Ihr werdet alle gewesen sein. Ulrich Sonnemann: Tunnelstiche / Gangarten einer nervösen Natter bei Vollmond
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Rezension von Lutz Hagestedt
Ihr werdet alle gewesen sein
Essays und Aphorismen von Ulrich Sonnemann
Ulrich Sonnemann: Tunnelstiche. Reden, Aufzeichnungen und Essays. Athenäum Verlag, Frankfurt/M. 1987. 331 Seiten. / Gangarten einer nervösen Natter bei Vollmond. Volten und Weiterungen. Athenäum Verlag, Frankfurt/M. 1988. 172 Seiten.
Über Ulrich Sonnemanns Stil ist viel geschrieben worden, seine Bücher werden häufig als schwer lesbar empfunden, der Leser scheitert an den mäandernden Schachtelsätzen, weil er es nicht mehr gewohnt ist, mit den Ohren zu lesen und dem Rhythmus der Sprache zu folgen. Sonnemanns Sätze folgen den Bewegungen des Gedankens und schöpfen das Potential der deutschen Sprache in ganz ungewohnter Weise aus, die Syntax bildet einen untrennbaren Bestandteil der Argumentation, insofern sich die Argumentation an ihr entlanghangelt und somit nachvollziehbar wird. Dahinter steckt zweifellos ein unerhörter Stilwille, und Sonnemanns Parteinahme für das Ohr als des edleren, wärmeren Sinns, für die sinnliche Qualität und Geschichte stiftende Erfahrung des Hörens, wird hier verständlich. Neben den langen Satzperioden bereitet die „Präsuppositionsstruktur“ seiner Prosa Schwierigkeiten, soll heißen, daß seine Texte immer schon voraussetzen, daß der Leser weiß, worüber je gesprochen wird; er verwendet deshalb häufig Proformen, die für einen Ausdruck, für einen Namen, für einen Sachverhalt stehen, der aber erst noch erschlossen werden muß. Auch dieses Verfahren ist legitim, denn Sonnemanns Essays, Glossen, Aphorismen, Erzählungen, Gedichte und sonstigen literarischen Kleinformen greifen überhaupt nur diejenigen Probleme und Themen auf, die in der Luft hegen, die für unser Hier und Jetzt relevant sind, die das Kriterium der Aktualität erfüllen.
Zu den Ärgernissen, die ihn immer und immer wieder beschäftigen, zählt die kantische Definition der Zeit als „Anschauungsform“. Hier werde die Zeit „zur Strecke gebracht“, sagt Sonnemann, und er plädiert dafür, der Zeit ein anderes Sinnesorgan, nämlich das Ohr, zuzuordnen. Hier reichen seine Überlegungen weit in die goethezeitliche Philosophie hinein, deren Probleme für sein ganzes Denken konstitutiv sind, und greifen auf deren Wahrnehmungstheorien zurück. Das Auge ist zweifellos beherrschend unter den Sinnen, es ist aber auch derjenige Sinn, der den Menschen am ehesten beherrschbar macht. Um die „Okulartyrannis“ in diesem doppelten Sinne geht es Sonnemann, wenn er den Mythos vom Narziß bemüht, um das „in sich verstrickte Bewußtsein“ der Moderne darzustellen: Der moderne Narziß schafft sich Simulacra, Abziehbilder der Wirklichkeit, eine „Welt als Phantom und Matrize“ (Günther Anders), eine Spiegelwelt, die zunehmend Weltverlust impliziert. Das blöde Auge des Fernsehers etwa hypnotisiert den modernen Narziß, isoliert und manipuliert ihn, drängt ihn in die Rolle eines leer rezeptiven Voyeurs und macht ihn dadurch beherrschbar. Die Wiederholung des Immergleichen führt zur Lethargie und bringt endlich Siechtum und Tod. Ob aber die „Raum-Hypnose“ der Neuzeit überwunden werden kann, wie Ulrich Sonnemann sich das wünscht, bleibt abzuwarten. „Es ist“, schrieb das Time Magazin optimistisch, „als sei nach Jahrzehnten des Auges, in denen Film, Fernsehen und Video dominierten, das Ohr wiederentdeckt worden.“
Sonnemanns Verhältnis zur Sprache drückt sich auch in seiner Vermutung aus, daß unsere Zeit ihre eigene grammatikalische Form habe, das Perfekt-Futur des Gewesensein-Werdens, als Korrelat einer Wirklichkeit, in der bewußt immer schon von einer verplanten Zukunft ausgegangen wird; die Menschen räumen alles aus dem Weg, was ihre Pläne stören könnte, sie verhalten sich so, wie sei meinen, daß sie einmal gewesen sein werden oder sein sollten.
Der Mensch will heute, so lautet Sonnemanns Befund, das Gegenwärtige festschreiben, will sich auf die Zukunft nicht mehr einlassen und gefährdet damit die Zukunft selbst. Denn Zukunft ist nicht nur das Vorausgeplante, sondern auch das Spontane, Unvorhergesehene, das den Status quo gefährdet, wie der Tod, dem wir, diese Zeilen lesend, schon ein Stückchen nähergerückt sind. In einer Erzählung läßt Sonnemann Gott selbst auf das Recht pochen, in seinen Entwürfen einer möglichen zukünftigen Welt das Prinzip der Freiheit walten zu lassen, denn was wäre das für eine Welt in der alles von vornherein feststünde?
Der Widersacher Gottes heißt demgemäß auch nicht mehr Lucifer, Diabolus oder Satan, sondern „Wiederholungszwang“, wie jene Kategorie aus der Psychoanalyse, die oben als charakteristisches Phänomen des modernen Bewußtseins aufgezeigt wurde. Was endlich jegliche Zukunft zunichte machen könnte, ist die Möglichkeit zum atomaren Overkill, der für eine Nachwelt nichts übrigließe und der Weltgeschichte ihr absolutes Ende bereiten könnte. Mit der Welt würden auch alle Vergangenheiten verschwinden, und für den Menschen hieße dies: niemals gewesen zu sein.
Ulrich Sonnemann glaubt, daß alles Machbare schließlich auch gemacht werden wird, wenn sich nicht das „allgemeine Bewußtsein“ wandelt und sich der universellen Vernichtungsgefahr entgegenstemmt. Es hilft nicht, an das moralische Gewissen der Forschung zu appellieren, ihr im übrigen aber alle Freiheiten zu lassen, es ist falsch, die Naturwissenschaften und die moderne Technologieentwicklung als moralisch „neutral“ zu bewerten, denn Erkenntnis selbst wurde schon immer als Unterwerfung und Beherrschung (von Natur usw.) verstanden.
Solange es uns an einer „praktischen Ethik“ fehlt, solange wir etwa in Asylbewerbern nur „Ausländer“ und „Wirtschaftsflüchtlinge“ sehen und zur großzügigen, spontanen Geste nicht bereit sind, solange im praktischen Leben eine ontologische und qualitative Differenz zwischen der fortgeschrittenen Erkenntnis und der nachhinkenden Praxis besteht, solange besteht auch die Gefahr einer globalen Katastrophe, des absoluten Verschwindens dieser Welt aus dem Universum.
Hier tritt Ulrich Sonnemann als Mahner und Warner auf, als moralische Autorität etwa Günther Anders oder Robert Jungk vergleichbar, er hat zweifellos die Befähigung zum mot juste, also das richtige Wort zur rechten Zeit zu sagen, denn atemlos liest man seine politischen Attacken, die auf die Nacktheit des Kaisers zeigen, auf das Unrecht, das von deutscher Justiz ausgegangen ist und noch wieder ausgehen kann, auf den neuen Typus des „Bekenners“, der sich zu den widersprüchlichsten Dingen gleichermaßen bekennt, also erst zum Kohlekraftwerk Buschhaus, dann zum Umweltschutz, auf die „postmodernen Strategien des Vergessens“ (Burghart Schmidt), auf die deutsche Staatsidolatrie usw.
Kritisch setzt er sich mit seiner eigenen Disziplin, der Psychohistorie, auseinander, also dem Versuch, Psychoanalyse und Geschichtsschreibung miteinander zu verbinden, von der Personal- zur Sozialgeschichte, von der Individual- zur Massenpsychologie zu gelangen, insofern diese Psychohistorie zu einer Nomothetik verkommt (bei Lloyd deMause und anderen) und dabei übersieht, daß sich historischer Wandel nicht in Regularitäten erschöpft. Was, rückwärts betrachtet, oft als Automatik, Determiniertheit, Zwangsläufigkeit im Geschichtsverlauf erscheint, ist dennoch zu seiner Zeit „offen“ gewesen und hat alternative Ereignisse zugelassen. Jede Geschichtsphilosophie, die auf eine Nomothetik hinausläuft, ist so überflüssig wie Fußpilz, wir brauchen deshalb ein offenes Verhältnis zur eigenen Geschichte, sagt Sonnemann, und das bedeutet, daß wir alles immer wieder überprüfen und notfalls Ungehorsam zeigen müssen, „zunächst einmal gegenüber dem in der eigenen Brust“.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 58 vom Freitag, 10. März 1989
