Hototogisu ist keine nachtigall. Eine deutsch-japanische Kettendichtung. H. C. Artmann, Makoto Ooka u.a.: Vier Scharniere mit Zunge
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Rezension von Lutz Hagestedt
hototogisu ist keine nachtigall
Eine deutsch-japanische Kettendichtung
H. C ARTMANN, MAKOTO OOKA, OSKAR PASTIOR, SHUNTARO TANIKAWA: Vier Scharniere mit Zunge. Eine Renshi-Kettendichtung. Unter Mitwirkung der Übersetzer Hiroomi Fukuzawa und Eduard Klopfenstein. Beilage: Kalligraphie der gemeinsam verfaßten Kettendichtung, geschrieben von Makoto Ooka (Leporello, 7 x 1 Meter), Klaus G. Renner Verlag, München 1988. 95 Seiten.
„Vier Männer sitzen am schwarzen Tisch / zwei mit Bart zwei ohne Bart / aber alle vier mit Altersbrillen / ihre Wörter nicht so ähnlich wie ihre Gesichter / ihre Gesichter weniger ähnlich als die Wörter“ (Shuntaro Tanikawa).
Im November 1987 trafen sich H. C. Artmann und Oskar Pastior (die Bärtigen) und Makoto Ooka und Shuntaro Tanikawa (die Bartlosen) im Literaturhaus Berlin, um ein deutsch-japanisches Gemeinschaftsgedicht zu schreiben. Und Herbert Wiesner, der Leiter des Literaturhauses, hatte noch zwei Übersetzer hinzugebeten, damit die Wörter etwas ähnlicher wurden als die Gesichter. Herausgekommen ist dabei eine ganz moderne Renshi-Kettendichtung, die durchaus noch keinen Bart hat, ein Zyklus aus 40 Gedichten, Anfangsgedicht (siehe oben) und Schlußgedicht (siehe unten) eingeschlossen.
Der/die/das Renshi: Darunter versteht man miteinander verbundene (ren) Gedichte, die im modernen Stil (shi) geschrieben und in zeitlicher Abfolge entstanden sind. Im Idealfalle sollten alle Einzelgedichte aufeinander Bezug nehmen, sozusagen auditive, visuelle und/oder semantische Brücken zu den anderen Texten schlagen, um schließlich eine Einheit zu bilden. Auf der deutschsprachigen Seite hätte man schwerlich eine bessere Auswahl treffen können. H. C Artmann nimmt in seinem ersten Gedicht nahezu alle Motive seines Vorgängers Makoto Ooka auf und setzt sie sprachlich um. Hier die beiden Texte, zunächst Makoto Ooka:
Das Wasser ist klar vom Herzen der Frau die Frau im Wasser sie tanzt das Wasser ist farblos wie Himmel im Herzen der Frau ist nur Farbe Himmel
und Artmann:
wenn wasser zu eis wird läuft der himmel schlittschuh die blaßlila augen einer frau lenken seine unsichtbaren beine mit der musik eines walzers
Bei Oskar Pastior sind die Übergänge nicht so leicht auszumachen, sein erster Text deutet bereits auf die Unmöglichkeit von „Übersetzung“ hin. Pastiors Kettenglieder hängen „an den Scharnieren die niemand sieht“. „Hinge matte sora ...“ beginnt sein zweites Gedicht („hinge“ kann ich mir nicht erklären, „matte“ heißt „Matte“ und „sora“ heißt „Himmel“), und aus diesen pseudojapanischen Wortbrocken entwickelt er im Laufe des Gedichts das Wort „hängematten“. „Hängematte“ ist aber, wie man bei uns vielleicht noch aus dem Deutschunterricht weiß, das Schulbeispiel für die sogenannte „Volksetymologie“: Ein undurchschaubares Wort (hamaca) wurde falsch gedeutet und der Lautkörper entsprechend umgebildet. Aus einem nicht verstandenen Wort entstand ein neuer Begriff. Das Wort „hängematten“ fungiert in Oskar Pastiors Gedicht also als ein Hinweis auf ein Verfahren, das – genau wie die Volksetymologie – mit „akustischen Scharnieren“ arbeitet, die in der Tat niemand sehen kann. Pastior hat offenbar, als die bereits entstandenen Gedichte in der Originalsprache beziehungsweise in der Übersetzung vorgetragen wurden, die auditive Brücke vorgezogen. Die japanischen Autoren, die beide aus Tokio kommen, beide 1931 geboren und Mitbegründer der Dichtergruppe „Kai“ (Das Ruder) sind, haben Gedichte beigesteuert, die – im ganzen gesehen – etwas konventioneller und semantisch kohärenter wirken als die ihrer deutschen Kollegen (und mithin einen kleinen Bart tragen) – eine durchaus sinnvolle Ergänzung zum Gemeinschaftsprojekt der lyrisch-produktiven Viererbande, die von H. C. Artmann etwas weinselig mit den Worten verabschiedet wird: „shuntaro oskar makoto kampai! / bleibt immer auf dem posten! / oh ein guter schöner tag / ich freu mich daß es uns gibt!“
erschienen in: Süddeutsche Zeitung (SZ am Wochenende) Nr. 174 vom 30./31.07.1988.
