Hosiannah! Helmut Eisendle: Oh Hannah!
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Rezension von Lutz Hagestedt
Hosiannah!
Helmut Eisendles Roman über die unerhörte Botschaft der Hysterie
HELMUT EISENDLE: Oh Hannah! Roman. Paul Zsolnay Verlag, Wien, Darmstadt 1988.184 Seiten.
Wenn der achte Buchstabe unseres Alphabets den Orthographie-Reformen des 18. Jahrhunderts zum Opfer gefallen wäre, dann würde Helmut Eisendles Roman „O Anna“ heißen. Von hinten gelesen, hätte dieser Roman, in dem es um die Ich-Findung einer jungen Frau und um den Begriff der „Hysterie“ geht, den Titel „Anna O“. Anna O. – Hysterie. – Ich-Suche: all das deutet auf den ersten Fall der Psychoanalyse, der von Sigmund Freud und Josef Breuer in den „Studien über Hysterie“ (1895) beschrieben wurde. Doktor Kier, Hannahs Therapeut, hieße – von hinten gelesen – Reik, wie Theodor Reik, der langjährige Freund und Kollege Freuds; und in Warren Gillespie, dem Liebhaber der Hannah O., steckte immerhin noch der „Vatermörder“ drin (engl. „gill“).
Man sieht, Eisendle spielt mit Namen, um beim Leser Assoziationen zu wecken, Gefühle auszulösen. Genauso wie sich die Psychoanalyse gern mythischer Figuren (Elektra, Ödipus) bedient, um bestimmte, immergleiche Muster in der Persönlichkeitsentwicklung zu klassifizieren, genauso bedient sich Eisendle einer – fast schon zum Mythos gewordenen – Fallgeschichte der Psychoanalyse, um von einer jungen Frau aus den 80er Jahren unseres Jahrhunderts zu erzählen. Warum aber gibt gerade der Fall der Anna O. den Raster des Romans ab, warum nicht Lucy R., Katharina oder Emmy von N., die anderen berühmten Hysteriegeschichten? Anna O. hat wohl deshalb eine vorrangige Bedeutung für Eisendle, weil sie der Psychoanalyse die Sprechkur (talking cure) „geschenkt“ hat, und Eisendle bevorzugt es ja, seine Figuren nicht durch Beschreibung, sondern durch Sprechen, durch Mono- und Dialoge aufzubauen.
Die Geschichte der Hannah O. ähnelt dem klasischen Vorbild: Hannah Ortheil, aufgewachsen im Wiener Großbürgertum, in einer puritanischen Familie, in der „Abweichnungen“ verpönt sind, in einer schönen Villa aus dem Fin de siècle, in einem „goldenen Käfig“ also, erleidet nach dem Tod ihres Vaters einen Hysterieanfall: „Sie hat sich aufgeführt, irgendwann, irgendwo in einem Kaffeehaus. Ein beiläufiger, nebensächlicher Grund mit unbarmherzigen Folgen.“ Sie wird eingeliefert in die Psychiatrie und wird behandelt von Doktor Kier. In Doktor Kier und Hannah Ortheil wird das alte Dilemma der Psychoanalyse, nämlich daß das Unbewußte intelligenter sei als das Bewußtsein, dargestellt: Obwohl Doktor Kier weiß, daß die Distanz des Analytikers zum Analysanden „unzweifelhaft“ sein muß, wird sein Bewußtsein von der „kalten Intelligenz“ ihres Unbewußten ausgetrickst. Kier gelingt es – wie schon seinerzeit Breuer – nicht, die Distanz zur Patientin zu wahren, seine Gefühle kommen ins Spiel. Hannah schreibt in ihr Tagebuch: „er hat mir meinen körper nein meine jugend ... oder meine existenz als mädchen als frau gegeben zurückgegeben ... er hat sich verloren nein sein postulat der autorität verlassen er hat seine akademische sicherheit und verläßlichkeit und distanz verdrängt.“
Hannah bricht die Behandlung ab, sie flüchtet in eine andere Stadt, in ein anderes Milieu: Sie arbeitet als Kellnerin im verkommenen Bahnhofsviertel von Frankfurt, ihr Erlebnishunger treibt sie in ein schwül-orgiastisches Liebesabenteuer („den kampf der liebe auf die spitze treiben“). Ihre Odyssee endet schließlich in Hamburg, wieder in einer Fin-de-siècle-Villa, einem „goldenen Käfig“; sie ist „in der Fremde zu Hause“. Indem sie über ihre Herkunft in der Vergangenheitsform spricht, signalisiert sie, daß sie sich vom Elternhaus gelöst und ein – wenn auch labiles – inneres Gleichgewicht erreicht hat.
Es gehört zu den Paradoxien des Romans, daß er einerseits den Fallbeispielen der Psychoanalyse folgt, die Psychoanalyse selbst aber als mythologisches System, als modernes Schamanentum zu entlarven versucht. Das wird besonders deutlich in den Gesprächen und Selbstgesprächen der beiden befreundeten Ärzte Kier und Schmeller: Doktor Kier hat sich seinem Freund, Doktor Schmeller, anvertraut, sich einer eigenen Analyse jedoch trotzig widersetzt. Er sieht sich als „Vollzugsorgan“ einer Gesellschaft, die allerlei Arten von Geisteskrankheiten konstruiert, um sie dann wie Stigmata oder Etiketten zu verteilen. Aber mit Rücksicht auf seine Karriere, auf seine Rolle als Ehemann und Familienvater, wird Kier weiterhin den Common sense der Psychiatrie bestätigen.
Freilich, Eisendles Psychiatrie-Kritik ist vielleicht etwas angestaubt, gehört wohl eher in den Rahmen der Anti-Psychiatrie-Diskussion der 70er Jahre. Etwas angestaubt ist auch die Ich-Findungs- und Emanzipations-Thematik des Romans, doch in den Rahmen der (literarischen) Verständigungs-, Identitätserkundungs- und Selbsterfahrungstexte der 70er Jahre gehört Eisendles Buch sicher nicht. Das Auffallende daran ist, daß sich seine Figuren fast ausschließlich über Zitate konstituieren, die Quellen werden – nach Eisendle-Art – im Anhang schön ordentlich aufgeführt. Wenn es aber richtig ist, daß sich die Figuren des Romans über Zitate konstituieren; dann handelt der Roman nicht von Individuen, sondern von Typen, die zeichenhaft stehen für bestimmte gesellschaftliche Verhältnisse und Theorien über dieses Verhältnisse.
Die Theorie, die Eisendles Roman anbietet, diskutiert die Ich-Werdung der Hannah Ortheil im Rahmen einer „Spieltheorie“: Zu den gesellschaftlich sanktionierten Spielen gehört das Psychologie-Spiel. Die Psychologie stellt ein System von einzelnen Verhaltensnormen/Spielregeln auf, die zugelassen sind. Nichterlaubte Spielzüge fallen aus dem Regelsystem heraus und heißen „Geisteskrankheiten“. Geisteskrankheiten (Hysterie, Schizophrenie usw.) sind damit nichts anderes als Metaphern für bestimmte Spielzüge, die die Spielregeln unterlaufen.
Eisendles Spielbegriff impliziert die Möglichkeit, die freiwillige Übereinkunft, die Spiele charakterisiert, aufzukündigen. Genau das tut Hannah Ortheil, wenn sie sich der Behandlung durch Doktor Kier entzieht und sich die Rollen, die sie künftig spielen will, selbst zurechtlegt. Die Hysterie dient ihr nur als Spielzug in einer Strategie, die darauf abzielt, den Rollenerwartungen zu entkommen und die Freiheit zu erproben.
erschienen in: Literatur-Beilage der Süddeutschen Zeitung. Nr. 75 vom 30.03.1988. S. 67.
