Ich betrachte den besagten Wirbel in äußerster Muße - Zum Streit um die Verleihung der Ehrendoktorwürde an den Schriftsteller Hans Wollschläger
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Beitrag von Lutz Hagestedt
„Ich betrachte den besagten Wirbel in äußerster Muße“
Es mag viele Gründe geben, die Hans Wollschläger in die erzkatholische Karl-May- und E.T.A.-Hoffmann-Stadt Bamberg verschlagen haben. In der beschaulichen Kirchenprovinz kann er vor allem in produktiver Abgeschiedenheit seinen Neigungen leben. Vielleicht hat er auch Caesars Worten beim Anblick eines Alpendorfs Gehör geschenkt: „Lieber der Erste hier als der Zweite in Rom.“ Hans Wollschläger gehört mit Sicherheit zu den bekanntesten Bürgern der Stadt, ohne sich jedoch allgemeiner Beliebtheit zu erfreuen. Er hat sich hier in dreißig Jahren viele Feinde gemacht, besonders an jenem denkwürdigen 24. Juni 1973, als er die Stadt Bamberg anläßlich ihrer 1000-Jahr-Feier an die Schattenseiten ihrer Geschichte erinnerte, an die Verfolgung der Juden, die Verfolgung der „Ketzer“, die Verfolgung der Bauern und Bürger und die Verfolgung der „Hexen“: „Es brach ein Getümmel der Affekte los, das selbst mir, der die Schlaftiefe des Bürgertums voll zu würdigen weiß, überraschend kam.“
Viel Feind, aber auch viel Ehr: Hans Wollschläger hat justament den mit zehntausend Mark dotierten E.T.A.-Hoffmann-Kulturpreis der Stadt Bamberg erhalten, und seit längerem schon plant die Friedrich-Otto-Universität seiner Heimatstadt, dem streitbaren Essayisten die Ehrendoktorwürde zu verleihen. Die Initiative dazu war bereits vor mehr als zwei Jahren von der Fakultät für Sprach- und Literaturwissenschaften ausgegangen, diese hatte den Ehrendoktorhut für Wollschläger beantragt und dafür auch die Zustimmung der Fakultät für Pädagogik, Philosophie und Psychologie erhalten.
Verstoß gegen Wertfreiheit der Wissenschaft
Allein die Geschichts- und Geowissenschaftler sperrten sich gegen die Ehrung und sorgten damit für einigen Wirbel. Hans Wollschläger hat sich davon nicht anfechten lassen, sondern hat signalisiert, daß er die Motive, die hinter der geplanten Verleihung stehen, durchaus respektieren könne: „Ich sehe, gern dankbar, das Wohlwollen derer, die den Gedanken hatten, und das Gegenteil bei den anderen –: dergleichen ist der bloße Lauf der Welt. Im übrigen bin ich längst aus dem Alter heraus, wo man für sein Selbstgefühl auf Klunker wie Orden und Titel angewiesen ist, und betrachte den besagten Wirbel in äußerster Muße.“
Als Begründung für ihr Veto hatte die Fakultät für Geschichts- und Geowissenschaften angeführt, Wollschlägers Geschichte der Kreuzzüge würde „normative Aussagen mit Faktenaussagen“ vermengen und gegen die Pflicht zur Wertfreiheit der Wissenschaft verstoßen. Hans Wollschläger hat freilich nie bestritten, daß sein Buch methodisch angreifbar sei: „Aber natürlich stimmt das, und es konstituiert – gemäß der pro Vokativen, aufklärerischen Absicht – gerade die spezielle literarische Form. Das Buch ist eine Streitschrift – und in jenem ‚ironischen‘ Stil geschrieben, den Schopenhauer als den eigentlichen für die Geschichte erkannt und gefordert hat. Daß die Zunft – ach, ich könnte aus ihr auch Gegen-Gutachten beibringen – von sehr prominenten Vertretern – das als wissenschaftliches Versagen wertet, finde ich ebenso rührend wie ahnungslos.“
Wiederholt wurde in der Presse (zum Beispiel in der Süddeutschen Zeitung) auch der Verdacht geäußert, der Bamberger Domberg habe in das Promotionsverfahren eingegriffen, doch nicht einmal Hans Wollschläger scheint an eine direkte Einflußnahme der Geistlichkeit zu glauben: „Nun, ich bin ein ausgewiesener Kirchenfeind, und die klerikale Nächstenliebe findet sich von mir sicher überfordert. Aber solch ein Einfluß läuft natürlich viel subtiler ab: Er ist von den Betroffenen längst internalisiert und bedarf eines groben Getuschels in irgendeiner Lobby überhaupt nicht. Das ist ebenfalls wieder nur ein Stück vom Lauf der Welt, und ich finde es ganz überflüssig, daß sich darüber öffentlicher Wind erhebt. Auch daß sich meinetwegen einige Kollegen auf den Gängen nicht mehr grüßen, scheint mir ein entbehrlicher Überschuß an Pathos zu sein.“
Absurder Kompromißvorschlag
Ein Kompromißvorschlag, der darauf abzielte, nur den „literarischen“ Teil von Wollschlägers Œuvre zu würdigen, den „historischen“, also etwa die Geschichte der Kreuzzüge, aber auszuklammern, entbehrte nicht einer gewissen Absurdität. Wollschläger hat zu dem Vorgang ironisch Stellung bezogen: „Die Werteskalen wechseln, und auch diese ist ja nicht für die Ewigkeit. Aber ich will verträglich bleiben –: Wenn man auch meine Streitschriften als reine Literatur sehen will, soll‘s mir nicht unrecht sein.“ Der Streit der Fakultäten hat überregional Aufsehen erregt und wird zu einer Novellierung der Promotionsordnung („Lex Wollschläger“) führen. Durch die Änderung kann hinfort jede Fakultät die Ehrendoktorwürde im Alleingang verleihen, während früher alle drei Fakultäten zustimmen mußten. Freilich gibt der Streit Anlaß, Hans Wollschlägers Verhältnis zur Wissenschaft genauer zu betrachten. Ober die „Pflicht zur Wertfreiheit der Wissenschaft“ denkt er jedenfalls „gerührt“: „Es gibt sie nur als Fiktion; kein Mensch, der nicht auf die völlige Abgestorbenheit seiner psychischen und geistigen Bewegungen verweisen kann, vermag auch nur einen Satz zu schreiben, hinter dem nicht die Orientierung irgendeiner Werteskala stünde (...) Auch bei uns haben diverse Kreise noch einige Weltentwicklung aufzuholen. Das ‚Objektive‘, an das der Aktendiener glaubt, gibt es nicht; nicht zuletzt darum muß auch die Geschichte alle Jahrzehnte neu geschrieben werden. Dem Wechsel der Werteskalen (hoffentlich: ihrer immer reicheren und reineren Menschenbezogenheit) verdankt die Kulturwissenschaft ihr bleibendes Brot; sonst könnte sie sich getrost auf den Verdiensten des 19. Jahrhunderts ausruhen.“
Polemik gegen Tierversuche
Wollschlägers allerneuestes Buch, „Tiere sehen dich an oder Das Potential Mengele“ (Zürich 1989), macht sein Verhältnis zur Wissenschaft anschaulich. Es ist eine stilistisch aufwendige Polemik gegen Tierversuche, die ihr polemisches Potential aus dem immensen Wissen und der gewissenhaften Recherche des Autors schöpft, ein Wissen, das komplexe medizinische Sachverhalte einschließt und auf der psychoanalytischen Rekonstruktion der unterschwelligen Motive beruht, die – Hans Wollschläger zufolge – den grausamen Zwangscharakter der Tierversuche bedingen sollen. Ein kollektiver Sadismus, so lautet sein Befund, von primitiven Grundantrieben wie Habgier, Gewinnsucht, „Fraß-Süchtigkeit“ gesteuert, bringe sich hier zum Ausdruck. Der Gesetzgeber dulde diese „Megakriminalität“, diese „Medizinverbrechen“, die von einer gewissenlosen Wirtschaft ausgingen, die sich die „ Organisationsform des KZ“ gewählt habe. Wortgewaltig wird hier schweres Geschütz aufgefahren, ganz im Sinne der oben erwähnten „Provokativen Absicht“. Natürlich lassen sich Einwände gegen ein solches Vorgehen formulieren, das „aufklärerisch“ wirken will, doch muß der Sadismusvorwurf gegen den Professor White aus Cleveland/Ohio nicht abwegig sein – als der Vorwurf gegen einen Mann, der seit zwanzig Jahren Tierköpfe verpflanzt und „nun endlich so gern auch Menschenköpfe auswechseln möchte“. Auch „Megakriminalität“ ist kein schlechtes Wort für diejenigen, die „Waffenwirkungen“ zunächst an Tieren erproben, um sie dann im „Kriegsfall“ gegen die Menschen zu wenden.
„Ermächtigungsgesetz“ von 1986
Hans Wollschläger hat das Tierschutzgesetz von 1986 als „Ermächtigungsgesetz“ und die Genehmigungspraxis der Tierversuche als „Rechtsskandal“ und „Höllenvorgang“ bezeichnet. Die Übertragbarkeit von Tierversuchen hat er radikal negiert: „Das Quälen der Tiere als Symptom, als Synonym und Metapher, entsetzlich stellvertretend (unersetzlich?): es wird seinen Zweck nicht erreichen.“ Könnte er sich vorstellen, Ehrenvorsitzender einer Kommission zur Novellierung des Tierschutzgesetzes zu sein? „Nicht doch, so einen Posten gibt es gar nicht; das macht eine Kompanie von Juristen, deren Vorsitzender unter unseren schönen Umständen das Volk mit hoffentlich nachdrücklichen Richtlinienbestimmungen ist bzw. sein sollte. Ihm habe ich ein paar Überlegungen an die Hand gegeben; mehr ist nicht meines Amtes.“
Erschienen in: Bayerland. Nr. 1, Januar 1990. S. 30f.
