Ich wollte mein Testament schreiben. Vier Lesarten einer dichten Geschichte. Michael Krüger: Warum Peking?
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Rezension von Lutz Hagestedt
Ich wollte mein Testament schreiben
Vier Lesarten einer dichten Geschichte: Michael Krügers „Warum Peking?“
MICHAEL KRÜGER: Warum Peking? – Eine chinesische Geschichte. Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 1986. Quartheft 145; 102 Seiten.
Was ist das für eine seltsame Geschichte, die uns hier erzählt wird, worauf will sie hinaus? Und besteht sie nicht nur aus unzähligen Abschweifungen, unwichtigen Details? Wo liegt das Zentrum dieses Erzähl-Tableaus, das sich für die Rezension zulässigerweise herausarbeiten und beschreiben ließe? Was tun, wenn man im Anfang etwas ratlos ist? Vielleicht am besten den Handlungsverlauf grob skizzieren:
Da hat der Angestellte einer Computerfirma für die Werkszeitung einen Aufsatz über Konfuzius geschrieben, eine Marginalie zwar, nicht mehr als ein ausgeschmückter Lexikonartikel von zweifelhafter Qualität, aber dieser Artikel bringt den Stein ins Rollen. Der Verfasser wird zum ersten internationalen Konfuzius-Kongreß nach Peking eingeladen und läßt sich drängen, einen Vortrag über die „Wiedererstarkung des Buddhismus“ vorzubereiten. Schon kurz nach seiner Ankunft in Peking wird ihm das Manuskript abgenommen, angeblich, weil eine Übersetzung angefertigt werden muß; die erste von insgesamt drei Manuskript- bzw. Buch-Verlustgeschichten hat begonnen.
Da dem Erzähler Manuskript und auch Paß abhanden gekommen sind, diese einzigen Dokumente seiner „mehr als unsicheren Existenz“, formuliert er mit Kaltblütigkeit die konsequente These, daß er „ja eigentlich gar nicht mehr in Peking existiere“. Er ist schließlich so verunsichert – und wir mit ihm –, daß er seinen Aufenthalt in China und überhaupt alles für einen großen Spuk hält. Und er gebraucht den Schlüsselbegriff von der „Großen Grauen Kontingenz“, jenem poetischen Erzählraum des Lebens, wonach eine Geschichte auch anders erzählt werden könnte, als sie erzählt wird, wonach ein Ereignis auch anders oder gar nicht eintreten könnte. Weil wir in Unkenntnis der Ursachen leben, erscheint uns die Welt als vom Zufall regiert.
Doch das ist nur eine Lesart. „Warum Peking?“ kann auch ganz anders rezipiert werden, zum Beispiel als Kriminal- oder Geheimdiensterzählung: Da ist zunächst Hu Yaocheng, der das Manuskript gestohlen hat und sich nie wieder blicken läßt; da ist Professor Muller, vorgeblich Sinologe und vielleicht zur Überwachung des Erzählers abgestellt; und da ist Gwendolyn, eine Archäologin aus Illinois, die im Anflug auf Peking zufällig neben dem Erzähler sitzt, die zufällig im selben Hotel wohnt und bald das Bett mit ihm teilt, und die nicht ganz so zufällig auf einer Photographie zwischen Hu und Muller zu stehen scheint: Schon glaubt unser Held, im Dämmerlicht seines Hotelzimmers das Dokument eines internationalen Spionage-Rings in den Händen zu halten, schon ist er einem einzigen Komplott auf der Spur, als auch die Beweiskraft dieser Photographie im Lichte des Tages rasch abnimmt und „die Logik der einzelnen Handlungselemente“ im verborgenen bleibt. Und der Erzähler, völlig erschöpft von den Kapriolen seiner rasenden Phantasie, die immer bizarrer, immer absonderlicher das Krankheitsbild eines grotesken Verfolgungswahns herausbildet, fängt in jenem „Seelenzustand der Hilflosigkeit“ bitterlich zu weinen an. Als es ihm endlich gelingt, mit der Deutschen Botschaft Kontakt aufzunehmen, als die ersten vertrauten Laute an sein Ohr dringen, hängt er sabbernd und brummelnd wie ein Säugling am Telephon; die Gefühle haben ihn übermannt und der Regression einen letzten Schub gegeben. Für ihn ist China ein Land, wo nichts mit rechten Dingen zugeht, wo auf seine Kosten ein mysteriöses Maskenspiel inszeniert wird, aber hinter den „perfekt sitzende(n) Maske(n)“ stehen schon längst keine Chinesen mehr, sondern bestenfalls „Maskenträger des Chinesischen“.
Natürlich muß man Michael Krügers Erzählung auch als bitterböse Parodie auf den heutigen Wissenschaftsbetrieb lesen, der – touristisch organisiert – die ganze Welt mit seinem Geschwätz traktiert: „Keiner schweigt. Keiner will schweigen. (...) Jeder kommt zu Wort.“ Denn „solange wir reden, muß die Welt existieren“. Nur Peking, eine Insel der Ruhe im Meer des Geschwätzes, ist bisher von jenen wissenschaftlichen Scheingefechten verschont geblieben, und ausgerechnet hier muß, weil Peine, Pattensen und Paris über Jahre hinaus ausgebucht sind, der erste internationale Konfuzius-Kongreß ausgetragen werden. Der räsonierende Ich-Erzähler, den seit Betreten des chinesischen Bodens eine „mentale Verfinsterung“ befallen hat, weiß nur noch einen Weg, wie man das Land und seine Kultur vor dem Untergang bewahren kann: „Nach meiner festen Überzeugung ist das Chinesische nur durch dessen zeitweise Ignorierung zu retten.“ Der groteske Gedanke wäre durchaus erwägenswert, wenn es nicht längst schon zu spät wäre, wenn die große chinesische Mauer dem geschwätzigen Lärm des Abendlandes nicht längst schon nachgegeben hätte, wie weiland die Mauern von Jericho dem Lärm der Posaunen.
Doch gibt es noch eine weitere Lesart, die eigentlich über den vorliegenden Band hinausweist. Denn der Buchtitel „Warum Peking? – Eine chinesische Geschichte“ ist offensichtlich in Analogie zu der Erzählung „Was tun? – Eine altmodische Geschichte“ entstanden (1984; Wagenbach-Quartheft 131). In dieser Erzählung lassen sich einige programmatische Äußerungen isolieren, die auf eine eigene Autorentheorie, respektive Produktionsästhetik deuten, und die Gültigkeit beanspruchen über „Was tun?“ und möglicherweise auch über „Warum Peking?“ hinaus. Dort heißt es:
„Ich wollte mein Testament schreiben. Aber (...) eines, das mit peinlichster Akribie das Inventar meines Kopfes und meiner Seele (...) aufstellen sollte. In meiner euphorischen Vermessenheit stellte ich mir vor, dieses umfangreiche Register dessen, was in einem Menschen Platz hat, würde das nahe Ende der Welt überdauern und kommenden Populationen (...) als Hauptquelle zur Erforschung des Menschen der achtziger Jahre unseres unseligen Jahrhunderts dienen. Jede Erinnerung, jedes Bild, jedes Gefühl, jeder Wahn und jede noch so unwichtig scheinende Wahrnehmung sollte beschrieben und zur Disposition gestellt werden, und mit der letzten Eintragung sollte mein Leben zu Ende sein: ich wollte mich auf die unerbittlichste Weise aus mir selber und aus der Welt wegschreiben.“
Wenn man das Zitat aus „Was tun?“ auch für „Warum Peking?“ gelten läßt und ernstnimmt – und die Ähnlichkeit in Titel, Aufmachung und Erzählstruktur legt das nahe –, dann sind Krügers Erzählungen als Notationen unserer Zeit aufzufassen. Dann erklären sich auch die zahlreichen Abschweifungen und scheinbar unwichtigen Details, von denen wir eingangs gesprochen haben. „Dieses ständige Erinnertsein an, dieses Anspielungsgehirn“ des Erzählers will mit notarieller Akribie dem „Gedächtnisverlust unserer Literatur“ entgegenschreiben. Hier ist offensichtlich ein „work in progress“ im Entstehen, dessen nächste Bände vielleicht heißen: „Was bleibt? – Eine pessimistische Geschichte“ oder „Wie lange noch? – Eine unglaubliche Geschichte“. Und wenn Krüger seine Erzählungen weiter so finster und schwarzgallig anlegt, dann kann nur eine Comédie humaine dabei herausspringen, ein unglaublich bitteres und zugleich witziges Sittenbild unserer Zeit, das so gar nicht zu der trübselig-trostlosen und mondänen Lebewelt passen will, die der Autor repräsentiert. Die zahlreichen „Fragmente der absonderlichsten Art“ und die bizarren Einzelszenen, die der Erzähler hemmungslos einflicht, sind ein einziger Lesespaß. Man denke an die „tantrischen Formationen“ in „Was tun?“ oder an die koitalen Stellungen in „Warum Peking?“. Einmal macht sich der Erzähler Gedanken über „das prekäre Verhältnis von Literatur und geschlechtlicher Erregung“, als er ein „widerlich gespreiztes Buch“ erblickt, das dieselbe „unappetitliche Figur eines Spagats“ macht wie gerade die Geschlechtspartnerin Gwendolyn über ihm. Zwei Figuren, die sich auch sonst komplementär ergänzen: Ziel der Archäologin ist „das Freilegen der Erinnerung in diesem Weltgehirn“, Ziel des Schriftstellers aber das Festhalten dieser Erinnerung. „Warum Peking?“ ist also nicht trotz, sondern auch wegen seiner zahlreichen Abschweifungen und unzähligen Details ein überaus amüsantes Buch.
erschienen in: Süddeutsche Zeitung Nr. 186 vom 16./17.08.1986. S. 88.
