In den Kloaken des Bewußtseins - Ein Porträt des 1987 verunglückten Schriftstellers Jörg Fauser
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Portrait von Lutz Hagestedt
In den Kloaken des Bewußtseins
Ein Porträt des 1987 verunglückten Schriftstellers Jörg Fauser
„04.20 Uhr, A 94, Fahrtrichtung München: In der Höhe der Anschlußstelle Feldkirchen wurde ein Fußgänger von einem LKW erfaßt. Der Feuerwehr-Notarzt konnte nur noch den Tod des 43jährigen Mannes bestätigen.“ So steht es im Polizeibericht, der den Tod des Schriftstellers Jörg Fauser protokolliert: Am Morgen nach der Feier seines 43. Geburtstages verunglückte Fauser, hinterließ Frau und Kinder und ein Werk von mehreren tausend Seiten. Der Zweitausendeins Verlag hat es in einer wohlfeilen und schönen Edition zugänglich gemacht. Lutz Hagestedt porträtiert Jörg Fauser aus gegebenem Anlaß.
1974 war Jörg Fauser aus dem Gröbsten heraus. Er hatte das dreißigste Lebensjahr vollendet und seine Suchtkrankheit („Heroin“), diesen langsamen Tod auf Raten, endgültig besiegt. Er war auf dem besten Wege, etwas aus seinem Leben zu machen. Im Maro Verlag waren sein Prosaband „Tophane“ (1972) und sein Gedichtband „Die Harry Gelb Story“ (1973) erschienen.
In seinem Roman „Rohstoff“ (1984 bei Ullstein) wird eine unauffällige, aber aufschlußreiche Begegnung zwischen dem suchtkranken Ich-Erzähler Harry Gelb und seinem Arzt geschildert: „Na ja“, sagte der Arzt, „wenigstens haben Sie einen Vorteil vor vielen anderen Junkies: Sie wissen, was Sie mit Ihrem Leben tun wollen.“
Jörg Fauser wollte, genau wie seine Romanfigur Harry Gelb, Schriftsteller werden. Er war noch ein halbes Kind, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt, als die Frankfurter Neue Presse erste journalistische Arbeiten von ihm veröffentlichte; mit neunzehn Jahren war er Rezensent der renommierten Frankfurter Hefte, dort erschien dann auch im Juli 1964 sein Gedicht „An London“. In London hatte der zwanzigjährige Abiturient das Heroin und synthetische Opiate kennengelernt.
Während seiner Zivildienstzeit in einer Heidelberger Klinik, wo er „die verschlissenen Laken der Krebskranken wechselte, ihnen den Grießbrei in den Mund schob und die von viel zu vielen Nadeln zerstochenen Arme abputzte“, wurde er selber suchtkrank und setzte sich nach Istanbul ab. Das Drogenviertel Tophane war damals das europäische Zentrum der zielstrebigen, todesverfallenen Junkies. „Tophane“, so hieß auch die frühe Prosaveröffentlichung aus dem Jahre 1972, in der es Fauser gelang, für die Sucht eine adäquate Sprache zu finden:
„du stehst unten im Lokus vom Club Voltaire und fummelst an der Spritze die klemmt und mit dem zerfetzten Schlips zum Abbinden und findest das Knötchen in der Beuge nicht wo du das letzte Mal gestern noch glatt oh so beautiful reinkamst und stößt zweimal ins Leere und gehst schließlich in die Hand – haust einfach rein – das Blut schießt in die Spritze du stößt den Stempel vor die Hand beult sich aus na klar hast du die winzige Vene durchstoßen noch bevor du die Nadel rausziehst und mit dem Wind vom Schnee schon im Gesicht läuft die Blase bläulich an – dann schießt das Blut über die Hand auf die Hose auf den Boden des Lokus und du hängst noch am Rand des Klosetts mit der Spritze in der Hand über die das Blut rinnt – du gehst raus die Spritze in den zittrigen Fingern der Schlips schleift dir nach der Typ vor dem Spiegel dieser flotte linke Fritze sieht dich im Spiegel und verrät dich im Spiegel und die Paranoia treibt dich mit dem schleifenden Schlips und der blutigen Hand auf die Treppe – mitten rein in den Krakeel mit der Spritze immer noch in der Hand in die Scheiße Agitprop und Rothändle-Rauch – bevor sie schreien gefrieren alle ihre fiesen Gesichter für eine Sekunde – das Gelächter das die Wände verschmiert hält inne – du steckst die Spritze in die Hosentasche – zersplitternde Funken: schnappt ihn! den da! bringt uns die Bullen ins Haus! UNSER Haus! schnappt ihn! – du rennst raus und die Straße hoch wo die Häuser schwitzend im Himmel und du rennst und rennst in den Park ins Dunkel du rennst –“
Diese atemlose, extrem schnelle Amoklaufprosa geht direkt unter die Haut. „Tophane“ – wer einmal in die Slums von Istanbul geraten war, in das trostlose Loch einer verkommenen Absteige, aber mit seinem Leben noch nicht abschließen wollte, der mußte sich und der Welt beweisen, daß „die Drogen ein Auftrag waren. Ein Auftrag und eine notwendige Erfahrung“. Harry Gelb, der Held aus „Rohstoff“, begriff in genau dieser verzweifelten Lage seine „schriftstellerische Mission“ als „drastische Warnung“ vor dem Opium, nicht als Apologie:
„Ich versprach mir, daß ich den nächsten (Roman) zu Ende schreiben würde, und machte mich auf den Weg nach Deutschland. Als ich eine Woche später bei meinen Eltern klingelte, machte meine Mutter auf. Ich sah, wie sie erschrak. Ich wog noch 45 Kilo.“
Es hat seinen guten Grund, daß in diesem Porträt Biographisches über Jörg Fauser und Zitate aus seinem Roman „Rohstoff“ durcheinandergehen. Denn Jörg Fauser hat seinen Roman mit sehr vielen Daten seiner eigenen biographischen Realität verschnitten und viele, für sein ganzes Œuvre relevante Motive wie Sucht und Droge, Einsamkeit und Kunstproduktion usw. eingearbeitet, so dass „Rohstoff“ beinahe als autobiographischer Roman gelesen werden könnte – beinahe, denn zunächst einmal trägt die Geschichte des fiktiven Ich-Erzählers Harry Gelb alle Merkmale von Literatur und verweist nicht auf ihren Autor.
Ein so exponierter Name wie Harry Gelb will vermutlich als Anspielung verstanden werden, etwa auf den Grünen Heinrich oder mehr noch auf die literarischen Vorbilder Joseph Roth und Graham Greene. „Der galizische Jude, der österreichische Dichter und katholische Trinker Roth“ hat Fauser zeitlebens fasziniert, sowohl als Mensch wie als Schriftsteller; auch er hatte Probleme mit der Sucht (dem Alkohol) und der Vereinsamung. Die Verfallenheit an den Alkohol wird auch von Graham Greene thematisiert („Die Kraft und die Herrlichkeit“), mit ihm verband Fauser die politisch und moralisch korrumpierte Realität seiner Romanwelten und – vor allem wohl – die Form des handlungsintensiven Romans, die sich erzähltechnisch am Krimi orientiert.
Jörg Fauser hat seinen Vorbildern immer wieder Referenz erwiesen. Auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten, die vor der Syntax nicht Halt machten, und mit denen sich darstellen ließ, „was passiert, wenn das Opiat die grauen Zellen sprengt“, wurde er bei den anglophonen Autoren, Burroughs vor allem, fündig. William Burroughs war selber zwölf Jahre süchtig gewesen und hatte den Ausstieg über ein Morphinderivat geschafft. Aber noch mehr zählte für Jörg Fauser, daß Burroughs etwas aus seinem Junkie-Leben gemacht hatte, daß er Schriftsteller geworden war: die faszinierende Erfolgsgeschichte eines Autors, der vom äußeren Rand der Gesellschaft zum wichtigsten Repräsentanten der Beat-Generation avancierte, war ihm hier vorgelebt worden.
Jörg Fauser hat nach solchen Leitbildern geradezu gesucht. Seine Essays, Reportagen, Kolumnen galten den zwischen Erfolgs- und Mißerfolgsgeschichten Hin- und Hergeworfenen, zum Beispiel Charles Bukowski, Eddie Constantine, James Dean, Jack Kerouac, Joseph Roth und Christian Dietrich Grabbe. Letzterem, dem genialen Dramatiker, „der im biedermeierlichen Mief seiner Umgebung krepiert war wie der sprichwörtliche arme Hund“, galt seine ganze Sympathie. Er war ihm immer schon nahe gewesen, denn Grabbe ließ alle seine Helden „mit den Füßen im Kot nach den Sternen greifen.“ Fauser hat diesen Reformer der klassischen Bühnenkunst, der sich gegen Stilisierungen persönlicher Tragik in bürgerliche Harmonie entschieden verwahrte und in dessen Leben sich das Krisenbewußtsein einer ganzen Epoche spiegelte, in einem seiner schönsten Gedichte („Café Grabbe“) geehrt.
Aber stärker noch blieb er dem Lebensgefühl der Beat-Generation verpflichtet: „Ich warf ein Cappie ein und stellte den AFN lauter, Night Beat, das Pete Smith Programm, die Stones, Lou Reed, die Doors, Janis Joplin, dann entwarf ich eine neue Schlagzeile: IN DEN KLOAKEN DES BEWUSSTSEINS.“
Mit den deutschen Gegenwartsautoren konnte Jörg Fauser wenig anfangen. Die Gruppe 47 machte – für seinen Geschmack – keine innovative Literatur. James Joyce dagegen, dessen Hirn „auch ohne Desoxyn“ („Rohstoff“) funktionierte und diese yunkiemäßigen Techniken wie Bewußtseinsstrom und Innerer Monolog entwickelt hatte, war um Klassen besser.
Nach Leopold Bloom, dem Helden des „Ulysses“, benannte Fauser die Hauptfigur seines Romans „Der Schneemann“ (1981) und schickte ihn auf eine Verkaufsodyssee quer durch Deutschland, die Niederlande und Belgien: Siegfried Blum, wie Blume ohne -e und phonetisch identisch mit „Bloom“, ein „abgetakelter Desperado mit Stirnglatze“, hat in München fünf Kilo unverschnittenes Heroin abgestaubt und versucht nun, die heiße Ware an den Mann zu bringen. Auf seiner Odyssee entwickelt er einen regelrechten Verfolgungswahn, die Krankheit seiner Generation, und schaut am Ende in die Röhre.
Fausers Romane und Erzählungen haben Joyce jedoch weder erzähltechnisch noch stilistisch Referenz erwiesen. Sie tendieren mehr zu den Spitzenprodukten aus dem Unterhaltungsgenre, den Abenteuerromanen, Krimininalerzählungen und Spionage-Thrillern von - sagen wir - Ted Allbeury, Eric Ambler, Margret Boveri, Andrew Boyle, John Buchán, John le Carré, Joseph Conrad, Len Deigthon, Ian Flemming, Dashiell Hammet, Somerset Maugham oder Ross Thomas. Seine Erzählungen und Romane, allen voran „Der Schneemann“, „Rohstoff“, „Das Schlangenmaul“ (1985) und „Kant“ (1986), haben von den handlungsintensiven, gut recherchierten und spannenden Vorbildern gelernt.
Fausers Helden sind zumeist hartgesottene, ausgebuffte Typen, eher einfach strukturierte Einzelgänger mit Machomanieren, kleine Gauner aus dem Volke, die austeilen können, die Frauen hart rannehmen, einen kräftigen Schluck vertragen, nicht auf die Klappe gefallen sind und zu allem und jedem ihren Kommentar absondern, sei es zur Flaschengärung oder zur Kunst der „Neuen Wilden“: „Früher waren es meistens Kleckse gewesen, jetzt war wieder der schmissige Strich angesagt, wenn man nicht gleich die Spritzpistole nahm. Das Ergebnis war auch nicht besser, aber die Preise überraschten Kant“. („Kant. Ein Szene-Thriller“)
Bis zu diesen, heute sehr erfolgreichen Büchern, war es aber eine lange Lehr- und Wanderzeit. Jörg Fauser begann mit dem sogenannten „Cut-up“: man schrieb eine Seite, zerschnitt sie, arrangierte die Teile neu und versuchte nun, auf „ein neues Bild, einen bisher verborgenen Sinn“ zu kommen. Verlegt wurden diese Texte meist in alternativen Kleinverlagen („Giftzwerg Presse“) oder in Zeitschriften, zum Beispiel in UFO oder in GASOLIN 23, deren Mitherausgeber Jörg Fauser Anfang der siebziger Jahre gewesen ist.
In GASOLIN 23 wurden dann auch Übersetzungen der jungen Amerikaner veröffentlicht, und damit war eigentlich der Weg vorgezeichnet. 1974 wurde Fauser Rezensent der Basler Nationalzeitung (später: Basler Zeitung), er übersiedelte von Frankfurt nach München, schrieb Gedichte, Hörspiele, Funkessays, Drehbücher, übersetzte aus dem Englischen und verfaßte eine Marlon-Brando-Biographie. Der erzählerische Durchbruch kam mit dem „Schneemann“.
Dieser Roman aus dem Drogenmilieu wurde 1984 von der Münchner Bavaria mit Marius Müller-Westernhagen in der Hauptrolle verfilmt. Neben seinem literarischen Werk publizierte Fauser viele hervorragende Reportagen, die zum Besten gehören dürften, was dieses Genre hervorgebracht hat. Seine Reportage über das Tournee-Theater der Gebrüder Grabowsky erinnert an Truman Capotes „The Muses Are Heard“ (1956) und sollte Ausgangspunkt eines ehrgeizigeren Projektes, eines Romans, werden.
In vielen Texten hat Fauser den Drogensüchtigen mit dem Künstler gleichgesetzt: Beide sind asozial und ziehen sich „in der Sucht (...) auf sich selbst zurück“. Nur auf der Suche nach neuem „Stoff“ nehmen sie Kontakt mit der Umwelt auf, doch sofort, wenn die elementaren Bedürfnisse befriedigt sind, wird „jedweder Gemeinschaft und Gesellschaft“ wieder der Rücken gekehrt. In seinem „Solo Poem“ hat Fauser die Einsamkeit als Bedingung künstlerischer Produktivität beschrieben: „Und du bist nicht da. / Und wenn du da wärst / könnte ich das nicht / schreiben.“
Die Droge wurde ihm zur Metapher für „jede Abweichung von der Normalität“; die Schriftstellerei wurde seine neue Obsession, „der Zwang zum Ausdruck“ trat an die Stelle der alten Zwänge. Kein Zweifel, Jörg Fauser hatte sich freigeschrieben und war dem Drogentod von der Schippe gesprungen. Er hatte, schon am Abgrund stehend, das Schreiben als Berufung erfahren und erlebt, wie die Literatur die Welt verändern kann.
erschienen in: Bayerland. Nr. 6 (juni 1990).
