figur des Mephistopheles hinaus geht. Er versprüht Witz, Charme und, zur Freude der wahrscheinlich vom Fauststoff angewiderten Schüler, Sex. So werden manche versteckte anzügliche Stellen des Stücks übermäßig provokant dargestellt und diverse Sexstellungen angedeutet, dass es den Alten die Röte ins Gesicht treibt. In wahrhaftig farbiger Gesellschaft befindet man sich da.
Das Gretchen (Judith Raab) wird so manchen überraschen und, leider, enttäuschen. Zu übertrieben hysterisch, anrüchig und sexbesessen tritt sie auf. Mit schwingenden und rudernden Armen über die Bühne rennend und hüpfend, in einem futuristischen Mini-kleid. Selbst in der einzigen armseligen Szene, in der Gretchens Religiosität in Er-scheinung tritt, selbst in dieser trägt sie ein Minikleid, unter dem ein rote Unterhose hervorlugt. Eigentlich möchte man aufspringen und dem Regisseur Alejandro Quintana sein Skript um die Ohren hauen. Das uns so bekannte treudoofe und tiefreligiöse Mädchen, das dem Faust verfällt, existiert in dieser Aufführung nicht. So erscheint es mir fast lächerlich, dass sich dieses wollüstige und an den Wahnsinn grenzende Gör zum allbekannten Ende hin zu einem Moralapostel transformiert.
Der Faust hingegen, so wenig er auch an manchen Stellen den klassischen Faust widerspiegelt, ist in sich stimmig. Da ist der Osterspaziergang, beziehungsweise der klägliche Überrest davon, nun nicht mehr voller Freude und Erleichterung gesprochen, sondern sarkastisch und voller Hohn. Ein exzellenter Gedanke, bei dessen Anblick man sich fragt, warum man selbst noch nicht auf diesen Gedanken gekommen ist. Der hier gespielte Faust fordert ständig, übernimmt, so hat man den Eindruck, die Leitung in der geschlossenen Wette.
Auch wenn das Ende so manche Frage offen lässt und den Faust fast als einen innerlich zerrissenen Charakter darstellt, dem eigenen Vorstellungsbild des egoistischen Faust widersprechend, kann man sich mit dieser Figur sehr gut anfreunden. Der Liebling der Zuschauer, zugegeben der jüngeren, ist überraschenderweise der Meerkater (Eugen Krößner). Sie erinnern sich nicht? Kein Wunder, denn in Goethes Faust nimmt er eine recht rare Figur ein, wird hier jedoch als tuntig lustige Zuschauererheiterung eingebaut. Zugegeben, auch ich musste schmunzeln.
Trotz kleiner Schwächen kann sich diese Interpretation sehen lassen, vor allem aber wenn man kein fanatischer Freund der altbewährt langweilen Umsetzung von Klassikern ist. Wer will auch schon die hunderste Aufführung nach dem Schema F? Denn die moderne Umsetzung ermöglichte es einem auf wundersame Weise, Aspekte am Fauststoff zu entdecken, die einem sonst nie aufgefallen wären, die man so mit großer Sicherheit nie aufgefasst hätte. Sehenswert ist dieses Stück auf alle Fälle. Allein um sich die kopfschüttelnden oder wild diskutierenden Massen am Ende der Vorstellung anzuschauen.
An den die Köpfe zusammensteckenden Schülern vorbei marschiere ich nach draußen in die Dunkelheit. Vielleicht wurde durch diese Vorstellung einer dieser jungen Menschen zum Faust bekehrt... Liest die Tragödie nun mit anderen Augen... Ich für meinen Teil tue es.
Weitere Termine: 13.12., 20.01. (Familienvorstellung)
